Lade Login-Box.
Topthemen: BlitzerwarnerLoewe-InsolvenzNP-FirmenlaufGlobe-TheaterMordfall OttingerStromtrasse

 

Kopfschmerztabletten wie Pausenbrot - Alternativen gefragt

Tabletten gegen Kopfweh gehören für viele Jugendliche zum Alltag. Die «Aktion Mütze» will das ändern und geht direkt in die Schulen. Ihr Ansatz: Wissen hilft gegen Schmerzen.



Kind mit Tablette
Die «Aktion Mütze» will Kopfschmerztabletten aus den Schule verbannen. Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa   Foto: dpa

Schüler fragen ihre Lehrer immer häufiger nach Kopfschmerztabletten: Diese Beobachtung hat die ehemalige Wiesbadener Gesamtschullehrerin Karin Frisch alarmiert.

Um den aus ihrer Sicht «gravierenden Anstieg von Kopfschmerzerkrankungen bei Kindern und Jugendlichen entgegenzuwirken», rief sie zusammen mit dem Direktor der Schmerzklinik Kiel, Hartmut Göbel, vor rund drei Jahren die «Aktion Mütze - Kindheit ohne Kopfzerbrechen» ins Leben. Der Neurologe und Psychologe Göbel ist überzeugt: «Kopfschmerzen kann man durch Wissen verhindern. Wissen ist die beste Medizin, die beste Prävention.»

Mehrere Studien zeigten, dass Kopfschmerzen im Kinder- und Jugendalter tendenziell zunähmen, berichtete der Generalsekretär der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, Charly Gaul . Als Gründe würden unter anderem Multitasking und zu wenig verfügbare Freizeit genannt. «Streit im Freundeskreis ist auch ein Risikofaktor, alles was in Richtung Mobbing geht.»

Kopfschmerzen seien die Volkserkrankung schlechthin, sagt Göbel. Viele Menschen wüssten jedoch nicht, wie sie Kopfschmerzen oder Migräne vorbeugen könnten. «Viele Kinder werden schon wie selbstverständlich mit Kopfschmerztabletten in die Schule geschickt, das gehört dazu wie das Pausenbrot.»

Für die «Aktion Mütze» haben Göbel und Frisch eine Unterrichtseinheit entwickelt, die Lehrer, Schüler und deren Eltern gleichermaßen erreichen soll. Ziel ist es, sie umfassend zu informieren, für die Risiken eines unreflektierten Medikamentengebrauchs zu sensibilisieren, Kopfschmerzen vorzubeugen - und die Ursachen anzugehen. Die Unterrichtseinheit können alle siebten Klassen in Deutschland kostenfrei bekommen, wie Frisch sagt. Das Projekt werde zudem mit einer umfassenden wissenschaftlichen Befragung evaluiert. «Mehr als 70 000 Schüler haben inzwischen mit den Unterlagen gearbeitet.»

«Das Konzept, wir gehen in Schulen und machen was, ist prinzipiell richtig», sagt Gaul, der auch Neurologe an der Migräne- und Kopfschmerzklinik in Königstein im Taunus ist. «Informationsvermittlung alleine ist wirksam.» Dies zeige die Münchner Untersuchung zu Kopfschmerzen bei Gymnasiasten (Mukis), bei der mehr als 1000 Gymnasiasten mitgemacht haben. Schon eine einstündige Schulstunde über die Risikofaktoren von Kopfschmerzen und Migräne habe danach einen messbaren Effekt auf die Schüler.

Als Risikofaktoren machten die Initiatoren von Mukis nach den Worten Gauls Rauchen, Alkoholkonsum, koffeinhaltige Getränke, körperliche Inaktivität, Stress und Muskelanspannungen im Schulter-Nackenbereich aus.

Und welche Rolle spielen regelmäßiges Trinken und Essen? «Einzelne können davon gut profitieren», sagt Gaul. «Es gibt aber keinen einzelnen Mechanismus, der die ganze Migräne erklärt.» Wichtig sei: «Ich muss wissen, was ich habe, wo ich hin kann, wenn es schlimmer geht, dass zu viele Tabletten den Kopfschmerz vermehren, und dass regelmäßige körperliche Aktivität hilft.»

Schmerztherapeut Göbel hält Ernährung für einen entscheidenden Ansatzpunkt. «Das kindliche Nervensystem braucht Kohlenhydrate.» Damit seien aber nicht Süßigkeiten gemeint, sondern Kartoffeln, Reis, Vollkorn oder Nudeln. Ein Frühstück, ein Pausenbrot und ein festes Mittagessen vor 13 Uhr hält er für wichtig. Regelmäßiges Trinken dürfe auch nicht vergessen werden. «Es gibt immer noch Schulen, wo das verboten ist.» Das Abendessen solle auch nicht ausfallen, weil es verhindern könne, dass Kinder morgens aus dem Schlaf mit Kopfweh aufwachten.

