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Jenseits von Stau

Vielleicht muss man angesichts der Zahlen erst einmal Worte überdenken. Solche wie "Mobilität" zum Beispiel oder "Verkehrsfluss". Weil derlei höchst merkwürdig klingt bei 723000 Staus, die es vergangenes Jahr in Deutschland gab - also 2000 jeden Tag. Insgesamt addierten sich die darin aufgereihten Autos auf beinahe anderthalb Millionen Kilometer. Und die Menschen in den Autos? Verbrachten dort zusammengerechnet 457000 Stunden. Das sind 52 Jahre. Mehr als ein ganzes Arbeitsleben.



 

Man könnte weiter rechnen. Dass etwa 80 Milliarden Euro dadurch in Rauch aufgingen. Durch sinnlosen Spritverbrauch, unnötige Emissionen und verlorene Zeit. Dass es Pendler in Großstädten besonders hart trifft, weil sie weit mehr als 40 Stunden vergeudeten – in der Stau-Hauptstadt München sogar 51. Tendenz in beiden Fällen: steigend.

Die Ursache ist schnell und leicht beschrieben: Es gibt zu viele Autos. Rund 63 Millionen sind aktuell in Deutschland zugelassen, knapp 46 Millionen davon sind Pkw. Auch hier ist der Trend ungebrochen. Doch wie Mobilität in naher Zukunft tatsächlich aussehen könnte, hat einen kompletten Bundestagswahlkampf lang, plus Jamaika-Sondierung plus GroKo-Verhandlung keine große Rolle gespielt. Was ist da los, wenn noch nicht mal die Grünen aus der Opposition nach einem Tempolimit rufen?

Zugegeben: Die Sache ist kompliziert. Und die Lösung deutlich vertrackter als die Analyse. Hier Städte, die nicht mehr wissen, wie sie all den Verkehr noch bewältigen sollen – und dort ganze Regionen, in denen man ein gerüttelt Maß an Rechenkunst, Abenteuerlust und vor allem Zeit aufbringen muss, um mit Bahn oder Bus vom einen Dorf in irgendein anderes zu gelangen. Klingt vordergründig nach einfacher Verschiebung: Auto raus, aufs Land – und gut. Aber darf man die einen so einfach ihres fahrbaren Untersatzes berauben – und der gerade in der Fläche immer älter werdenden Gesellschaft die Verantwortung aufbürden, sich doch gefälligst selbst um das eigene Fortkommen zu scheren?

Womöglich war es also kein bisschen klug, das Ressort Bauen dem Innenministerium zuzuschlagen, nur um den Amtsinhaber, der vermutlich Horst Seehofer heißen wird, bedeutungsvoller erscheinen zu lassen. Würde das Wohl des Landes eine Rolle spielen, wäre man mindestens auf die Kombination mit Verkehr verfallen. Besser noch: auf Arbeit und Digitalisierung gleich dazu.

Denn wie die Republik künftig Mobilität organisiert, hängt in der Hauptsache davon ab, wie wir es mit den Jobs halten wollen. Ob die als Folge von immer noch mehr Effizienz tatsächlich immer noch mehr Richtung Innenstädte strömen sollen – und mit ihnen die Pendler?

Da hilft im Übrigen auch die viel beschworene und doch nur halbherzig in Angriff genommene Elektrifizierung nicht. Auto bleibt Auto. Ein Wechsel des Betriebssystems von Sprit zu Strom mag die City-Luft atembarer machen, flüssiger wird Verkehr damit kein bisschen. Auch E-Mobile werden im Schnitt 23 von 24 Stunden am Tag Stehzeuge sein und Fläche brauchen, die für andere Dinge verloren ist. Für bezahlbaren Wohnraum zum Beispiel. Oder Kinderspielplätze.

Punktuelle Entlastung mag es geben. Durch Umstieg aufs Fahrrad zum Beispiel. Aber bei Regen oder mit zwei schweren Einkaufstaschen ist das keine echte Alternative. Doch angesichts drohender Fahrverbote will die Regierung nun sogar über kostenlosen Nahverkehr nachdenken. Noch weiß zwar keiner, wo das nötige Geld und vor allem die zusätzlichen Busse mit Elektro- oder Wasserstoffantrieb so schnell herkommen sollen – aber zumindest mal ist es eine Idee, die bedenkenswert erscheint.

Besserung ist nämlich nur in Sicht, wenn die Zahl der Autos sinkt. Weil man sich eben nur bei Bedarf eines holt, zum Beispiel. Das mag Vielen noch ungewöhnlich erscheinen, weil es Jahrzehnte lang etwas wert war, ein eigenes Auto zu haben. Doch der Tag scheint nicht mehr fern, an dem man eher bucht denn besitzt. Die Jungen machen es jetzt schon so. Man spart sich Versicherung, Steuer, Reparaturen, Hauptuntersuchung und Parkgebühren. Stattdessen berechnen Algorithmen die Routen von Ruf-Taxis, so dass Wartezeit oder Umweg für den Einzelnen erträglich bleiben.

Blieben die – im Schnitt eher älteren – Menschen, die gar nicht online sind oder sein möchten. Sie wären durch derlei digitalisierte Systeme von der schönen neuen Zukunft der Mobilität großteils ausgeschlossen. Dabei bräuchten gerade sie die Vorteile des automatischen Transports. Weil sie oft gar keinen Führerschein haben, zu gebrechlich sind, um selbst zu fahren, schlicht kein Auto mehr haben – oder eben auf dem Land wohnen.

Es gibt so viel Wichtigeres als Maut.

Autor

Wolfgang Plank

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Veröffentlicht am:
15. 02. 2018
15:45 Uhr

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