Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

 

Neuer Museums-Typ in USA giert nach Instagram

Instagram-Feeds wollen gefüttert werden, coole Bilder müssen her. Was würde da besser taugen als überdimensionale Eisbecher, Regenbogen und Glitzer? Im Wettlauf um Likes ist in den USA eine neue Art von Museen entstanden, die statt Inhalten bunte Foto-Tapete bieten.



Installation «Dream Machine»
Die Schau «Dream Machine» in New York bietet eine bunte Kulisse fürs Foto-Shooting.   Foto: Johannes Schmitt-Tegge » zu den Bildern

Fluffige Wolken zum Anfassen. Sanfter Regen aus Seifenblasen. Bällebad, Glitzervorhänge, Zuckerwatte. Die Räume in der «Dream Machine» in New York sind wie aus Träumen gepflückt, man fühlt sich im Foto-Shooting zu «Alice im Wunderland».

Die Schau ist die jüngste in einer Reihe von Installationen und sogenannten Museen in den USA, die Besucher auf der Jagd nach frischen Likes in sozialen Netzwerken anlockt. Die Formel: Kaum oder gar keine Inhalte, dafür quietschbunte Steilvorlagen für knackigen Stoff auf Instagram.

Gründerin Paige Solomon ist überzeugt, dass die «Dream Machine» bei Besuchern auch Social Media ziehen würde. «Es ist eine kleine Flucht vor der Außenwelt», sagt sie. «Großartige Fotos» seien erwünscht, aber es gehe auch um eine «spielerische und lustige» Erfahrung ohne Handy oder Kamera.

Fragt sich nur: Was soll man zwischen all diesen Plastik-Attrappen machen, die an einen Waschsalon, einen Urwald oder einen Wolkenhimmel erinnern, wenn nicht ein paar coole Fotos? Für den satten Eintritt von 38 Dollar (31 Euro) wird man wenigstens sein Konto auf Instagram, Facebook oder Snapchat etwas schmücken wollen.

Das «Museum of Ice Cream» entstand sogar erst durch Instagram. 2016 feierte es in New York Premiere und machte seitdem in Los Angeles, San Francisco und Miami einige Monate Station. Gründer Manish Vora und seine Freundin entdeckten, dass in sozialen Netzwerken doppelt so häufig Beiträge zum Thema Eiscreme veröffentlicht werden wie zur Popdiva Beyoncé - und setzten ihre Witz-Idee in die Tat um: Ein Pop-Up-Museum rund um das Thema Eiscreme.

Kunstfaktor? Lernfaktor? Gering. Instagram-Faktor? Riesig. Jeder Raum ist auf fotogen getrimmt mit Zuckerluftballons, Wänden voller Waffelhörnchen, einem Pool voller bunter Streusel mit pinkfarbenen Wasserbällen, einem Kakaobrunnen zum Trinken, einem überdimensionalen Eisbecher, einer Eislöffel-Wippe und einer Eissandwich-Schaukel. «Wenn dein Erlebnis nicht Instagram-tauglich war, dann ist es für viele Menschen kein Erlebnis gewesen», sagt Gründer Vora. Sogar Stars wie Beyoncé, Gwyneth Paltrow und Kim Kardashian kamen zu Besuch.

Die Nachahmer ließen nicht lange auf sich warten. Im etwas lieblos zusammengezimmerten «Egg House» wird das Ei in all seinen Formen zur Foto-Kulisse, die «Color Factory» in San Francisco feiert die Welt der Farben. Und natürlich läuft auch schon der Ticket-Vorverkauf zum «Museum of Pizza» , das dem beliebten Fast-Food im Oktober in New York mitunter eine «Käse-Höhle» und einen «Pizza-Strand» widmet. Könnten bald «Museen» für Hamburger, Kaugummi und Cola folgen?

Besucher wollten ihren Freunden online zeigen, «was für coole Dinge sie unternehmen», sagt Courtney Spritzer, Gründerin der PR-Agentur Social Fly, die Unternehmen bei deren Social Media-Strategie berät. Text-Erklärungen, etwa zur Entstehung von Träumen oder der Erfindung von Eiscreme, «können sie einfach googeln», sagt Spritzer über die jungen Millenials. «Sie kommen wegen der visuellen Erfahrung.» Die Instagram-Museen würden daraus nun geschickt Kapital schlagen.