«Alles zu Schnelle, alles zu Viele, alles zu Plötzliche, alles zu Intensive kann Migräne-Attacken auslösen», mahnt Göbel. Daher sei Regelmäßigkeit im Alltag wichtig. «Kinder sollten einen gleichmäßigen Tagesablauf haben.» Außerdem sollten sie zumindest eine halbe Stunde am Tag mal nichts tun: «Handy weglegen, Hinsetzen, zur Ruhe kommen, Träumen und an gar nichts denken», rät er. «Wenn man das Kindern erklärt, verstehen sie das ganz gut.»

Frische Luft, Sport und ein Spaziergang seien auch hilfreich. «Viele kommen aber gar nicht mehr dazu, weil sie schon wieder hinter den Büchern am Schreibtisch sitzen müssen.» Dazu komme der Medienkonsum, der den Tag schnell verrinnen lasse, weil sich das kindliche Gehirn kaum lösen könne von den wechselnden Reizen. «Das Nervensystem ist ständig in high action. Das belastet natürlich sehr.» Hilfreich sei zudem, Entspannungsverfahren zu lernen.

Erste Ergebnisse der «Aktion Mütze» geben den Initiatoren Recht: Am Ende der Erprobungsphase des Projekts hätten mehr als zwei Drittel der befragten Schüler mit Kopfweh angegeben, dass sich ihr Kopfschmerz infolge der Verhaltensumstellung verbessert habe und sie die Unterrichtsmappe immer wieder zurate zögen, sagt Frisch.

Christian Diel von der R+V-Versicherung in Wiesbaden, die das Projekt von Anfang an unterstützt hat, stellt fest: «Das Thema Kopfschmerz bei Jugendlichen ist stiefmütterlich behandelt worden.»

Veröffentlicht am:
02. 01. 2018
13:07 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Aktionen Gymnasiasten Kopfschmerztabletten Kopfweh Migräne Mützen Nervensystem Neurologinnen und Neurologen R+V Versicherung Risikofaktoren Schüler
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Stroke Mobile

10.05.2019

Über die Erfolge bei der Schlaganfall-Hilfe

Noch vor 30 Jahren konnte ein Schlaganfall das Ende sein. Daran hat sich viel geändert. Noch immer aber zählt jede Minute. Es gibt viele Projekte, wie Hilfe noch schneller kommen kann. » mehr

Schwangere Frau

26.02.2019

Kaiserschnitt könnte manche Frauen vor Schäden bewahren

Kaiserschnitt oder natürliche Geburt? Unter Schwangeren und Müttern ist dies eine viel diskutierte und emotionale Frage. Der Kaiserschnitt gilt oft noch als ein Tabu, dabei würde er aus Sicht einiger Ärzte manche Frauen ... » mehr

Schwierige Diagnose

28.02.2019

Wenn die Krankheit keiner kennt

Schätzungen zufolge leiden in Deutschland vier Millionen Menschen unter einer seltenen Krankheit. Ärzte sind oft überfordert und stellen falsche Diagnosen. Auch Ursula Heinisch-Teike musste jahrelang warten. » mehr

Eine Frau mit Kopfschmerzen

30.08.2017

Was bei Migräne und Spannungskopfschmerz hilft

Migräne oder Clusterkopfschmerzen - wer davon betroffen ist, weiß: Dagegen ist Kopfweh nichts. Immerhin helfen oft Medikamente. Vor allem müssen Betroffene lernen, wie sie mit ihren Schmerzen zurechtkommen. Experten gebe... » mehr

Dr. med. Georg Eckert

02.08.2017

Es flimmert und blitzt: Augenmigräne kann beängstigend sein

Bei einer Augenmigräne-Attacke können Betroffene zeitweise kaum etwas sehen. Entsprechend beängstigend sind die Anfälle. Eine ernsthafte Erkrankung der Augen steckt allerdings selten dahinter. Wer die Auslöser kennt, kan... » mehr

Prof. Dr. med. Armin J. Grau

26.09.2018

Bei Schlaganfall sofort reagieren

Nach einem Schlaganfall beginnt der Wettlauf mit der Zeit. Je frühzeitiger die Behandlung erfolgt, desto größer sind die Chancen, dass der Betroffene überlebt - und keine bleibenden Schäden davon trägt. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
02. 01. 2018
13:07 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".