Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: CoronavirusVideosCotubeBlitzerwarner

 

Frust statt Lust: Leidenschaft im Job kann auch schaden

Dienst nach Vorschrift: Wird ein Mitarbeiter so beschrieben, ist das in der Regel nicht positiv gemeint. Leidenschaftlich soll man arbeiten, seine Berufung finden. Was nach Erfüllung und Glück klingt, sehen Experten aber überaus kritisch.



Leidenschaft in den Augen
Leidenschaft und Feuer für den Beruf ist zwar wichtig, dabei sollte man aber nicht andere Dinge vernachlässigen.   Foto: Karolin Krämer/dpa » zu den Bildern

Das Hobby zum Beruf machen, für den Job brennen, sich bei der Arbeit selbst verwirklichen - das erhoffen sich viele. Das sind zweifelsohne hohe Ansprüche, doch nicht selten bleibt die Wirklichkeit hinter den Erwartungen zurück.

Was folgt, ist oft Unzufriedenheit und Frustration. Mitunter geht die Suche nach dem Beruf als Berufung von vorne los. Aber muss das sein - mit Leidenschaft arbeiten, für den Job brennen? Experten sind sich recht einig: nein. Es gibt natürlich ein Aber.

Für den Job brennen - das ist eigentlich etwas, das als erstrebenswert gilt. Aber der Schein trügt: «Brennen, das hat etwas Unkontrollierbares», sagt die Karriereberaterin Ute Bölke aus Wiesbaden. Und Bernd Slaghuis, Karrierecoach aus Köln, ergänzt: «Da ist auch die Gefahr groß, auszubrennen - Stichwort Burn-out.» Beim Arbeiten in einen Flow kommen, mal Überstunden machen - das sei alles kein Problem. Außerdem sei Leidenschaft auch für die Motivation wichtig. Wer aber vor lauter Leidenschaft für den Job zum Beispiel den Partner, Freunde oder die Familie vernachlässigt, werde das über kurz oder lang wahrscheinlich als Belastung erleben, sagt Slaghuis.

Überhaupt: «Manche können von ihrer Arbeit kaum leben, bei vielen Jobs ist man nur ein kleines Rädchen im Getriebe. Muss man dafür brennen? Nein», sagt Bölke. Leidenschaft im Job sei ein Luxus, der nicht allen vorbehalten ist oder auch nicht angestrebt wird.

Ähnlich sieht es Volker Kitz, Autor des Buches «Feierabend! Warum man für seinen Job nicht brennen muss». «Arbeit ist zu einem Lifestyle-Objekt geworden», kritisiert er. Es werde suggeriert, dass der Job einen erfüllen muss, man seine Arbeit toll finden muss, dass man für seinen Beruf brennen muss. Die Realität sehe aber anders aus: Die breite Masse - und die werde laut Kitz nicht wahrgenommen - mache ihren Job gut und sei zufrieden. Eigentlich. Denn: «Die bekommen ständig vermittelt, dass das nicht reicht und sie zusätzlich noch für den Job brennen müssten», sagt Kitz. «Das macht sie unzufrieden und unglücklich.»

Statt Leidenschaft sollte man sich eher Zufriedenheit zum Ziel nehmen, rät Slaghuis. Vielen Angestellten sei dieses nachhaltige Gefühl wichtiger als Hingabe oder Passion. «Es muss nicht himmelhoch jauchzend und Achterbahn sein.» Dafür sollte man sich überlegen, was man von seinem Beruf erwartet. Wer als Kassierer Herausforderung und Abwechslung sucht, werde in seinem Job kaum zufrieden sein. Wer den Kontakt zu Menschen mag und Routine bevorzugt, schon eher.

Wenn man gerne zur Arbeit geht, man seine Fähigkeiten einsetzen kann und das Geld stimmt, sei das schon viel wert, sagt auch Bölke. Um das im Job zu finden, rät sie, sich zu überlegen, was einen antreibt - Geld, Unabhängigkeit oder die Vereinbarkeit von Job und Privatleben zum Beispiel. Wer sich im Klaren darüber ist, was er will, kann gezielter suchen und habe somit größere Chancen auf Zufriedenheit.

