Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: Urlaub daheimCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

 

Frisierte E-Bikes oft doppelt so schnell

Pedelecs sind beliebt, aber mit 25 Stundenkilometern für viele nicht schnell genug. Technische Tricksereien heben die Tachoanzeige schnell auf das Doppelte - ein gefährlicher und illegaler Trend.



Frisierte Pedelecs
Sogenannte Tuning-Kits machen E-Bikes doppelt so schnell. Für den Straßenverkehr sind solche Geschwindigkeitsmanipulationen jedoch illegal und gefährlich.   Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Sie sind so groß wie Streichholzschachteln und machen E-Bikes mit wenigen Handgriffen doppelt so schnell: Aufsteckbare Tuning-Kits, also Bauteile zum Manipulieren der Geschwindigkeitsbegrenzung von Elektrofahrrädern.

Obwohl das Frisieren von E-Bikes für den Straßenverkehr illegal und gefährlich ist, ist der Bedarf nach temposteigernden Hilfsmitteln offenbar groß. Belastbare Zahlen über die Verbreitung von getunten E-Bikes existieren bisher jedoch nicht.

Anstieg bei den E-Bike-Toten

Eine klare Sprache sprechen hingegen die Unfallstatistiken: Zwischen Januar und November 2019 gab es 28 mehr E-Bike-Tote als im Jahr davor. Das ist laut Statistischem Bundesamt ein Anstieg von 32,6 Prozent. Schon 2018 war die Zahl um 28,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen.

Spezialisierte Online-Händler werben dennoch offensiv mit Produkten, die die Geschwindigkeitsbegrenzung von 25 Stundenkilometern für Pedelecs umgehen. Einige der angebotenen «Aufsteck-Dongles», die auf manchen Portalen zwischen 89 und 249 Euro kosten, sind sogar in der Lage, die Manipulation per Knopfdruck zu verbergen.

Obwohl frisierte Pedelecs im Straßenverkehr verboten sind, ist der Verkauf von Tuning-Artikeln im Internet erlaubt. Denn die Händler bedienen sich eines simplen juristischen Tricks: Sie weisen darauf hin, dass die Geräte nicht im öffentlichen Verkehr genutzt werden dürfen. Da damit aber nur die Verwendung auf Privatgrundstücken zulässig ist, sei es eben schwer diese zu verbieten, erklärt Siegfried Neuberger, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbandes (ZIV).

Ohnehin seien das Problem weniger die Tuning-Kits, sondern die Menschen, die sie im Straßenverkehr bewusst und illegal einsetzten, ergänzt Heiner Strothmann, Sprecher der Verkehrswacht Deutschland . «Sonst müssten wir auch Alkohol verbieten, um Alkoholunfälle zu vermeiden.»

Rechtliche und technische Risiken oft nicht bekannt

Jens-Ulrich Müller, Geschäftsführer des Online-Handels «ebiketuningshop.com» sieht in dem Bedarf der Kunden nach Tuning-Bauteilen vor allem den Wunsch, mehr Kontrolle über ihr E-Bike zu gewinnen. «Das E-Bike gehört dem Kunden. Er wird sich sein E-Bike so konfigurieren, wie und wo er es braucht. Und sein E-Bike im Straßenverkehr so einsetzen, wie er es darf.» Von vielen Kunden habe er auch gehört, dass sie durch die gesteigerte Geschwindigkeit vorsichtiger fahren würden.

Laut Siegfried Neuberger ist vielen Kunden nicht klar, welche rechtlichen und technischen Risiken sie mit frisierten Pedelecs im Straßenverkehr eingingen. «Die getunten Pedelecs sind illegal und gar nicht dafür ausgelegt, dass man ohne Weiteres 50 Stundenkilometer und mehr damit fahren kann», so Neuberger.

Denn wer so ein illegal frisiertes Elektrofahrrad im Straßenverkehr bewegt, riskiert unter anderem Bußgelder, Strafen, Führerscheinverlust und bekommt in der Regel Teilschuld bei Unfällen. Außerdem erlischt meist der Schutz einer privaten Haftpflichtversicherung. Normalerweise übernimmt diese die Schäden Dritter bei mit Fahrrädern verursachten Unfällen. Und als solche gelten nur Pedelecs, die bis 25 km/h unterstützen.

Es gibt auch Pedelec-Modelle, die ganz legal und ohne Manipulationen auf 45 Stundenkilometer beschleunigen können, sogenannte S-Pedelecs. Das Problem dabei: Sie gelten laut Gesetz als Kleinkrafträder und dürfen deshalb bisher nicht auf Radwegen fahren. «Für viele Verbraucher ist das ein Hindernis, sich ein schnelles Pedelec zu kaufen», sagt Neuberger. Man dürfe jedoch nicht vergessen, dass das eine ein legales und das andere ein illegales Fahrzeug sei. Der ZIV setzt sich deshalb für eine Freigabe der Radwege auch für S-Pedelecs ein.

