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Vom Untergang des Stadtplans

Früher quollen gefalzte Ungetüme von Straßenkarten und Stadtplänen aus dem Handschuhfach. Beifahrer mussten Steuermann spielen. Heute haben Handys und Navis diese Rolle übernommen. Mit welchen Folgen?



Vom Untergang des Stadtplans
Ein Autofahrer hat vor Beginn der Fahrt eine Navigations-App auf seinem Smartphone geöffnet.   Foto: Karl-Josef Hildenbrand/Illustration

Wer von München nach Westen will, muss einmal umblättern. Wer den Weg gen Norden sucht, muss von Seite 260 auf 242 springen. So plant man seine Route in den Urlaub mit dem Straßenatlas. Oft Spiralbindung. Anders ging es früher nicht.

Heute tippt man das Ziel ins Navi und lässt sich von einer freundlichen, meist weiblichen Stimme dirigieren, die jede Kreuzung ankündigt. Und bei der «links halten» häufig einfach «geradeaus weiterfahren» heißt.

Der Wandel von analog zu digital macht auch vor Straßenkarten und Stadtplänen nicht halt. Die Folgen bekommen Hersteller deutlich zu spüren: Vor allem bei Stadtplänen gab es innerhalb der vergangenen 15 Jahre einen dramatischen Absatzrückgang, wie Eberhard Schäfer erklärt, Bereichsleiter Geodatenmanagement bei der Reiseverlagsgruppe MairDumont mit Sitz in Ostfildern, die alle größeren Marken wie Falk, ADAC Kartografie, Baedeker, Marco Polo und DuMont im Programm hat. Weniger krass sei die Entwicklung bei Straßenkarten in kleineren Maßstäben und Reiseführern mit darin enthaltenem Kartenmaterial, so Schäfer. Genaue Zahlen dazu gibt eine Verlagssprecherin nicht preis.

Handys und Navis haben Rolle übernommen

Die Entwicklung kann aber auch jeder einzelne zu spüren bekommen. Früher musste der Beifahrer den Steuermann spielen. Heute haben Handys und Navis diese Rolle übernommen. Bis es heißt: «Sie haben das Ziel erreicht.» Die Wahrscheinlichkeit sei hoch, dass sich das auf den Orientierungssinn negativ auswirke, sagt Professorin Christine Sutter vom Lehrstuhl für Verkehrswissenschaft und Verkehrspsychologie an der Deutschen Hochschule der Polizei. Studien konkret dazu gebe es zwar noch nicht. Aber beim Gedächtnis sei schon nachgewiesen, dass sich Menschen heute weniger merken können als frühere Generationen, die noch viel auswendig gelernt haben. «Wenn man durch die Stadt läuft und nur auf sein Smartphone starrt, ist klar, dass sich da keine räumliche Orientierung aufbaut», so Sutter.

Verteufeln will sie Navigationsgeräte aber nicht - im Gegenteil: «Als Assistenzsysteme können sie sehr hilfreich sein.» Maschinen seien in der Regel schneller und präziser, reagierten besser auf Änderungen. Gerade in unbekannten Gegenden könnten sie hilfreich sein. «Man darf sich nur nicht autonom leiten lassen», warnt Sutter - auch vor dem Hintergrund von immer wieder aufpoppenden Meldungen über Fahrer, die blind auf die Technik hören und plötzlich im Nirgendwo landen, ihr Auto im Wasser versenken oder mit dem Lastwagen unter einer Brücke stecken.

Nicht zu sehr auf die Technik vertrauen

Auch Taxifahrer wissen: «Ein Navi ist schön, aber nicht 100 prozentig», sagt Matthias Schmidt, Vize-Vorsitzender des Taxiverbands Deutschland. «Es ist nicht verboten, das Hirn einzuschalten.» Und anders als das Gerät kenne der Profi Schleichwege. «Das lernt man nur, indem man es sich erarbeitet. Diese Fähigkeit stirbt aus.» Manche seiner Kollegen vertrauten zu sehr auf die Technik, beklagt Schmidt - obwohl die Prüfungen ohne Navi absolviert werden müssen.

Wie der digitale Markt wächst, verdeutlichen Zahlen etwa von TomTom: Allein in 25 deutschen Städten von Berlin über Hamburg bis Wuppertal sind im vergangenen Jahr unter anderem mit Navigationsgeräten und Smartphone-Apps dieses Anbieters mehr als drei Milliarden Kilometer zurückgelegt worden. Google stellt nur weltweite Daten zur Verfügung. Demnach werden im Schnitt täglich mehr als eine Milliarde Kilometer mit Hilfe von Google Maps gefahren.

Zeitersparnis

Konsequenzen hat der technische Fortschritt laut Geodaten-Experte Schäfer auch für Kartografen. Mit der Digitalisierung könne erheblich Zeit gespart werden, das habe unter anderem einen deutlich niedrigeren Personalstand zur Folge. Im Laufe der vergangenen Jahre seien klassische kartografische Themen bei der Ausbildung zunehmend in den Hintergrund getreten. So hätten Print-Karten eine höhere Dichte als Online-Pendants, etwa mit Kilometerangaben an den Straßen oder Einzelzeichen wie Kirchensymbolen. Auch liege Print-Karten eine tiefgehende redaktionelle Arbeit zugrunde, erklärt Schäfer. «Dahinter steckt neben einer ausbalancierten Auswahl an Inhaltselementen auch Themen wie Verdrängung, Zusammenfassung und Vereinfachung.»

Um auf dem Weg in die Urlaubssonne aber nicht allzu trübsinnig zu werden, hat Verkehrspsychologin Sutter noch aufmunternde Worte: «Am Ende ist es wahrscheinlich wie bei den E-Books und Papierbüchern. Es wird nach wie vor Leute geben, die weiter Gedrucktes nutzen.»

Veröffentlicht am:
29. 07. 2019
12:13 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
29. 07. 2019
12:13 Uhr



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