Lade Login-Box.
Topthemen: BlitzerwarnerGlobe-TheaterStromtrasseHSC 2000 Coburg

 

Kaiserschnitt könnte manche Frauen vor Schäden bewahren

Kaiserschnitt oder natürliche Geburt? Unter Schwangeren und Müttern ist dies eine viel diskutierte und emotionale Frage. Der Kaiserschnitt gilt oft noch als ein Tabu, dabei würde er aus Sicht einiger Ärzte manche Frauen vor späteren Schäden bewahren.



Schwangere Frau
Die meisten Frauen wünschen sich eine natürliche Geburt. Doch laut Experten wäre bei manchen Schwangeren ein Kaiserschnitt die besser Wahl, um Schäden am Beckenboden zu vermeiden.   Foto: Christin Klose/dpa-tmn

Katja Johnson (Name geändert) erinnert sich noch gut an die Worte der Ärzte, bevor sie die Saugglocke ansetzten: «Das ist für Sie jetzt nicht so gut.»

Ihr Sohn kam damals in letzter Minute gesund zur Welt. Doch die 39-jährige Mutter leidet auch neun Jahre später noch an den Folgen der Geburt. Ihr Beckenboden wurde geschädigt. Sie hat Stuhl- und Harninkontinenz. Auch ihre Sexualität habe sich zum Negativen verändert: «Es fühlt sich alles so taub an.»

Vaginale Geburten gelten gemeinhin als beste Methode, ein Kind auf die Welt zu bringen, weil sie die natürliche Form der Geburt sind. Einigen Experten zufolge könnte aber ein Kaiserschnitt bei einigen Frauen Schäden am Beckenboden verhindern. Betroffene wissen oft wenig oder nichts davon, denn die Aufklärung über die Folgen natürlicher Geburten ist aus Expertensicht in Deutschland noch unzureichend, ein Wunsch-Kaiserschnitt oft ein Tabu.

«Es geht nicht um den «Kaiserschnitt für alle», sondern darum, dass die Frauen mit Risikofaktoren herausgefiltert werden sollten», fordert etwa Kaven Baeßler. Die Leiterin des Berliner Beckenboden- und Kontinenzzentrums sieht ständig Frauen mit bleibenden, geburtsbedingten Beckenbodenschäden, die bedauern, dass ihnen kein Kaiserschnitt angeboten wurde.

Der Beckenboden - eine Muskelplatte - hält die inneren Organe im Becken zurück. Bei einer Geburt kann der Muskel stark überdehnt werden oder auch reißen. In der Folge können sich Organe senken. «Etwa bei 10 bis 20 Prozent der Geburten reißt der Beckenboden», sagt Baeßler. Der Schaden sei zur Zeit noch nicht zu reparieren. «Man kann nicht den blanken Muskel wieder ans Schambein tackern.»

«Was da passiert, ist von einem ähnlichen Kaliber wie eine massive Sportverletzung, von der wir lange schlichtweg nichts wussten», sagt Hans Peter Dietz, Urogynäkologe im australischen Sydney. Dietz war eigenen Worten zufolge der erste Arzt, der die Schäden per Ultraschall sichtbar machte.

Vor allem kleine, übergewichtige Frauen und solche mit besonders schweren und großen Babys seien Risikopatientinnen. «Diese sollte man gezielt aufklären», fordert Baeßler. Auch das Alter der Frauen spiele eine Rolle, sagt Dietz: «Unter 30 ist es noch gut möglich, dass die Vorteile einer natürlichen Geburt überwiegen. Aber je älter die Frauen werden, desto wahrscheinlicher sind Beckenboden- oder Dammrisse. Die Elastizität des Gewebes nimmt ab.» Darüber hinaus seien Zangengeburten sehr riskant, da durch die Schnelligkeit und starke Zugkraft der Beckenboden besonders strapaziert werde. Zangen werden bei Komplikationen eingesetzt.

Leichtere Verletzungen ließen sich operativ beheben. «Auch ein Pessar, kurz nach der Geburt eingesetzt, kann helfen, die Beckenbodenstrukturen wieder an den richtigen Platz zu rücken und die Heilungschancen zu verbessern», erläutert Baeßler. Das Verfahren habe sich bewährt, werde allerdings längst nicht von allen Frauenärzten genutzt. Auch eine frühe Physiotherapie bei einer Therapeutin, die auch vaginal tasten kann, sei empfehlenswert.

Katja Johnson war eine typische Risikopatientin: Mit 1,63 Meter und 59 Kilogramm vor der Schwangerschaft eine zierliche Frau mit einem 4,5 Kilogramm schwerem Baby. «Meine Hebamme hatte mich schon gewarnt, die Frauenärztin sah allerdings keine Probleme», erinnert sich Johnson.

