Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: Urlaub daheimCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

 

Sollte man in autoritäre Länder reisen?

Soll ich als Urlauber ein autoritär regiertes Land meiden, um das Regime dort nicht zu unterstützen? Nein, sagt die Tourismusbranche - und sieht sogar Chancen durch solche Reisen.



Besuch in Myanmar
Straßenszene in Rangun in Myanmar. Das Land ist Südostasien öffnet sich auch wegen des Tourismus und der Gäste aus dem Ausland, glauben Experten.   Foto: Frank Rumpf/dpa-tmn » zu den Bildern

China, Ägypten, Türkei - nicht in jedem Land erfüllt sich unser westliches Demokratieverständnis. Doch sollten Touristen deshalb gleich auf das Reisen dorthin verzichten?

Auf der Reisemesse ITB erklärte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) im März: «Immer mehr Urlauber fühlen sich abgestoßen, wenn Regimes Freiheits- und Menschenrechte missachten.» Stimmt das? Vertreter der Tourismusbranche sind geteilter Meinung. Von Reisen in Länder mit zweifelhaftem Ruf raten sie aber nicht ab.

Menschenrechte im Tourismus

«Ich glaube schon, dass der Anteil wächst an Leuten, die sich dafür interessieren», sagt Jara Schreiber vom Roundtable Human Rights in Tourism. Aber es sei noch eine Nische. Der Verband versteht sich als Diskussionsplattform, um Menschenrechte im Tourismus zu fördern.

Anders sieht das Martin Lohmann vom Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa: «Es spielt keine große Rolle, welche politische Form ein Land hat», sagt der Experte. Vielmehr komme es auf die mögliche persönliche Betroffenheit vor Ort an: Könnte ich leichter als andernorts das Opfer eines Terroranschlags werden? Dann reise ich vielleicht eher nicht in ein Land. Wenn sich aber zum Beispiel die Minderheit der Uiguren in China unterdrückt sieht, dann sehe man als Tourist deshalb nicht vom Reisen ab.

Aber sollte man vielleicht genau dies tun? Und wie schafft man es, ein Regime nicht zu unterstützen, einfache Menschen im Land aber schon? «Es kommt weniger auf die Entscheidung zum einzelnen Land an, als auf die Frage, wie man tatsächlich vor Ort reist», sagt Antje Monshausen, Referatsleiterin Wirtschaft und Umwelt bei der Organisation Brot für die Welt.

Gründlich über das Land informieren

Die Herausforderung sei groß, wenn man in Länder reist, die im Ruf stehen, Freiheits- und Menschenrechte zu missachten. Die Expertin rät Urlaubern, sich dann gründlich über das Land zu informieren. Zum Beispiel mit Literatur, die hinter die touristische Kulisse blickt - etwa Länderberichte von Menschenrechtsorganisationen oder alternative Reiseführer.

Jara Schreiber empfiehlt, beim Reiseveranstalter nachzufragen, ob zum Beispiel Hotels im Reiseprogramm im Besitz von Regierung oder Militärs sind. Bislang seien die Mitarbeiter in den Reisebüros aber noch nicht geschult in solchen Fragestellungen. Verschiedene Initiativen versuchten, das zu ändern: «Da tut sich was.»

Bei den Kunden großer Veranstalter spielt das Thema Menschenrechte nicht unbedingt eine Rolle. «Spezifische Rückfragen zu der menschenrechtlichen Situation in einem Land erhalten wir bislang kaum», räumt Ulrike Braun vom Veranstalter DER Touristik ein. Sie ist die Leiterin Corporate Responsibility.

Wer sich entschieden hat, in ein Land zu reisen, in dem Berichten zufolge Menschenrechte verletzt werden, sollte einige Dinge beachten. Prof. Hartmut Rein von der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung in Eberswalde rät, möglichst Kontakt mit den Einheimischen zu suchen. Auch für Monshausen ist es wichtig, dass man Menschen vor Ort begegnen kann - und zwar eigenständig. Nordkorea ist hier das extreme Gegenbeispiel. Alles, was man dort zu sehen bekommt, ist arrangiert.

