Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: 30 Jahre WiedervereinigungCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

 

Wie Videosprechstunden praktisch ablaufen

Fanden vor Corona vergleichsweise wenig Videosprechstunden statt, stellten während der Pandemie viele Praxen ihr Angebot um. Doch wie funktioniert diese Form der Telemedizin und welche Hürden gibt es?



Telemedizin
Um mit der Ärztin über Beschwerden sprechen zu können, ist nicht mehr überall ein Besuch der Praxis notwendig.   Foto: Christin Klose/dpa-tmn » zu den Bildern

Statt in die Praxis führt der Weg zum Smartphone oder an den Computer. Eine Videoverbindung zwischen Arzt und Patient wird aufgebaut, und los geht die Sprechstunde - das ist nicht neu, doch durch die Corona-bedingten Einschränkungen hat die Telemedizin zuletzt viel Auftrieb bekommen.

«Einen Durchbruch» nennt Prof. Friedrich Köhler von der Charité Berlin die vergangenen Wochen und Monate. «Die Telemedizin hat viele Patienten, die keine Praxen und Kliniken aufsuchen konnten, vor einer Verschlechterung ihres Gesundheitszustands bewahrt», sagt Köhler, der Mitglied der Kommission Telemedizin der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin ist. Doch gleichzeitig wurde klar: «Sie ist zu den klassischen Behandlungssäulen ambulant und stationär nur eine Ergänzung und damit eine dritte Säule.»

Voraussetzungen bei Praxis und Patient müssen stimmen

Damit es mit der Videosprechstunde klappt, müssen auf beiden Seiten - bei Arzt und Patient - die Voraussetzungen vorhanden sein. Die Praxis muss ein zertifiziertes Programm einsetzen. Außerdem brauchen Ärzte besondere Qualifikationen in der Kommunikation.

«Zudem sollten sich Arzt und Patient im Idealfall schon vorher kennen, auch wenn der Ärztetag das Verbot der ausschließlichen Fernbehandlung gelockert hat», sagt Köhler. Demnach können Ärzte ihre Patienten auch ohne vorherigen Erstkontakt im Einzelfall telefonisch oder etwa über Videochats behandeln.

Für den Patienten sind die Voraussetzungen überschaubar: «Ein Computer, Tablet oder Smartphone mit Bildschirm oder Display, Kamera, Mikrofon und Lautsprecher sowie eine Internetverbindung reichen aus», sagt Roland Stahl von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Zudem muss man vor der ersten Videosprechstunde seine Einwilligung erklären. Videosprechstunden sind eine Kassenleistung.

Schwierige Einschätzungen per Video

Der Allgemeinmediziner Jens Wagenknecht mit Praxis im niedersächsischen Varel bietet Tele-Sprechstunden an - und kennt ihre Möglichkeiten und Grenzen. Er hat die Erfahrung gemacht, dass sich nicht alles über Video sicher abklären lässt.

Bei einfachen Fragen, zum Beispiel zu Hautveränderungen, die im Pflegeheim auftreten, könnten Diagnose und Behandlung schnell während der Videosprechstunde erfolgen.

Schwierigkeiten bereitet dagegen, dass der Arzt seinen Patienten nicht körperlich untersuchen kann. «Bei einer Luftnot beispielsweise kann ich allenfalls eine Einschätzung abgeben, ob es sich um einen kritischen Gesamtzustand handelt», sagt Wagenknecht, der auch Mitglied im Bundesvorstand des Hausärzteverbandes ist.

Das Wahlrecht muss bleiben

Für Friedrich Köhler bestehen die Vorteile der Telemedizin darin, dass Patienten nicht immer in die Praxis kommen müssen und trotzdem häufiger Kontakt mit dem Arzt aufnehmen und akute Ereignisse oder neue Beschwerden schneller besprechen können.

Die Nachteile: Manche haben Vorbehalte gegenüber der Telemedizin, vielen anderen fehlen schlicht die Voraussetzungen, um sie nutzen. «Wir dürfen beim Patienten eine digitale Kompetenz nicht zwingend voraussetzen», so Köhler. «Was ist etwa bei einem dementen Patienten oder einem ohne Internetzugang? Patienten haben ein Recht auf analoge Versorgung und dieses Wahlrecht muss erhalten bleiben.»

