Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

 

So nerven Geräusche weniger

Rattern, kreischen, quietschen: Lärm nervt. Aber dabei geht es nicht nur um die Lautstärke. Eine neue Lärmsimulation soll helfen, die nervigsten Bestandteile aus dem Verkehrslärm herauszufiltern.



Kurt Heutschi
Der Schweizer Akustiker Kurt Heutschi kann einzelne Bestandteile aus dem künstlich erzeugten Lärm eines vorbeirauschenden Zuges herausfiltern, etwa das Geräusch einer rauen Schiene.   Foto: Christiane Oelrich

Was ist das nervigste Geräusch der Welt? Bei vielen, die noch echte Tafeln aus der Schule kennen, ist es das Geräusch eines Fingernagels, der über die Tafel kratzt. Der Zahnarztbohrer ist auch oft ganz oben auf der Schreckensliste, oder das Geräusch einer Mücke dicht am Ohr.

Wie nervig Menschen solche Geräusche finden, das zeigen diese Beispiele, hat nichts mit der Lautstärke zu tun. Bestimmte Frequenzen lösen im Gehirn unterschiedliche Reaktionen aus.

Auch eine Geräuschkulisse ist längst nicht ein Gesamtrauschen, das nur je nach Schalldruckpegel, gemessen in Dezibel, mehr oder weniger störend wirkt. «Man weiß heute, dass sich die akustische Umwelt verbessern lässt, manchmal sogar, wenn der Geräuschpegel steigt», sagt der Akustiker Kurt Heutschi von der Schweizerischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) bei Zürich im Vorfeld des Tags gegen Lärm am 24. April. Forscher hätten schon gezeigt, das positive Geräusche wie etwa ein sprudelnder Springbrunnen negative wie vorbeirauschende Autos maskieren können.

Frequenz und Rhythmus können stören

Man weiß auch, dass nicht alle Bestandteile eines Geräusches gleich nervig sind. Es hängt etwa von den Frequenzen ab. Auch ein Geräusch im Rhythmus eines schnellen Herzschlags, wie es Windturbinen mitunter machen können, wenn auch relativ leise, empfinden viele Menschen als unangenehm. Komplex ist ein vorbeirauschender Zug. «Das Geräusch setzt sich aus über 100 verschiedene Quellen zusammen», sagt Heutschi. «Mehrere Punkte auf den Achsen, an den Schienen, an den Rädern, die Lüftung - alles verursacht Geräusche.» Dazu kommen äußere Einflüsse: die Geschwindigkeit, die Temperatur, der Boden, die Distanz des Zuhörers.

Mit seinen Kollegen hat Heutschi im Rahmen eines EU-Forschungsprojekts eine Computersimulation entworfen, die alle diese Komponenten künstlich herstellen und in beliebiger Zusammensetzung wiedergeben kann. Eine Grafik-Animationssoftware liefert dazu eine passende Videosequenz. Heuschi demonstriert den Lärm-Synthesizer im Tonstudio: Auf der Leinwand rast ein Zug vorbei, aus den Lautsprechern rauscht, pfeift und schlägt es täuschend echt.

Geräusche herausfiltern

Das Schicke: Heutschi kann nun mit der Maschine zum Beispiel das schlagende Geräusch, das eine einzelne abgeflachte Stelle an einem Rad auf den Schienen verursacht, aus dem Klangerlebnis herausfiltern. Er kann den Lärm einer glatten durch eine raue Schiene ersetzen, den Zug klangtechnisch schneller fahren lassen, bei Güterwagen unterschiedliche Bremssysteme hörbar machen oder den Effekt von Lärmschutzwänden dazukomponieren.

Wie Heutschi im Tonstudio können Testpersonen verschiedene Geräuschkompositionen nach Lästigkeit bewerten. Damit können die Deutsche Bahn und andere Unternehmen testen, ob das regelmäßige Glattschleifen der Schienen womöglich mehr Anwohner glücklich macht als neue Lärmschutzwände, oder was die Reparatur von Flachstellen an Rädern für die Zufriedenheit der Anwohner an Schienenanlagen bringen kann.

Lärmkomponenten beeinflussen die Wahrnehmung

«Dezibel ist das, was man messen kann, aber mit dieser Simulation kommen wir näher an die Wahrnehmung heran: Welche Lärmkomponenten stören den Menschen am meisten?», erklärt Heutschi. Ähnliche Simulationen sind auch für Fluglärm und Verkehrslärm in Arbeit. Die Entwicklung ist aufwendig und beschäftigt mehrere Forscher über Monate. Dazu müssen Modelle entwickelt werden, die realitätsnah beschreiben, wie die spezifischen Geräusche entstehen, um sie dann nachbilden zu können.

Gegen das nervtötende Fingernagelkratzen kann der Sound-Synthesizer allerdings nichts tun, und wer den Zahnarztbohrer nicht erträgt: immer schön Zähneputzen.

Veröffentlicht am:
24. 04. 2019
09:58 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Computersimulation Deutsche Bahn AG Forschung Forschungsanstalten Gerät Instandhaltung Lautsprecher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Greta Thunberg

15.10.2019

Was Greta Thunbergs Krankheit bedeutet

Asperger-Autisten gelten oft als besonders begabte Wunderkinder - so wie Greta Thunberg. Doch viele haben eine falsche Vorstellung von der Krankheit. Genau genommen gibt es Asperger-Autismus nicht einmal. » mehr

Welttag des Lächelns

04.10.2019

Fünf Fakten über das Lächeln

Smile! Ein Lächeln auf den Lippen drückt Freundlichkeit aus und hebt die Laune - wenn es denn echt ist. Fakten über eine wichtige menschliche Ausdrucksform. » mehr

Schlafwandeln

28.08.2019

Das geheime Leben der Schlafwandler

Das kann ich doch im Schlaf - bei manchen Zeitgenossen trifft das tatsächlich zu. Egal ob putzen, kochen oder gar Autofahren: Was die Betroffenen nachts so treiben, ist erstaunlich. Und mitunter ziemlich gefährlich, auch... » mehr

Milch im Glas

01.06.2019

Kann Milch Krebs verursachen?

Als Joghurt, Käse oder pur: Kuhmilch kommt bei vielen Menschen täglich auf den Tisch. Jetzt warnen manche Forscher: Milch ist krebserregend. Andere halten das für Quark. Ein Faktencheck. » mehr

Bluttest bei Brustkrebs

21.02.2019

Neuer Brustkrebs-Bluttest vorgestellt

Eine frühe Diagnose von Brustkrebs verbessert die Heilungschancen. Jetzt preisen Forscher ein neues Verfahren zur Früherkennung an. Wie gut ist es? Experten sind zurückhaltend. » mehr

Hilfe per Defibrillator

26.04.2019

Defibrillatoren in Deutschland werden selten genutzt

Sie hängen in öffentlichen Gebäuden, bleiben oft unbeachtet und können doch Leben retten. Defibrillatoren kommen nur selten zum Einsatz. Wie lässt sich das ändern? » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
24. 04. 2019
09:58 Uhr



^