Pedelecs als Tuning-Objekt

Nicht nur Online-Händler, sondern auch Hobby-Schrauber haben Pedelecs als Tuning-Objekt für sich entdeckt. Auf dem Videoportal Youtube etwa kursieren diverse Amateurclips mit halsbrecherischen Fahrten auf technisch aufgemotzten Zweirädern, einige davon mit millionenfachen Klickzahlen. Ein junger Nutzer wirbt damit, das schnellste E-Bike der Welt, mit 72 Stundenkilometern gebaut zu haben und erklärt stolz, dass er dafür keinen Euro ausgegeben habe. Ein anderes Video zeigt aus Helmkamera-Perspektive, wie ein Pedelec auf einer Landstraße auf über 80 Stundenkilometer beschleunigt.

Gefährlich ist das Tuning vor allem deshalb, weil Bauteile wie Lenker, Rahmen oder Sattelstützen durch die Manipulation «ermüden» und daher irgendwann ganz plötzlich brechen können, sagt Dirk Zedler, Geschäftsführer des Zedler-Institutes für Fahrradtechnik und Sicherheit. «Das kann dann bei einer ganz normalen Fahrt passieren, ohne besonderen Anlass und ohne Vorankündigung.» Ausgeschlagene Zähne, Querschnittslähmung und Tod könnten die Folge sein, wie Zedler aus berichtet.

Hersteller von E-Bike-Antrieben haben jedoch einen Weg gefunden, dem gefährlichen Geschäft mit den manipulierten Drahteseln einen technischen Riegel vorzuschieben: «Wir bieten die Möglichkeit, über unseren CAN-Bus, also die Schnittstelle zum Datenaustausch, einen zweiten Sensor zuzuschalten, mit dem sich überhöhte Geschwindigkeiten feststellen lassen», erklärt Horst Schuster, Vertriebsleiter des Antriebsherstellers Brose. Der Branchenkonkurrent Haibike setzt ebenfalls auf einen Sensor, der nach eigenen Angaben Manipulationen durch Aufsteck-Dongles unmöglich mache. Das Stuttgarter Unternehmen Bosch hat in neueren Modellen eine Erkennungssoftware eingebaut. Online-Händler werben jedoch bereits mit einem neuen Tuning-Kit, das zumindest den Schutzmechanismus von Bosch überlisten könne.

© dpa-infocom, dpa:200602-99-271373/6

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
25. 06. 2020
17:14 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Deutsche Verkehrswacht E-Bikes Fahrräder Fahrzeuge und Verkehrsmittel Händler Kunden Landstraßen Radwege Statistisches Bundesamt Straßenverkehr Tempolimit Verkehr YouTube
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Lastenräder sollen die Verkehrswende bringen

03.07.2020

Hilft das Lastenrad bei der Verkehrswende?

Lastenräder können Autos ersetzen. Vielerorts kann man sie kostenlos leihen - und wer sich eins selbst anschafft, bekommt oft Geld dazu. Doch wieso sind nicht mehr auf deutschen Straßen unterwegs? » mehr

Verkehr

06.07.2020

Welche Verkehrsmittel profitieren von der Krise?

E-Tretroller, Leihraddienste oder Carsharing-Angebote: Schon vor der Krise war der Markt neuer Verkehrsanbieter hart umkämpft. Mit Corona hat sich der Wettbewerb noch einmal verschärft. Wer künftig profitiert, hängt auch... » mehr

E-Scooter im Straßenverkehr

12.07.2019

Was ich vor der Fahrt mit dem E-Tretroller wissen sollte

Jetzt schnell noch von hier zum Museum! Zu Fuß oder mit dem Rad? Seit einem Monat kann man in Deutschland dafür auch einen Elektro-Tretroller nehmen - den eigenen oder einen gemieteten. » mehr

Arne Sudhoff

31.03.2020

Fahrradkauf in Zeiten von Corona

Wer in Corona-Zeiten ein neues Fahrrad kaufen möchte, muss mit Einschränkungen rechnen. Online-Händler sind weniger von der Krise betroffen als stationäre Händler. Aber diese gehen ungewöhnliche Wege. » mehr

Autonom fahrende Busse in Monheim

26.02.2020

Noch nicht ganz autonom: Holpriger Start für Roboter-Bus

Selbstfahrend, vollelektrisch, kostenlos: Fünf autonome Busse sollen die Kleinstadt Monheim am Rhein zum Vorreiter der Mobilitätswende machen. Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein - und klappt anfangs auch nur beding... » mehr

Sicherer Stand

03.07.2019

Unfälle mit E-Scootern vermeiden

Die E-Tretroller sind los - auf kleinen Rädchen, wieselflink und leise stürzen sich Neugierige damit vor allem in den Großstädten ins Verkehrsgetümmel. Aber sie wissen nicht immer, was sie tun - denn die Gefahren können ... » mehr

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
25. 06. 2020
17:14 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.