Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: 30 Jahre WiedervereinigungCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

 

Das Visum gibt's am Bahnhof - und Lenin überall

Tiraspol - wo ist das denn? Die eigenartige Stadt liegt in einem Land in Osteuropa, das niemand anerkennt, und verehrt die Helden der Sowjetunion. Grund genug für einen Besuch vor Ort.



Bahnhof von Tiraspol
Ankunft in einem Land, das international nicht anerkannt ist: Bahnhof von Tiraspol in Transnistrien.   Foto: Bernd Kubisch/dpa-tmn » zu den Bildern

Der Fahrplan am Bahnhof von Tiraspol ist ebenso überschaubar wie die Zahl der ankommenden Ausländer. Gerade rollt der Zug aus Moldawiens Hauptstadt Chisinau in Transnistriens Hauptstadt ein, er wird von hier weiter ans Schwarze Meer fahren.

Transnistrien sagte sich nach dem Zerfall der Sowjetunion umgehend von der gerade unabhängig gewordenen Republik Moldau los, wird aber nicht einmal von Russland anerkannt - und ist vielen Reisenden suspekt. Doch wer ein paar Tage in Tiraspol bleibt, kann seine Vorurteile möglicherweise abbauen.

Devisentausch und Sowjet-Glorifizierung

Keiner der vier Ausländer wartet heute früh mehr als zehn Minuten am Schalter auf sein Visum, das es auch an den Grenzstraßen gibt. Die Menschen auf der Straße machen einen zurückhaltenden und freundlichen Eindruck. Keiner hält die Hand auf. Die Toilettenfrau am Bahnhof bleibt jedoch unerbittlich und öffnet auch für einen Euro nicht die Tür. Zum Glück hilft die Dame am Wechselschalter, tauscht Euro in Transnistrische Rubel. Damit öffnen sich - für Touristen extrem preiswert - Taxis, Busse, Märkte und Restaurants. Und Toiletten.

Die City hat keine klassischen Sehenswürdigkeiten, aber gleicht einem Freilichtmuseum voller sowjetischer Errungenschaften (Panzer, Paradeplätze, Büsten und Statuen von Lenin und anderen Helden des Kommunismus) - sie ist ziemlich einzigartig. Hammer und Sichel, Symbol des Marxismus-Leninismus, prangen auf Fahnen.

Ein Bummel durch die Stadt

Tiraspol ist in drei Stunden bequem zu Fuß zu erkunden. In den Straßen mit den Namen von Rosa Luxemburg, Karl Marx und Lenin stehen Wohnblöcke mit gepflegtem Grün und Spielplätzen. Vielerorts schaukeln und klettern Kinder. Am Bummelboulevard Straße des 25. Oktober schmücken Blumen, blühende Sträucher und Nadelhölzer die Bürgersteige. Kein Abfall am Straßenrand.

Läden, Supermärkte und ein großer «Cyber Shop» wechseln sich mit Amtsgebäuden, Cafés und Restaurants ab. Das «Mafia» hat flächenmäßig sozialistische Größe. Auch draußen sitzen an diesem sonnigen Samstag viele Kunden, genießen Limo, Bier, Blini, Steak und Schokoladentorte.

Der Suworow-Platz eignet sich für Paraden und ist umsäumt von Grünanlagen, Fahnen, Verwaltungsgebäuden, Monumenten und Denkmälern. Stadtgründer Alexander Suworow grüßt auf steinernem Ross. In der Nähe fotografiert ein Vater seinen Nachwuchs auf einem sowjetischen T-34 Panzer, Teil der Ehrengedenkstätte für im Krieg gefallene Soldaten.

Auf dem Zeleny-Markt wird der Geldbeutel geschont. Ein Kilogramm frisch geschälter Walnüsse zum Beispiel kostet umgerechnet nur 2,50 Euro. Bauern aus nahen Dörfern bieten auch Melonen, Äpfel, Gewürze, Tomaten und Kartoffeln an. Ein paar Schritte vom Markt entfernt steht die erst 20 Jahre alte Russisch-Orthodoxe Kathedrale der Stadt mit golden glänzenden Kuppeln. Am nahen Fluss Dnister dröhnt Musik von einem der wenigen Ausflugsdampfer. Am Ufer turteln Liebespaare.

Umsonst ins Stadion

Am modernen Fußballstadion des FC Sheriff Tiraspol gibt es ein paar Verständigungsprobleme. Alle Kassen sind geschlossen. Doch die Einheimischen gehen durch Drehkreuze und Taschenkontrollen. Ein Ordner sieht den hilflosen Touristen, öffnet das Drehkreuz und ruft laut: «Free, free!» Freier Eintritt. Die Heimmannschaft gewinnt 5:0. Sie ist Meister Moldawiens und hat Erfahrung in der Europa League.

Aus Sicht der Regierung in Chisinau ist Tiraspol voller Teil Moldawiens. Und die Kicker vom FC Sheriff sind glücklich, dass sie nicht gegen transnistrische Dorfvereine antreten müssen. Im Sport ist hier die Welt einfacher als in der Politik.

© dpa-infocom, dpa:200916-99-586451/3

Veröffentlicht am:
17. 09. 2020
05:08 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Ausländer Denkmäler Hauptstädte von Staaten und Teilregionen Karl Marx Mafia Marxismus-Leninismus Melonen Republik Rosa Luxemburg Rubel Touristen Transnistrien Visum Wladimir I. Lenin
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Dritte Klasse

28.07.2020

Mit der Bahn durch Osteuropa ans Schwarze Meer bummeln

Warum immer hektisch fliegen? Mit der Bahn geht es von Deutschland aus gemütlich bis ans Schwarze Meer. Unterwegs warten echte Perlen wie Krakau, Lemberg und Odessa. Eine Reise im Takt der Schienen. » mehr

Little France in Straßburg

02.07.2020

Straßburg abseits der Selfie-Spots

Morgens Kanäle und Kathedrale, nachmittags Europaviertel? Wer Straßburg auf seine Hotspots reduziert, verpasst Naturoasen, lebendige Viertel und die sehenswerte Neustadt. » mehr

Spanische Treppe

24.07.2020

Die Ewige Stadt verjüngt sich - Rom muss sich neu erfinden

Rom im Corona-Sommer 2020 sei wunderbar, sagen die einen. Andere sprechen von einer «Katastrophe». Italiens Hauptstadt fast ohne ausländische Touristen lässt keinen kalt. » mehr

Seine-Ufer

07.08.2020

Urlaub in Paris in Zeiten von Corona

Für Reisende ein Segen, für Hoteliers und Gastronomen ein Fluch: Paris ist derzeit so leer wie selten. Wer die Metropole besucht, muss nicht in endlosen Schlangen ausharren. Für die Tourismusbranche ist das allerdings ka... » mehr

Island und die Corona-Krise

13.07.2020

Geht es mit dem Tourismus auf Island nun wieder aufwärts?

Jahrelang schossen die Touristenzahlen auf Island in die Höhe. Jetzt sollten sie sich stabilisieren. Stattdessen kam Corona - mit immensen Folgen für die isländische Reisebranche. Die Isländer verzagen trotzdem nicht. » mehr

In der Fabrika

09.07.2020

Von Ochsenaugen und Pilzdächer

Maurischer Stil, Brutalismus und Moderne: Wer glaubt, in Georgien empfangen einen nur Plattenbauten aus Sowjetzeiten, der täuscht sich. Das Land bietet eine Vielfalt architektonischer Denkmäler. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
17. 09. 2020
05:08 Uhr



^