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Alles muss rauf

Da sitzen sie nun in Ämtern und Ministerien und tun so, als würden sie sich verwundert die Augen reiben. Immer mehr Feinstaub, immer mehr Stickoxide – und immer mehr CO2. Wo man sich doch den Klimaschutz in der EU vereint mit der Automobilindustrie so wunderbar schöngerechnet hatte. Was für ein Elend, dass die Luft den Endtopf trotzdem nicht sauberer verlässt, als sie vorne angesaugt wird.



 

Im Motorenbau ist dem Dilemma nur schwer beizukommen. Drückt man die Stickoxide, steigt der CO2-Ausstoß – umgekehrt leider ebenso. Und sparsamer werden die Autos auch nicht. Jedenfalls nicht abseits der Prüfstände. Auch deshalb, weil es für den Autokäufer und auch die Käuferin heutzutage ja so gerne ein SUV sein soll. Drei Zentimeter mehr Bodenfreiheit, schwarzer Kunststoff an den Radläufen, ein Hauch von Unterfahrschutz – schon ist das Ding an Mann und Frau gebracht.

Das Segment derer, denen man die Federbeine langgezogen hat, verzeichnet zweistellige Zuwachsraten. Hochsitz bedeutet offenbar Hochgefühl. Schon fast jedes vierte neu zugelassene Auto rollt durch die Republik als gäbe es hier bestenfalls Feldwege. Und auch wenn die sogenannten Sportnützlichkeitsfahrzeuge in den meisten Fällen nur nach Allrad aussehen – schwerer und wuchtiger als nötig sind sie allemal.

Doch warum sind die Wagen-Burgen so erfolgreich? Weil sie wichtige Bedürfnisse der fahrenden Masse befriedigen. In einer Auto-Welt, die von immer mehr Menschen als bedrohlich empfunden wird, herrscht eine unbändige Sehnsucht nach Sicherheit. Und was, wenn nicht eine Art Geländewagen, würde besser das Gefühl vermitteln, man könne – wie auf einer Expedition – selbst in feindlicher Umgebung bestehen?

So viel Geborgenheit braucht Platz. Airbags müssen unterkommen, die Assistenz-Systeme ebenso. Und die Crash-Vorschriften verlangen immer mehr umbauten Raum für Knautschzonen – vor allem in der Breite. All das macht die Autos größer und schwerer. Mehr Masse aber erfordert größere Bremsen – und damit immer wuchtigere Felgen. Und die wiederum führen zu immer höheren und dickeren Autos. Grundlegend andere Design-Ideen kommen da schlicht unter die Räder.

Der Trend nimmt eher noch Fahrt auf: Ließen sich Mann oder Frau von Welt zum Ausweis stattlicher Solvenz früher noch in schnittige Sportwagen fallen, heißt es jetzt: Cayenne statt Carrera. Weil die Bandscheiben den Einstieg nach oben besser mitmachen als das Fädeln in einen Flachflitzer. Familienväter lieben SUV, weil sie so viel Platz bieten wie ein Pampers-Bomber, aber eben nicht so aussehen. Und selbst Frauen mögen es statt grün lieber groß. Ihr Anteil am SUV-Eigentum geht stramm auf ein Drittel zu.

Weil alle immer höher thronen wollen, mag sich keiner mehr im Wortsinn herabgesetzt fühlen. Selbst im absoluten Luxussegment geht es nicht mehr ohne Luft nach unten. Bentley und Maserati halten für potenzielle Fahrten im Felde bereits Passendes bereit, Rolls-Royce folgt in Bälde.

Der Erfolg freut die Hersteller – und bereitet ihnen Kopfschmerzen. Denn mit dem SUV-Absatz zeigt auch die Kurve fürs Abgas nach oben. Wie sie ihre Durchschnittswerte für CO2 bis 2021 auf offizielle 95 Gramm je Kilometer senken sollen, ist vielen Autobauern vermutlich noch ein Rätsel. Hinten raus kommt ohnehin mehr. Viel mehr. Die Umweltorganisation ICCT beklagt, dass die Kluft zwischen offiziellen Daten und tatsächlichem Ausstoß auf durchschnittlich 42 Prozent gestiegen sei. Ein Rekordwert.

Und die Käufer? Bejammern mit Leichenbittermiene die Erderwärmung, während sie ihr Dickschiff zum Bioladen steuern. Angespornt von Politikern, denen kein Flug zu weit ist und keine Konferenz zu klein, um den Klimawandel anzumahnen. Die Unterschrift für den Schutz der Eisbären geht den Deutschen ebenso leicht von der Hand wie das Kreuzchen bei Top-Motor und Exclusive-Paket. Nirgendwo hat der blaue Umweltengel weniger zu lachen als im Autohaus.

Wenn es um Vortrieb geht, hat Nachhaltigkeit Pause. Da kümmert kein Regenwald mehr, kein Ozonloch und keine Pol-Schmelze. Dabei dürfte, wer es wirklich ernst meint mit dem Schutz von Mutter Erde, bestenfalls noch Fahrrad fahren. Was auch blöd ist mit zwei Kästen Mineralwasser, im Wolkenbruch oder zum 30 Kilometer entfernten Arbeitsplatz.

Also wird brav weitergeheuchelt. Und am Ende werden es die Staats- und Regierungschefs schon irgendwie richten. Mit lascheren Grenzwerten oder längeren Übergangsfristen. Muss ja einen Grund haben, dass noch nicht mal die Umweltministerin Mumm zu offener Kritik hat: "Eigentlich dürften SUV nur für Bauern und Jäger erlaubt sein", hat Barbara Hendricks kürzlich in Berlin erklärt. Um aber sofort nachzuschieben: "Ich sage das jetzt nicht als Vorschlag, sonst werde ich wieder aufgespießt."

Autor

Wolfgang Plank

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Veröffentlicht am:
21. 04. 2017
21:00 Uhr

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