Selbst vor echten Kunstmuseen und Galerien bilden sich heute oft die längsten Warteschlangen, wenn die Schau drinnen «fotogene Momente» bietet, wie Spritzer es nennt: Die gespiegelten «Infinity Rooms» der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama etwa, die pulsierende Glitzerwelt der Schweizer Multimedia-Meisterin Pipilotti Rist oder die als «Rain Room» bekannte Regen-Installation im MoMA 2013. Und wo ein Foto einst den Museumsbesuch dokumentierte, wird das Bild oft zum Selbstzweck. «Beläuft sich die Erfahrung auf das kleine quadratische Foto, das man online stellt?», fragt das Magazin «Wired».

Der Kunstbetrieb hat längst erkannt, wie es die Generation Instagram ködern kann. Wer 2016 die Smithsonian-Ausstellung «Wonder» in Washington besuchte, sah Werke von neun Künstlern, die nichts miteinander verband außer die bizarren Strukturen, fantastischen Farben und die daraus resultierenden, hohen Like-Quoten ihrer Werke. Besucher wollten diese Kunst durchaus sehen, sie vor allem aber fotografieren, fasste die «Washington Post» zusammen. «Manchmal ist schwer zu sagen, was ihnen wichtiger ist.» Der Blick vieler wanderte von der Kunst schnell auf das Handy-Display - und verweilte dort.

Nach über 100 Jahren Amateurfotografie richten die Menschen die Kameralinsen immer mehr auf sich selbst - die neue Gattung des Instagram-Museums ist die räumliche Antwort darauf. «Im vor-digitalen Zeitalter der Fotografie war die Botschaft: «Dies ist, was ich sehe. Ich habe es gesehen», sagte JiaJia Fei , frühere Direktorin für Digitales beim Guggenheim Museum, 2015. «Heute lautet die Botschaft: »Ich war hier. Ich kam, sah, und machte ein Selfie.»

Veröffentlicht am:
11. 05. 2018
14:34 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Beyoncé Giselle Knowles Facebook Guggenheim Museum Gwyneth Paltrow Instagram Kim Kardashian Kunstmuseen und Galerien Museum of Modern Art Pipilotti Rist Soziale Netzwerke Speiseeis Yayoi Kusama
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Trolltunga in Norwegen

17.10.2018

Die Pilgerreisen der Instagram-Jünger

Selbst an den entlegensten Ecken der Welt darf heute eines nicht fehlen: der inszenierte Schnappschuss, der später in sozialen Medien landet. Manch Instagram-tauglicher Ort erlangt so ungeahnte Popularität - nicht immer ... » mehr

Cathy Hummels

16.08.2018

Urlaub machen in den Hotels der Stars

Nur auf Instagram sehen, mit wem Promis im Sommerurlaub Party auf Ibiza machen? Das war gestern. Inzwischen laden etliche Stars Gäste selbst in ihre Ferienwohnungen oder Hotels ein. Warum eigentlich? » mehr

Üppige Gärten auf dem Landsitz De Wiersse

12.03.2019

Auf Schlösser-Radtour im niederländischen Achterhoek

Die Niederlande lassen sich sehr gut mit dem Fahrrad erkunden. Durch das grüne Herz des Achterhoek führt die Acht-Schlösser-Route zu Landgütern, Herrenhäusern und Schlössern. Die Region ist touristisch noch eher unbekann... » mehr

Lonely Planet

24.04.2019

Reise-Apps von clever bis kurios

Postkarten verschicken, Aussichtspunkte finden, Einheimische kennenlernen: All dies geht auf Reisen mittlerweile über Apps. Eine kleine Auswahl an digitalen Helfern für unterwegs. » mehr

Kirschblüte in Bonn

27.03.2019

Kirschblüte in Bonn wird zum Instagram-Hit

Viele Menschen suchen ihre Ausflugs- und Ferienziele heute danach aus, wo sie die besten Bilder machen können. Für Orte, die jahrelang eher als Geheimtipp galten, ist das eine große Chance - und auch ein Risiko. Nun zieh... » mehr

Massentourismus in Venedig

14.03.2019

Wenn Touristen die Städte stürmen

Venedig gilt als der Inbegriff des Massentourismus. Für viele Touristenorte in Europa gilt: Nur nicht so werden wie Italiens Schmuckstück erster Klasse. Nun will die Lagunenstadt Eintrittsgeld verlangen. Was kann das bri... » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
11. 05. 2018
14:34 Uhr



^