Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

 

Zwischen Stille und Lärm in Kalkutta

Ein Armenhaus, Bettlertrauben, Dreck ohne Ende? Weit gefehlt: Kalkutta im Osten Indiens hat mehr zu bieten. Eindrücke aus einer bunten und lebendigen Stadt.



Nahe der Howrah Bridge
Kalkutta ist eine belebte Stadt. Nahe der Howrah Bridge teilen sich Fußgänger, Autofahrer und Händler die Straße. Foto: Andreas Drouve   Foto: dpa » zu den Bildern

Tak. Tak tak tak. Kann das sein? Die klackenden Geräusche, die die Arkaden gegenüber des Gerichtsgebäudes erfüllen, klingen für Besucher aus Europa wie aus einer anderen Zeit.

Tak tak. Tak tak. Galten die Geräte nicht längst als ausgestorben? Nicht in der indischen Metropole Kalkutta: Hier gehören Schreibmaschinen genauso zum Alltag wie betagte Fotokopiergeräte.

Nicht nur die Arbeit wird in dieser Stadt im Freien erledigt, auch vieles andere findet in der Öffentlichkeit statt. Nicht weit entfernt von den klackernden Schreibmaschinen stehen Blechtöpfe in Garküchen auf großer Flamme, Männer seifen sich an einem öffentlichen Brunnen ein. Das Leben zeigt sich hier ungeschminkt und bunt.

Stadt ist reich an Erinnerungen

Als der US-amerikanische Schriftsteller Mark Twain (1835-1910) hierher kam, skizzierte er die damalige Hauptstadt Britisch-Indiens und Bengalens als «schöne Stadt», «reich an geschichtlichen Erinnerungen und reich an britischen Errungenschaften».

Heute fällt vielen bei der Metropole, die offiziell Kolkata heißt, als erstes Mutter Teresa (1910-1997) ein. Die Ordensschwester kümmerte sich in Kalkutta um die Armen und prägte damit auch das Bild der Stadt nachhaltig. Allerdings ist Kalkutta mehr als nur Armut.

Die Stadt ist lebendig und lebensfroh: Überall begegnet man einem Lächeln, an Markt- und Straßenständen, in Linienbussen, in der Metro. Gegenüber Fremden sprühen die Einheimischen vor Neugier, Hilfsbereitschaft und Aufgeschlossenheit. Die Herzlichkeit ist manchmal überraschend: Als ein alter Mann erfährt, dass der Besucher aus Deutschland kommt, beschenkt er den Fremden mit einer innigen Umarmung und sagt «Steffi Graf».

Hupen aus Langeweile

Die Lebendigkeit drückt sich auch in der Betriebsamkeit aus, zum Beispiel früh morgens auf dem Blumenmarkt, wenn sich schwer beladene Lastenträger ihre Wege durchs Gedränge bahnen. Oder jederzeit auf der Howrah Bridge, eine der meistfrequentierten Brücken Asiens.

Täglich sollen es über eine Million Menschen sein, die auf der Brücke in Linienbussen, Taxis, Lastern, Autos, zu Fuß, mit Karren oder Rädern über den Hooghly, einen Mündungsarm des Ganges ziehen. Begleitet von Hupkonzerten. Gemeint ist das hier nicht böse. Vielmehr ist Hupen für viele Autofahrer eher ein Zeitvertreib.

Besonders laut ist es in der AJC Bose Road. Fast jedes Auto hupt vor dem Stammsitz der Missionarinnen der Nächstenliebe, wo Begründerin Mutter Teresa ihre letzte Ruhe fand. Bis zum ihrem Grab dröhnt der Lärm. Selbst in dem Museumsraum, wo man mehr über das Leben der Friedensnobelpreisträgerin erfährt, ist der Lärm zu hören.

Ehrfürchtig harren Gläubige vor persönlichen Gegenständen in Vitrinen aus, einem Taschentuch der Heiligen, ihrer grauen Reisetasche, Spritzen und Nadeln in einem Kästchen für ihre Bluttests, den Sandalen. Schwarzweißfotos zeigen eine junge Frau, die man sonst nur als alt, klein und gebückt in Erinnerung hat: Agnes Gonxha, lange bevor sie Mutter Teresa wurde.