Viele Patienten seien außerdem vor der Kamera gehemmt, wobei es auch den umgekehrten Fall dazu gibt: Köhler verweist auf Berichte aus der Psychotherapie und Psychosomatik, wonach sich manche Patienten bei Videosprechstunden sicherer fühlen und deshalb offener sprechen.

Sprunghafter Anstieg durch Corona

Während der Corona-Hochphase stellte die KBV einen sprunghaften Anstieg an Videosprechstunden und Telefon-Konsultationen fest. Es sei aber auch klar, so Stahl: «Goldstandard in der Versorgung ist und bleibt der direkte Arzt-Patienten-Kontakt.» Er fügt an: «Das Versorgungsgeschehen ist langsam dabei, sich wieder zu normalisieren. Es kommen wieder mehr Menschen in die Praxen.»

Info-Kasten: Plattformen für virtuellen Arztbesuch

Es gibt verschiedene Anbieter, die rein auf Telemedizin setzen. Sie haben eigene Plattformen für Videosprechstunden. Dazu zählen etwa Teleclinic, Fernarzt, Kry und Zava. Dafür müssen Patienten zunächst meist eine App installieren und sich anmelden, erklärt die Stiftung Warentest . Es folgen Fragen zur Gesundheit im Allgemeinen und dem Anliegen im Speziellen, danach meldet sich ein Arzt. Im Gegensatz zu Videosprechstunden, die Arztpraxen anbieten, übernimmt die Krankenversicherung für diese Angebote aber längst nicht immer die Kosten.

© dpa-infocom, dpa:200908-99-478017/3

Veröffentlicht am:
09. 09. 2020
05:03 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Allgemeinmediziner Computer Deutscher Ärztetag Innere Medizin Internetzugriff und Internetverbindung Kassenärztliche Bundesvereinigung Lautsprecher Psychosomatik Stiftung Warentest Telemedizin Videochats Ärzte
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Ein Patient und ein Arzt unterhalten sich per Video

06.10.2020

Was Arbeitnehmer zur Krankschreibung per Video wissen müssen

Wer krank ist und eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung braucht, kam bisher nicht um einen persönlichen Arztbesuch herum. Das ändert sich jetzt. Was bedeutet die Neuregelung für Arbeitnehmer konkret? » mehr

Mirriam Prieß

16.10.2020

Wie die «Wiederholung» der Krise die Psyche belastet

Nach einer Besserung im Sommer spitzt sich die Corona-Situation nun wieder zu. Ein bisschen fühlt es sich wie ein Déjà-vu des Frühjahrs 2020 an. Was macht das mit unserer Psyche? » mehr

Inhalation

21.10.2020

Das Problem mit den Nasennebenhöhlen

Wenn die Tage wieder kühler werden, fangen sich viele eine Nasennebenhöhlenentzündung ein. Immerhin: Zum Arzt muss man damit nicht immer sofort. Die Beschwerden können aber lange andauern. » mehr

Pfefferminzöl

30.09.2020

Was wirklich bei Erkältungen hilft

Wenn es wieder kälter wird, startet die Erkältungssaison. Viren sorgen für Schnupfen, Halsschmerzen und manchmal Husten und Fieber. Und dann haben viele noch die Sorge: Ist es doch Corona? » mehr

Per Post

16.09.2020

Was im Arztbrief steht und wofür er nötig ist

Wer schon mal im Krankenhaus oder beim Spezialisten war, kennt den Arztbrief. Inzwischen sind die Patienten oft selbst die Überbringer des Dokuments - aus nachvollziehbaren Gründen. » mehr

Psychotherapie

14.08.2019

Psychotherapie: Welches Verfahren passt zu wem?

Die Ängste oder die Niedergeschlagenheit nehmen überhand, eine Psychotherapie scheint angebracht. Aber wie finden Interessierte einen passenden Therapeuten? Und welche Form der Therapie ist geeignet? » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
09. 09. 2020
05:03 Uhr



^