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Raus aus der Hartz-Falle

Über zehn Jahre ohne festen Job - da fällt ein Neustart extrem schwer und viele Arbeitgeber winken ab. Ein neues Bundesgesetz hilft jetzt mit langfristiger Förderung über fünf Jahre - eine neue Chance für die Schwächsten am Arbeitsmarkt.



Andrea Gumprich und Jürgen Mohr
Die Langzeitarbeitslose Andrea Gumprich und ihr künftiger Arbeitgeber Jürgen Mohr, Chef eines Cateringbetriebs.   Foto: Bernd Thissen

Seit 2005 gibt es Hartz IV, Andrea Gumprich (48) ist vom ersten Tag an dabei. Die Dortmunderin mit schwachem Abschluss als Schneiderin, Rückenproblemen und abgebrochener Umschulung lebt seit Jahren von aktuell 416 Euro Hartz-Regelleistung im Monat - trotz vieler Anläufe, Ein-Euro-Jobs und Fortbildungen.

Jetzt bekommt sie eine neue Chance. Sie zählt zu den ersten Bewerbern, die über das gerade verabschiedete Teilhabechancengesetz eine neue Stelle gefunden haben - als Bürohilfe bei einem expandierenden Dortmunder Cateringbetrieb. Am 7. Januar ist ihr erster Tag. «Ein wundervolles Weihnachtsgeschenk», sagt sie.

Das neue Gesetz wurde extra für Bewerber wie Andrea Gumprich gemacht: Leistungen bekommt nur, wer sieben Jahre nicht oder nur sehr kurz regulär beschäftigt war und wer schon sechs Jahre in Hartz IV steckt - kurz, die Fälle, für die es kaum noch Hoffnung gibt auf dem regulären Jobmarkt. Der Staat zahlt bis zu fünf Jahre lang den Lohn - die ersten zwei Jahre hundert Prozent, dann jedes Jahr zehn Prozentpunkte weniger. Am Ende ist die Übernahme ohne Förderung das Ziel, aber vor allem auch die soziale Teilhabe.

Laut Koalitionsvertrag sollen insgesamt bis zu 150.000 Menschen davon profitieren, vier Milliarden Euro stellt die Bundesregierung den Jobcentern zur Verfügung bis 2022.

Frank Neukirchen-Füsers, Leiter des Dortmunder Jobcenters - das fünftgrößte in Deutschland - hat als Praktiker viele Jahre für ein solches Gesetz gekämpft. «Programme für soziale Teilhabe gab es immer», sagt er. Aber fast alle basierten auf gemeinnütziger, zusätzlicher Arbeit.

In Dortmund fuhren etwa Programmteilnehmer Friedhofsbesucher mit kleinen Elektroautos zu ihren Gräbern, um ihnen die langen Wege zu ersparen. Viele Angebote seien schön und wünschenswert gewesen, aber ohne ausreichende Nachfrage im allgemeinen Markt, sagt Neukirchen-Füsers. «Nach dem Ende der Förderung kam fast immer der Bruch.»

Das soll jetzt grundsätzlich anders werden, denn das neue Gesetz zielt auf Stellen, die im Markt gebraucht werden. Seit einem viertel Jahr sei die Bundesagentur für Arbeit dabei, die Umsetzung vorzubereiten, sagt BA-Chef Detlef Scheele. Es werden passende Arbeitnehmer und Arbeitgeber gesucht. «Da hoffen wir auf eine angemessene Beteiligung von öffentlichen und privaten Arbeitgebern», sagt Scheele. Die potenziellen Arbeitnehmer würden in Vorbereitungsmaßnahmen geschickt. «Wer sechs Jahre und länger arbeitslos war, den kann man nicht mal eben schnell 40 Stunden zur Arbeit schicken», sagt er.

Das intensive Coaching ist im Gesetz mitfinanziert - für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Das kann noch vor dem ersten Arbeitstag bei der Organisation der Kinderbetreuung für die neue Mitarbeiterin anfangen. Oder dem Chef mit konkreten Tipps helfen, wenn er ins Grübeln gerät, ob der neue Mann den Job wirklich schafft. Die lange Förderung soll den Bewerbern genug Zeit geben, in die Aufgaben hineinzuwachsen.

Insgesamt kommen theoretisch 570.800 Hartz-IV-Empfänger für die geförderten Jobs in Frage. Erfahrungen würden aber zeigen, dass in der Realität nur etwa einer von zehn eine solche Beschäftigung aufnehmen könne. Oft gebe es zu große Hindernisse wie gesundheitliche Probleme, hieß es von der BA.

Der zunehmende Arbeitskräftemangel in vielen Berufen hilft, auch die Schwächeren mitzunehmen. Andrea Gumprichs neuer Chef Jürgen Mohr sucht beispielsweise aktuell sieben bis acht Beschäftigte für seinen stark expandierenden Cateringbetrieb. Vor drei Jahren hat er mit zwei Leuten angefangen, jetzt arbeiten 37 Angestellte im Betrieb. Sein Interesse ist langfristig: «Ich brauche Leute, die mich entlasten - und zwar dauerhaft», sagt er.

In Andrea Gumprichs Fall soll das im Büro sein - zunächst mit Ablage und Telefon, später mit immer mehr Aufgaben bis hin zum Schreiben von Rechnungen. «Wenn sie länger braucht - kein Problem. Sie hat alle Zeit der Welt, das zu lernen.»

Das macht Gumprich Mut. Die klein gewachsene untersetzte 48-Jährige hat schon in vielen Stellen versucht, schnell mit zu schwimmen - etwa als Büroassistenz in einer Grundschule, bei der Caritas oder in einer Geschenkeladen-Kette. Es brauche schlicht Zeit, neue Abläufe zu lernen - vor allem, wenn man jahrelang aus dem Arbeitsleben heraus sei, sagt Fachmann Neukirchen-Füsers.

Andrea Gumprich mit ihrer kleinen 37-Quadratmeter-Wohnung und ihren vier Katzen hat viele Jahre jeden Cent umgedreht. Ab Januar soll das etwas besser werden: Der Caterer zahlt zehn Euro Stundenlohn Minimum und die Stelle ist auf Vollzeit ausgelegt. Wichtiger als das Geld ist der 48-Jährigen aber die Anerkennung: «Ich will wieder merken, dass ich gebraucht werde. Und ich will nicht mehr blöd angeguckt werden, weil ich ja doch nur Stütze kassiere.»

Veröffentlicht am:
01. 01. 2019
05:02 Uhr

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dpa

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01. 01. 2019
05:02 Uhr



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