Schwedische Ärzte haben einen Rechner entwickelt, mit dem sich das Risiko von späteren Beckenbodenschäden abschätzen lässt. Baeßler nutzt den «UR-Choice-Rechner» für ihre Beratungen. Er sei allerdings in Deutschland noch nicht weit verbreitet, so die Ärztin, die sich mehr Aufklärung durch die niedergelassenen Gynäkologen wünscht.

«Auch eine Schwangerschaft per se kann Inkontinenzprobleme verursachen», gibt Wolfgang Henrich, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin an der Berliner Charité, zu bedenken. In Abwägung aller Risikofaktoren sei eine vaginale Geburt einem Kaiserschnitt vorzuziehen. Letzterer bleibe eine Operation. «Nur finde ich es nicht fair, bei mündigen Schwangeren diesen Bereich der Aufklärung in der Geburtsplanung auszusparen», so der Arzt.

«Eine Risikoaufklärung aller Frauen vor der vaginalen Geburt hinsichtlich einer möglichen Gefährdung des Beckenbodens entspricht nicht dem Stand der Wissenschaft und würde nur zur weiteren Verunsicherung von Frauen beitragen», heißt es von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) mit Verweis auf eine Studie zu den Langzeiteffekten von fast 30 Millionen Geburten.

Die Forscher um Oonagh Keag vom Royal Infirmary of Edinburgh hätten darin herausgefunden, dass es nach Kaiserschnitten tatsächlich zu weniger Beckenbodenschäden und Inkontinenz käme. Allerdings träten negative Folgen für die mütterliche und kindliche Gesundheit im weit höherem Maße auf - etwa spätere Fehlgeburten oder ein erhöhtes Asthmarisiko bei den Kindern. Dietz hält diese Studie für «gefährlichen Unsinn». Beckenbodenrisse und Organvorfälle tauchten dort gar nicht auf.

Katja Johnson weiß nicht, wie groß ihr Beckenbodenschaden ist. «Das wurde leider nie genau untersucht», sagt die Brandenburgerin. «Hätte ich geahnt, welche Folgen die Geburt hat, hätte ich mich für einen Kaiserschnitt entschieden.»

Veröffentlicht am:
26. 02. 2019
10:12 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Aufklärung Kaiserschnitt Mütter Risikofaktoren Risikopatienten Schwangere Schwangerschaft und Geburt Schäden und Verluste Ärzte
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Kaiserschnitt ist nur zweite Wahl

24.07.2019

Was bei einem Kaiserschnitt auf Frauen zukommt

Bettruhe, nichts zu essen, dann auch noch Abführmittel. Und große Risiken bei der nächsten Schwangerschaft. Ein Kaiserschnitt war früher mit vielen Risiken verbunden. Das ist heute anders - ganz harmlos ist der Eingriff ... » mehr

Down-Syndrom-Bluttest

21.03.2019

Experten befürchten mehr Abtreibungen bei Down-Syndrom

Mit einem Bluttest können Schwangere die Wahrscheinlichkeit eines Down-Syndroms bei ihrem Kind berechnen lassen. Der Gemeinsame Bundesausschuss will diesen zur Kassenleistung für Risiko-Schwangere machen. Verbände befürc... » mehr

Prof. Dr. med. Armin J. Grau

26.09.2018

Bei Schlaganfall sofort reagieren

Nach einem Schlaganfall beginnt der Wettlauf mit der Zeit. Je frühzeitiger die Behandlung erfolgt, desto größer sind die Chancen, dass der Betroffene überlebt - und keine bleibenden Schäden davon trägt. » mehr

«Aqua Pole Dance»

26.06.2019

Die Vielfalt der Aquafitness entdecken

Es ist eine Trainingsmethode der US-Marineinfanterie und die perfekte Sportart für Schwangere. Moderne Aquafitness hat mehr Facetten als das Klischee vom Senioren-Paddeln vermuten lässt - auch wenn es nicht ganz falsch i... » mehr

Babybauch

09.09.2018

Alkohol ist Gift für ungeborene Babys

Wenn Schwangere mit Bier, Schnaps oder Wein Party machen, riskieren sie bleibende Schäden bei ihrem Kind. Rund 800.000 Menschen sind in Deutschland von der Folgeerkrankung FASD betroffen. Viele kommen mit ihrem Leben kau... » mehr

Kopfschmerzen

vor 8 Stunden

Was bei welchem Kopfschmerz hilft

Kopfschmerzen hatte fast jeder schon mal. Bei einigen verschwinden sie von selbst. Andere können vor Schmerzen kaum einen klaren Gedanken fassen. Was hilft wirklich dagegen? » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
26. 02. 2019
10:12 Uhr



^