Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: Urlaub daheimCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

 

Perfektionismus - Wann aus einer Tugend eine Störung wird

Alles immer gut und richtig machen zu wollen, scheint erstmal eine gute Eigenschaft zu sein. Vor allem Arbeitgeber schätzen Perfektionisten. Die stehen sich aber manchmal selbst im Weg. Wie man den ewigen Drang zur Spitzenleistung selbst zügeln kann.



Bei der Arbeit
Perfektionisten neigen dazu, nichts zu beenden, weil ihre Ansprüche viel zu hoch sind. Auf Dauer kann das krank machen.   Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-tmn

Wer immer nur das Beste aus sich herausholen will, kann es zu Erfolg und Anerkennung bringen - oder mit Burnout auf der Couch eines Therapeuten landen. Aber was unterscheidet eigentlich eine gesunde Portion Leistungsbereitschaft von krankhaftem Perfektionismus?

Im Grunde steckt in jedem Menschen ein Perfektionist. «Wir lernen schon früh im Elternhaus und in der Schule, dass von uns Leistung erwartet wird», sagt Meltem Avci-Werning, Vorstandsvorsitzende der Sektion Schulpsychologie beim Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Etwas besonders gut machen zu wollen, kann eine Reaktion auf diese Erwartungen sein. Das ist erstmal nicht schlecht. «Im Arbeitsalltag kann man sich auf die Ergebnisse von Perfektionisten verlassen», sagt Karriereberaterin Gaby Regler aus München.

Aber Perfektionismus kann auch zur Last werden und nicht nur der eigenen Selbstverwirklichung, sondern auch zwischenmenschlichen Beziehungen im Weg stehen. Psychologen unterscheiden bei Perfektionisten zwischen zwei Varianten. Solange jemand zwar das Beste erreichen möchte, aber sich selbst und anderen auch Fehler zugesteht und diese ertragen kann, ist Perfektionismus kein Problem.

«Wenn jemand jedoch in diversen Lebensbereichen extrem hohe Maßstäbe hat und an diesen rigide festhält, weil der eigene Selbstwert davon abhängt, dann kann dies zum Problem werden», erklärt Nils Spitzer, Psychologischer Psychotherapeut und Buchautor. Besonders problematisch ist es, wenn jemand das Gefühl hat, er werde von anderen nur geliebt und akzeptiert, wenn er Bestleistungen erbringt.

Solche Menschen schauen eher auf Fehler als auf Erfolge und leiden, wenn sie ihre hohen Maßstäbe nicht erfüllen. Daraus können Ängste vor Prüfungssituationen entstehen. Auch Aufschiebeverhalten ist typisch für diese Menschen. Für sie gibt es immer einen Grund, warum etwas noch nicht gut genug ist, um es abzuschließen, sagt Spitzer.

«Im Berufsalltag brauchen Perfektionisten oft mehr Zeit als ihre Kollegen», erläutert Karriereberaterin Gaby Regler. Sie können häufig auch schlechter delegieren, weil sie lieber alles selbst machen wollen. Das Gefühl, nie fertig zu werden, belastet sie zugleich. Langfristig drohen Burnout oder Depressionen, manchmal auch Essstörungen, da die hohen Ansprüche zu chronischem Stress führen.

Was hilft, ist genau hinzusehen und das eigene Verhalten kritisch zu hinterfragen. Avci-Werning empfiehlt, zunächst die Frage nach dem eigenen Motiv zu stellen: Will ich Karriere machen und deshalb immer Spitzenklasse sein? Oder habe ich das Gefühl, perfekt sein zu müssen, damit andere mich mögen? Letzteres könnte ein Hinweis auf ein geringes Selbstwertgefühl sein. In diesem Fall kann es sinnvoll sein, mit einem Therapeuten daran zu arbeiten.

Aber nicht immer ist gleich eine Therapie nötig. «Manchmal hilft es zu überlegen, wie wichtig etwas rückblickend in einem Jahr noch sein wird, um einzuschätzen, ob der eigene Perfektionismus angebracht ist oder nicht.» Auch aktive Erholung kann entlasten. Nichts tun ist für Perfektionisten jedoch eine schwierige Aufgabe. «Da hilft es, zu überlegen: Was kann ich aktiv tun und gleichzeitig zur Ruhe kommen?». Der eine schafft das mit Sport, andere, indem sie sich mit Freunden treffen, wieder andere erholen sich bei einer Meditation. Mit ein paar Tricks lässt sich der eigene Perfektionismus also in die richtigen Bahnen leiten, so dass er nicht irgendwann zur Bürde wird.

Veröffentlicht am:
23. 08. 2017
04:40 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Burnout-Syndrom Emotion und Gefühl Psychologinnen und Psychologen Störungen und Störfälle Therapeutinnen und Therapeuten
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Tobias Maldei

29.07.2020

Ihr Bauchgefühl können Sie trainieren

Das Bauchgefühl ist mehr als ein guter Ratgeber. Es warnt auch vor Gefahren. Wer seiner inneren Stimme ausreichend Gehör schenkt, trifft am Ende oft bessere Entscheidungen. » mehr

Julia Scharnhorst

22.03.2020

Strategien gegen den Corona-Lagerkoller

Zu Hause, immer, sogar bei der Arbeit - das kann eine große psychische Belastung sein, warnen Experten. Wer sich davor schützen will, kann aber einiges tun. Der erste Schritt: Duschen. » mehr

Greta Thunberg

15.10.2019

Was Greta Thunbergs Krankheit bedeutet

Asperger-Autisten gelten oft als besonders begabte Wunderkinder - so wie Greta Thunberg. Doch viele haben eine falsche Vorstellung von der Krankheit. Genau genommen gibt es Asperger-Autismus nicht einmal. » mehr

Ulrich Hegerl

24.06.2020

Funktioniert Psychotherapie auch digital?

Der Markt für mentale Gesundheit im Netz wächst. Doch nicht alle Anwendungen sind ohne weiteres für jeden geeignet - wenn es schlecht läuft, machen sie es sogar schlimmer. » mehr

Psychotherapie

23.06.2020

Der mitunter steinige Weg zur Psychotherapie

Psychische Störungen brauchen eine gute Therapie. Doch das ist für gesetzlich Krankenversicherte leichter gesagt als getan. Denn die Plätze sind rar - und der Ablauf nicht leicht zu durchblicken. » mehr

Andreas Seebeck und Jelle Homrighausen

27.02.2019

Wenn Schmatzen und Schlürfen zur Folter werden

Das Krachen der Nachos wird zur Qual, das Knacken der Möhren zum Horrortrip. Und erst das Schniefen zwischen jedem Biss in den Burger: Es provoziert grenzenlose Wut. Wer bei Ess-Geräuschen seiner Mitmenschen durch die Hö... » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
23. 08. 2017
04:40 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.