Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: 30 Jahre WiedervereinigungCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

 

Hochsensible Kinder brauchen Auszeiten

«Mein Kind ist hochsensibel.» Für manche klingt das nach Wunderkind, für andere nach Weichei. Doch die Wahrheit ist, wie so oft, komplizierter.



Hochsensible Menschen und Kinder
Alles zu viel? Hochsensible Menschen und Kinder sind oft leicht erregbar und sensorisch sehr empfindlich.   Foto: Silvia Marks/dpa-tmn » zu den Bildern

Hochsensibel - mit dem Wort ist Michael Jack gar nicht so glücklich. «Für Musiker ist das positiv, aber außerhalb dessen hat Sensibilität so eine negative Konnotation von Lebensuntüchtigkeit», sagt der Rechtsanwalt aus Dortmund.

Selbst hochsensibel, hat er 2007 den Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität gegründet. «Highly Sensitive Person», diesen Begriff prägte in den 90er Jahren die US-Amerikanerin Elaine Aron. «Das «Sensitive» im Englischen ist eine neutrale Beschreibung von einer höheren Empfindlichkeit», erklärt Jack. In Deutschland hat sich letztlich dennoch die Bezeichnung Hochsensibilität durchgesetzt.

Hochsensible haben nach der Definition von Aron bestimmte Merkmale. «Die Menschen verarbeiten gründlicher, reflektieren stärker, haben einen Hang zur Nachdenklichkeit, stellen viel in Frage», erklärt Stephanie Kaye, integrative Lerntherapeutin mit eigener Praxis in Rostock. «Sie sind übererregbar, Stress durch Veränderung etwa sorgt für eine Überreizung des vegetativen Nervensystems.»

«Sie sind sensorisch empfindlicher, das kann Lärm sein oder Schmerz, Allergien treten eher auf», fügt Kaye hinzu. «Aber das alles muss nicht in dieser kompletten Kombination vorliegen.»

Hochsensibilität nicht immer leicht zu erkennen

Jack hat die Erfahrung gemacht: Hochsensibilität zu erkennen hilft den Menschen, sich selbst besser zu verstehen. «Da fällt nicht nur ein Stein vom Herzen, sondern eine ganze Gebirgskette.» Auch Eltern kann das so gehen: wenn sie sich fragen, warum das Kind oft so anders tickt als erwartet.

Eine Krankheit ist Hochsensibilität nicht, vielmehr eine Persönlichkeitsvariante. «Das Spektrum dessen, was normal ist, ist sehr breit und groß», sagt Professor Marcel Romanos, Direktor der kinder- und jugendpsychiatrischen Uniklinik Würzburg. Der Begriff Hochsensibilität, mit objektiven Methoden nie belegt, sei aber eventuell problematisch. Nämlich dann, wenn damit eine psychische Störung verdeckt werde: «Ich habe mehrfach erlebt, wie Kinder mit Angsterkrankungen oder ADHS mit der «Diagnose» Hochsensibilität belegt wurden», warnt er.

Die richtige Diagnose und erforderliche Therapie würden so verhindert, sagt Romanos. Auffälliges Verhalten gehört abgeklärt - der Ansicht ist auch Lerntherapeutin Kaye. «Ich verweise selbst an Fachärzte, um psychiatrische Erkrankungen auszuschließen.» Liegt keine Störung vor, kann es Eltern aber helfen, das Phänomen Hochsensibilität zu kennen.

Stärken fokussieren und Selbstwertgefühl vermitteln

An erster Stelle steht oft, die Sicht auf das Kind generell zu verändern und von Erwartungshaltungen wegzukommen. «Geduld haben!», ist Kayes wichtigster Rat. Sind Eltern selbst hochsensibel, können sie das Kind vielleicht besser verstehen. Ansonsten hilft Neugier, sich darauf einzulassen. Feste Familienregeln können sein, nicht laut rumzuschreien oder «dass jeder die Tür zumachen und in seinem Zimmer auch ein Stück in seinen Gedanken versinken darf.»

Das Kind wiederum muss lernen «zu benennen, warum es in manchen Situationen nicht gut klarkommt», sagt die Therapeutin. Da es sich häufig auch der Probleme anderer annehme, sollten Eltern außerdem deutlich machen: «Das klären jetzt Mama und Papa, da musst du dir keine Sorgen machen», sagt Kaye. «Sonst führt das zu einer hohen emotionalen Überlastung der Kinder.»

Eltern sollten sich zudem auf die Stärken des Kindes fokussieren und ihm ein gutes Selbstwertgefühl vermitteln. Hochsensible Kinder dürfen nicht das Gefühl haben, dass sie nicht mehr dazugehören, wenn sie sich mal abgrenzen. «So ein Kind ist unheimlich glücklich, wenn es sich stundenlang mit Lego beschäftigen und bauen kann, statt zum Kaffeetrinken mit vielen Leuten zu gehen.»

Veröffentlicht am:
12. 02. 2020
04:14 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Allergien Aufmerksamkeitsdefizitstörung Eltern Gefahren Kinder und Jugendliche Mütter Psychiatrie Psychische Erkrankungen Störungen und Störfälle Universitätskliniken
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Auf der Waage

16.10.2020

Corona begünstigt Gewichtszunahme sozial schwacher Kinder

Mehr selbstgekochtes Essen, viel Obst und Gemüse: Weil Mama und Papa im Homeoffice sind, essen einige Kinder seit Beginn der Corona-Pandemie gesünder. Doch das gilt nicht für alle. » mehr

Narzisstische Persönlichkeitsstörung

20.05.2020

Wenn Narzissmus krankhaft ist

Kein Mitgefühl, Angst vor Kritik: Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung machen sich groß und andere klein. Experten erklären, was die Erkrankung kennzeichnet und wo Therapien ansetzen. » mehr

Mann gestikuliert

24.06.2020

Funktioniert Psychotherapie auch digital?

Der Markt für mentale Gesundheit im Netz wächst. Doch nicht alle Anwendungen sind ohne weiteres für jeden geeignet - wenn es schlecht läuft, machen sie es sogar schlimmer. » mehr

Psychotherapie

23.06.2020

Der mitunter steinige Weg zur Psychotherapie

Psychische Störungen brauchen eine gute Therapie. Doch das ist für gesetzlich Krankenversicherte leichter gesagt als getan. Denn die Plätze sind rar - und der Ablauf nicht leicht zu durchblicken. » mehr

Kind gegen Grippe impfen?

07.09.2020

Soll ich mein Kind diesen Winter gegen Grippe impfen?

Corona beeinflusst schon seit Monaten unseren Alltag. Im Winter kommt dann die Grippewelle hinzu. Was die Frage nach einer Impfung in diesem Jahr drängender macht - auch für Kinder. » mehr

Stark bleiben trotz Corona

31.03.2020

Fünf Tipps zur Corona-Krise für die Psyche

Immer neue Schreckensnachrichten, immer dieselben vier Wände - und niemand zum Reden? Wer psychisch krank ist, muss in der Corona-Krise besonders auf sich achten. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
12. 02. 2020
04:14 Uhr



^