Gefährlicher Austausch mit Einheimischen?

Der Kontakt mit Einheimischen kann aber auch Risiken bergen. Zum einen kann man sich selbst durch kritische Aussagen in Gefahr bringen, zum anderen die Einheimischen, die mit den Touristen reden. «In bestimmte Länder kommen sie dann halt kein zweites Mal mehr rein, und wenn sie Pech haben, nicht mehr raus», sagt Rein.

Touristen haben nach Ansicht von Monshausen durchaus die Möglichkeit, die Situation in einem Land zu verbessern: «Diese Macht, dieses Potenzial, da eine Veränderung mit zu ermöglichen, darüber sollten sich Reisende bewusst sein.» Auch in der Tourismusbranche könne es einen Umbruch geben, wenn immer mehr Reisende nach Menschenrechten fragten.

Durch das Reisen habe man die Möglichkeit, einen Wandlungsprozess in einem Land zu unterstützen, glaubt Rein. Beispiel Myanmar: Dort komme auch durch den Tourismus der Demokratisierungsprozess in Gang. «Wenn sie nicht mehr hinfahren, unterstützen sie auch die Leute nicht mehr, die gerne eine andere Gesellschaft dort wollen.»

Lohmann sieht die vermeintlich positive Wirkung der Reisebranche eher kritisch: «Ob der Tourismus der richtige Hebel ist, um die Menschenrechte durchzusetzen, da habe ich meine Zweifel.»

Veröffentlicht am:
28. 05. 2019
09:49 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Amnesty International Bereich Hotels DER Touristik Fremdenverkehr Hochschulen und Universitäten Kunden Menschenrechte Menschenrechtsorganisationen Michael Müller Professoren Reisebüros Reiseveranstalter SPD Wirtschaftsbranche Reisen und Tourismus
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Coronavirus in Italien

03.03.2020

Wohin kann ich überhaupt noch reisen?

Die Menschen gehen auf Reisen - und mit ihnen das neuartige Coronavirus, das sich in immer mehr Ländern ausbreitet. Da stellt sich die Frage: Wo kann ich in diesem Jahr überhaupt Urlaub machen? » mehr

Urlaubsfotos anschauen

28.04.2020

Virtuell reisen in Corona-Zeiten

Die Welt virtuell vom Sofa aus erkunden: In Corona-Zeiten klingt das spannender denn je. Mittlerweile gibt es viele inspirierende Angebote auch abseits der digitalen Museumstour - und einen großen Haken. » mehr

Hotelanlage

31.12.2019

Wie sicher ist die Pauschalreise?

Die Thomas-Cook-Pleite war ein Schlag ins Gesicht vieler Urlauber: Die Reise abgesagt, das Geld erstmal weg. Dabei galten Pauschalreisen stets als sicher. Stimmt das noch zum Start ins Reisejahr 2020? » mehr

Tourismusland Australien

10.01.2020

Down Under baut trotz Feuers auf Tourismus

Verbrannte Erde und Menschen auf der Flucht: Die aktuellen Bilder aus Australien taugen nicht so Recht als Werbung für ein Urlaubsziel. Kommen die Touristen dennoch? » mehr

Ein Ferienwohnungs-Schild in Zinnowitz an der Ostsee

30.04.2020

Tourismusexperte: Betten in Deutschland werden nicht reichen

Kein Mallorca, kein Tunesien, erst recht keine Fernreisen: Im Sommer wird womöglich nur Urlaub in Deutschland möglich sein. Aber würde das überhaupt für die Masse funktionieren? Ein Experte ist skeptisch. » mehr

Mit der Bahn für das Klima

27.08.2019

Wie nachhaltig ist das Angebot großer Reiseveranstalter?

Reisen und Umweltschutz passen oft nicht gut zusammen. Jetzt reagieren auch die Veranstalter: Sie sind auf vielfältigen Wegen um Nachhaltigkeit bemüht. Doch das Engagement hat Grenzen. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
28. 05. 2019
09:49 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.