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Feind fährt mit

Man möchte tatsächlich schreien. Je nach Gemüt vielleicht auch heulen. Da schicken Erpresser den Virus "WannaCry" auf hunderttausende Rechner in aller Welt, legen Krankenhäuser, Energieversorger und auch die Deutsche Bahn lahm – und nach einem kurzen Moment des Schauders lauschen wir schon wieder andächtig den Werbebotschaften, dass Autofahren erst richtig cool sein wird, wenn jeder mit jedem verbunden und alles mit allem vernetzt ist. Konnektivität preisen die Hersteller schon hartnäckiger an als Motoren, Sportfahrwerke und Ledersitze.



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Die Fahrt in die datengesteuerte Zukunft wird immer rasanter. Sensoren warnen vor Staus, Eisglätte und vor dem Sekundenschlaf hinter dem Lenkrad. Elektronische Helfer piepsen, wenn man dem Straßenrand zu nahe kommt; leuchten, wenn sich ein Auto im toten Winkel befindet; bremsen not, wenn der Vordermann plötzlich steht, und greifen ein, wenn in der Kurve der Asphalt unter den Rädern auszugehen droht.

Und da ist man erst mal nur für sich. Der Clou aber, so verheißen es die Anbieter, wird dereinst das perfekte Zusammenspiel sein. Transponder in der Kleidung oder das Handy in der Tasche verraten dem Auto-Mobil Position, Richtung und Geschwindigkeit eines jeden in der näheren Umgebung, so dass der Wagen just in dem Augenblick verzögert, da einer im Begriff ist auf die Straße zu laufen. Nach einem Unfall lotst das Navi auf eine nicht verstopfte Umleitung, weil intelligente Ampeln sofort ihre Schaltung ändern, und der nahende Krankenwagen kündigt sich über die Radiolautsprecher an – und per Blaulicht im Head-up-Display. Es könnte ja sein, dass man gerade per Sprach-Menü seine Mails beantwortet.

Klingt alles wunderbar praktisch. Und hat doch einen gewaltigen Haken: Denn um sich untereinander zu warnen oder zu helfen, müssen die Autos miteinander kommunizieren. Ständig und überall. Was eben auch heißt: Jedes Update der Verkehrslage dringt ungehindert und in Echtzeit ein. In jede Leitung, jeden Sensor, jedes Steuergerät. Das Gehirn des Autos erreicht man dann nicht mehr nur in der Werkstatt über den Diagnose-Stecker, sondern aus der Ferne per Funk. Bereits heute ist dieser Kontakt gewollt. Schon bei Kleinwagen lässt sich vom Straßencafé aus via App der
Tankinhalt abfragen oder die Klimaanlage programmieren.

Das Paradies, verheißen die Autobauer. Doch die arglistige Schlange lauert überall. Denn wo immer Daten übertragen werden, können Bösewichte sie abfangen, auslesen, manipulieren. Schon vor "WannaCry" wusste das jedes Kind. Es mag witzig und im Einzelfall womöglich lukrativ sein, wenn sich in diversen Parkhäusern wie von Geisterhand die Schranken öffnen – doch spätestens wenn Ärzte nicht mehr operieren können, ist ein Hacker-Angriff eben kein Spaß mehr. Erst recht nicht bei Tempo 160 auf der Autobahn.

Offiziell heißt es noch immer, Computersysteme im Auto seien weniger anfällig für Attacken als ein Laptop. Doch verbürgt sich auch jemand dafür, dass sie immun wären? Selbstverständlich nicht. Wie auch? Immerhin werden die meisten Daten derzeit noch unverschlüsselt übertragen. Mit dem Zugang zur Software könnte theoretisch jeder ins Lenkrad greifen. Wer mag da garantieren, dass der ebenso IT-begabte wie gehässige Nachbar unseren schönen neuen Wagen nicht per Mausklick gegen den Gartenzaun steuert? Oder wenigstens so manipuliert, dass er frühmorgens nicht mehr anspringt?

Dem Bundesverkehrsminister macht derlei offenbar wenig Sorge. In einem Strategiepapier hat Alexander Dobrindt dieser Tage für einen neuen Umgang mit Informationen plädiert: "Weg vom Grundsatz der Datensparsamkeit hin zu einem kreativen, sicheren Datenreichtum." Oder anders: Alle nicht personenbezogenen Daten, die der Staat erhebt, sollen offen zur Verfügung stehen. Im Sinne digitaler Wertschöpfung, was nichts anderes heißt, als dass Daten zu Geld gemacht werden sollen.

Womöglich sollte er sich bei Gelegenheit mit seinem Kollegen aus dem Ministerium für Inneres unterhalten. Thomas de Maizière nämlich hat die Erpressungsversuche via "WannaCry" als "erhebliche Sicherheitsvorfälle" bezeichnet. Eine ziemlich starke Formulierung für jemanden, dessen Sätze für gewöhnlich unter die Rubrik verschreibungspflichtige Beruhigungsmittel fallen. Unsereins würde wohl sagen, da ist ordentlich was am Dampfen…

Vielleicht besinnen wir uns einfach darauf zurück, dass man auch ohne Vernetzung unterwegs sein kann. Und anders als ferngesteuert. Mit weniger Informationen vielleicht. Ganz sicher aber mit deutlich mehr Fahrfreude.

Autor

Wolfgang Plank

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Veröffentlicht am:
26. 05. 2017
13:15 Uhr

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Alexander Dobrindt Bundesinnenminister Thomas de Maizière Deutsche Bahn AG Gefahren Hacker-Angriffe Lenkrad Persönliche Daten Verschlüsselung
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