In manchen Unternehmen wird das Thema Zufriedenheit und Leidenschaft auch überinterpretiert, wie Bölke aus ihren Beratungen weiß. Sie habe mal einen Marketing-Manager beraten, in dessen Unternehmen alle immer super drauf sein sollten und niemand mal seinen Unmut zum Beispiel über die Unlust am Montagmorgen äußern sollte. «Das ist dann nicht mehr ehrlich.» Dadurch entstehe viel Druck. Mit dem Beruf sei es schließlich oft ähnlich wie mit der Liebe, meint Bölke: «Am Anfang ist es Leidenschaft, und dann wird es harte Arbeit.»

Es werde immer suggeriert, dass Routine im Job nicht erstrebenswert ist, dass man die Herausforderung suchen müsse, meint Kitz. Das sei nicht realistisch. Denn: «Wir alle wollen mit Menschen arbeiten, die routiniert sind. Wer will schon einen Piloten, der seinen Flug als Herausforderung sieht, oder eine Ärztin, die beim Blutabnehmen nicht routiniert ist?»

Kitz nennt sein Buch nicht umsonst Streitschrift - und hat noch mehr an der Verknüpfung von Leidenschaft und Arbeit zu kritisieren: «Wir nehmen es als gegeben hin, dass wir etwas, das wir mit Leidenschaft machen, auch gut machen.» Das sei allerdings ein Trugschluss. Bestes Beispiel seien Castingshows. Dort singen viele Menschen schlecht, sind aber mit größter Leidenschaft dabei. «Leidenschaft und Können schließen sich nicht aus, gehen aber nicht automatisch miteinander einher.» Sein Buch sei kein Plädoyer für Faulheit, auch nicht dafür, seinen Job möglichst ungern zu machen, betont Kitz. «Aber es ist ein Plädoyer dafür, Arbeit als Austausch von Zeit gegen Geld zu sehen.»

Literatur:

Volker Kitz: Feierabend! Warum man für seinen Job nicht brennen muss - Streitschrift für mehr Gelassenheit und Ehrlichkeit im Arbeitsleben; Fischer; 2017; 96 Seiten; ISBN-10: 3596297966

Veröffentlicht am:
05. 06. 2017
04:50 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Beruf und Karriere Castingshows Experten Gesetz Leidenschaft Zufriedenheit
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Väter in Teilzeit

26.06.2020

Wie Teilzeit für Väter zur Normalität werden kann

Viele Väter wünschen sich Zeit für ihre Kinder. In der Realität tun sie sich damit schwer. Nicht einmal die Hälfte geht in Elternzeit, wenige arbeiten in Teilzeit. Wie lässt sich das umkrempeln? » mehr

Ausbildung im Handwerk

26.06.2020

Mit Hauptschulabschluss in die Ausbildung

Nach der Schule gleich die nächste Herausforderung: Einen Ausbildungsplatz finden. Viele Bewerber haben mindestens einen mittleren Abschluss. Verschlechtert das die Chancen für Hauptschulabsolventen? » mehr

Helga Kernstock-Redl

20.04.2020

Wie viele Emotionen sind im Job erlaubt?

Wenn der Wutausbruch des Chefs oder der Chefin einen unverhofft trifft, ist es manchmal schwer, die eigenen Gefühle zu unterdrücken. Im Job gilt es jedoch: Haltung bewahren. Oder? » mehr

Krise als Chance sehen

07.04.2020

Berufspläne schmieden in Corona-Zeiten

Schulabschluss, und jetzt? Wenn alles «Krise!» ruft, ist das Gefühl der Orientierungslosigkeit besonders groß. Ein Experte erklärt, warum Schüler jetzt nicht alle Pläne über den Haufen werfen müssen. » mehr

Maxi Weiss

02.03.2020

Hilfe, mein Chef ist inkompetent!

Kein Interesse, kein Plan, nie Zeit: Mitarbeiter urteilen oft hart über Vorgesetzte. Manchmal gehört das zum üblichen Gerede, manchmal passt es wirklich nicht. Dann gilt: Raus aus dem Kampfmodus. » mehr

Ausbildung und Umweltschutz

24.02.2020

Grüne Berufe für die Generation Greta

Freitags demonstrieren und sich für eine bessere Welt einsetzen: Klimaschutz steht hoch im Kurs bei Jugendlichen. Aber spielt das Thema auch bei der Suche nach dem Ausbildungsplatz eine Rolle? » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
05. 06. 2017
04:50 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.