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Spaß bremsen?

Das Thema Tempolimit spaltet. Die Gegner haben kaum noch Argumente, aber die mächtigeren Stimmen.



 

Man konnte viel lernen in den vergangenen Tagen. Zum Beispiel, dass Experten in den Augen des Bundesverkehrsministers Fachleute sind, sofern sie Auffassungen des Bundesverkehrsministers stützen – und Wirrköpfe, wenn sie derlei nicht tun. Dass die Bundesumweltministerin Tage braucht, um dann tendenziell doch eher ein kleines bisschen mehr für ein Tempolimit zu sein als dagegen. Und dass, wie bei Glaubenskriegen üblich, Vernunft nicht die geringste Rolle spielt.

Über Fahrverbot und Klimaschutz tobt eine immer aberwitzigere Debatte, in der sich Feinstaub, Stickoxide und CO2 zu einer wabernden Wolke vermischen. Irgendwas mit schlechter Luft, Diesel-Pfui, Mess-Wirrwarr und Grenzwert-Streit. Details? Nicht so wichtig!

Ganz ähnlich das Bild beim Verzögern auf der linken Spur. Da muss mal der Umweltschutz als Begründung herhalten, mal die Verkehrssicherheit und mal die Tatsache, dass der Rest Europas längst Tempolimits hat. Die Spaßbremse aber will am Ende dann doch keiner geben. Abseits der Autobahnen ereigneten sich sehr viel mehr Unfälle, heißt es dann, der Effekt fürs Klima sei marginal – und überhaupt drohe dem Land der Verdichter und Lenker der Untergang, wenn fürderhin keine freie Fahrt mehr herrsche.

Dabei gibt es kaum ein vernünftiges Argument gegen ein Tempolimit – indes bei den Rasanz-Bewahrern die mächtigeren Stimmen. Selbstverständlich stößt ein Auto bei schneller Fahrt mehr Abgase aus als bei langsamer. Und natürlich steigt das Unfallrisiko. Weil in die Energie-Formel die Masse linear einfließt, die Geschwindigkeit aber quadratisch. Anders gesagt: Bei einem doppelt so schweren Auto muss die doppelte Energie abgebremst werden, bei einem doppelt so schnellen die vierfache.

Logische Folge dieser Erkenntnisse müsste eine sofortige Begrenzung der freien Fahrt sein. So logisch wie es Tabak-Verzicht, Abstinenz, ausgewogene Ernährung und Sport in Maßen eben auch sind. Und ja: Menschen sind nicht immer vernünftig. Schon gar nicht gerne. Sie rauchen, essen zu fett, trinken zu viel und lungern gerne zu lange auf der Couch. Und manchmal finden sie das sogar toll. Aber wenn man ehrlich ist, ist nichts davon ein überzeugender Grund für die Behauptung, dass man zumindest gelegentlich auch mal rasen müsse.

Denn einen grundlegenden Unterschied gibt es schon. Während Raucher, Schlemmer und Säufer bloß sich selbst zugrunde richten und allenfalls Kranken- und Sozialkassen schädigen, gefährden Raser stets auch andere an Leib und Leben. Denn selbst wenn die persönliche Einschätzung eine andere sein mag: Die Wenigsten derer, die die linke Spur für eine Tiefflug-Schneise halten, wären zu einer angemessenen Reaktion auch nur ansatzweise imstande, falls plötzlich Unvorhergesehenes passierte.

Apropos: Ein Ausweis höchster Fahrkunst ist die Hatz auf gerader Strecke ohnehin nicht. Meister – auch Meisterinnen – beweisen sich eher in schneller Bogenfahrt. Wer also glaubt, es besonders ambitioniert treiben zu müssen, steuere Sachsen-, Lausitz- oder Nürburgring an. Besucher-Ticket lösen und Vollgas geben. Beschert jede Menge Spaß – und die nötige Gelassenheit im Alltag, wo es vor Leitplanken eben kein Kiesbett gibt und keine Reifenstapel.

So ein Tempolimit müsste ja nicht zwingend bei 120 oder 130 liegen. Warum nicht über 160 reden? Sehr viel schneller fahren auf Dauer doch sowieso die Wenigsten. Einfach mal probehalber. Für ein Jahr vielleicht oder auch zwei. Und hintennach die sorgfältige Analyse. Geht bei all den guten Effekten wirklich so viel Zeit und Lebensgefühl verloren?

Was in der Debatte eher wenig taugt, ist der reflexhafte Verweis auf die Gefahr für den Standort Deutschland. Würden sich Tempolimit und der Wunsch nach schnellen Autos nämlich ausschließen, brächten Porsche, BMW und Co. in den USA kein einziges Auto vom Hof.

Ehrlicher wäre zu sagen: "Wir wissen um all die guten Argumente, aber wir ignorieren sie." Den Satz jedoch traut sich niemand an führender Stelle im Politik-Betrieb. Da päppelt dann lieber Andreas Scheuer (CSU) die schnelle Hälfte des fahrenden Volkes und Svenja Schulze (SPD) notgedrungen die langsame. Überzeugende Begründungen für ihre Standpunkte haben beide nicht geliefert.

Autor

Wolfgang Plank

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Veröffentlicht am:
08. 02. 2019
12:00 Uhr

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