Orte der Stille sind auch zu finden

Aber Kalkutta ist nicht nur laut. Es gibt auch leise Ecken, das Töpferviertel Kumartuli zum Beispiel. Hier zeigt sich die Millionenstadt von der ländlichsten Seite, ein Kalkutta mit Dorfcharakter. In kühlen, kleinen Werkstätten formen Künstler wie Shankar Paul und Bhola Paul Skulpturen in Klein- und Großformat. Für den Hausgebrauch, Feste, Museen. Hindugötter sind bei den Motiven ebenso vertreten wie Mahatma Gandhi.

Das Rohmaterial liefert der Schlamm des Ganges, respektive sein Arm Hooghly. Bhola Paul, 59, braucht für ein kleines Tonbildwerk «eine Stunde», sagt er. Übung macht den Meister. Begonnen hat er mit acht Jahren. Alles Handarbeit, das gilt für Schneiderstuben ebenso wie für Openair-Barbiere, Zuckerrohrpresser, Schuhmacher. Schuljungs in Uniform kommen entgegen, Straßenhunde kreuzen den Weg.

Stille findet man auch im Botanischen Garten, in der anglikanischen Kirche St. John's, in den Parkanlagen beim Königin Victoria Memorial, am Fluss beim Hindutempel Dakshineswar Kali. Dort tauchen Menschen in die trübe Brühe der heiligen Gangeswasser, füllen Kanister und Flaschen für daheim ab, beten.

So wie Dhar Souvik, 25, Assistent in einer Dentalklinik. Heute ist er zum Tempel und an die Ufer gekommen, weil es seinem Vater schlecht geht. Er bittet um Besserung seines Zustands, blinzelt über dem breiten Strom in die untergehende Sonne und sagt: «Hier spüre ich Frieden, eine tiefe Entspannung.»

Veröffentlicht am:
19. 09. 2019
05:52 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Armut Auswärtiges Amt Autor Brunnen Die Armen Hauptstädte von Staaten und Teilregionen Künstlerinnen und Künstler Mahatma Gandhi Mark Twain Memorial Millionenstädte Mütter Reiseländer Steffi Graf Städte
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Gori

09.07.2019

Das macht Georgien zu einem angesagten Reiseziel

Kolossale Berge im Kaukasus, kulturhistorische Stätten, die Offenheit der Menschen: Georgien ist ein traumhaftes Reiseland. Noch kann man dort Ursprünglichkeit erleben. » mehr

Knieladen

10.09.2019

In Sofia verschmelzen Kulturen

Thermalquellen, römische Ruinen und ein Hauch von Sowjetcharme: Bulgariens Hauptstadt Sofia ist facettenreich und für Westeuropäer ein günstiges Reiseziel. Man muss nur aufpassen, wo man hintritt. » mehr

Edinburgh

14.10.2019

Auf den Spuren von Harry Potter in Edinburgh

Edinburgh ist der Entstehungsort sämtlicher Harry-Potter-Romane - und besitzt dadurch große Anziehungskraft für Fans. Die gute Nachricht: Auch wer nicht dazugehört, kann hier eine gute Zeit haben. » mehr

Belegte Brote

03.10.2019

Kulturhauptstadt Galway bietet Musik und Meer

In der irischen Küstenstadt Galway kann der Himmel selbst im Hochsommer nach November aussehen. Gibt es deshalb so viele Pubs mit Live-Musik? Ein Besuch in der Kulturhauptstadt 2020. » mehr

César Manrique

07.05.2019

Lanzarote feiert den «Inselheiligen» César Manrique

Vor 100 Jahren wurde César Manrique auf Lanzarote geboren. Die Insel feiert das Jubiläum mit vielen Events. Der große Künstler und Architekt schuf nicht nur faszinierende Orte. Er hatte auch eine klare Haltung zum Massen... » mehr

Unterwasser-Spa

20.11.2018

In Malé zeigen sich die Malediven von einer anderen Seite

Wer auf die Malediven fliegt, übernachtet in abgeschotteten Resorts, schwelgt häufig im Luxus, genießt Cocktails am Strand. Kaum jemand besucht die Hauptstadt Malé. Hier tobt das echte Leben. Der Gegensatz könnte kaum gr... » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
19. 09. 2019
05:52 Uhr



^