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Staunen am Abgrund

Stellen Sie sich vor, es gibt ein Weltwunder und keiner geht hin. Der größte Erosionskrater der Erde befindet sich in Israel – und ist doch so gut wie unbesucht.



Der gigantische Ramon-Krater lädt ein zum Freuen und Staunen. Fotos: Petra Jacob-Sachs   » zu den Bildern

So mag es zu Anbeginn der Welt ausgesehen haben. Wüste und Berge schimmern goldgelb, rosa, lila und schokoladenbraun – immer wieder anders. Der Blick geht weit und es ist unendlich still. Am Rande des Machtesch Ramon oder auch Ramon-Kraters blickt man hinein in eine gigantische Schlucht. Einen halben Kilometer tief, 40 Kilometer lang und zehn Kilometer breit ist der Krater. Der größte Erosionskrater der Welt – und doch so gut wie unbekannt.

Wer würde diese Landschaft schon mit seinem traditionellen Bild vom Heiligen Land verbinden? Das hier ist ein unbekanntes Israel – weit weg von Jerusalem, den religiösen Stätten. Sechzig Prozent der israelischen Landesfläche sind mit Wüste bedeckt. Die Schlucht, heißt es, ist jene, die das Herz der Negevwüste aufreißt.

Der Machtesch Ramon ist kein Krater im herkömmlichen Sinne. Er entstand nicht durch den Einschlag eines Meteors oder nach einem Vulkanausbruch, sondern durch einen Felsriss, der sich dann über Millionen von Jahren aufgrund von Niederschlägen und Erosion auseinanderschob. Laut dem israelischen Ministerium für Wissenschaft und Technologie ähnelt das Terrain den Begebenheiten auf dem Mars so sehr, dass hier für zukünftige Marsexpeditionen trainiert wird.

Am Kraterrand befindet sich die Fünfeinhalbtausend-Einwohner-Siedlung Mitzpe Ramon – der wohl entlegenste Ort Israels. Hier leben Russen, Äthiopier, Inder, Rumänien und orthodoxe Juden. Auch viele Hippies und junge Soldaten, da es durch die Nähe zur ägyptischen Grenze – sie liegt nur 30 Kilometer entfernt – zwei Militärstützpunkte gibt. Dazu ein paar verschleierte Beduinenfrauen aus der Wüste, die im einzigen Supermarkt weit und breit ihre Lebensmittel einkaufen.

Der Ort zieht viele Künstler, Aussteiger und Abenteurer an. Menschen wie Noam Shalev. Früher lebte er in Tel Aviv, heute führt er Touristen durch den Krater. Eigentlich wollte er hier nur einen Freund besuchen. "Zwanzig Jahre später bin ich immer noch da", lacht er. Die Gegend mausert sich seit einigen Jahren zur angesagten Destination für Outdoor-Urlaub: Abseilen in den 500 Meter tiefen Krater, Offroad-Mountainbiken, Jeep-Touren durch die Wüste, um wilde Tiere zu beobachten oder in die Sterne zu gucken. Letzteres kann man hier besonders gut, so Noam. Der Ramon-Krater wurde unlängst zum international besten "Dark Sky Park" auserkoren, ein Ort, an dem die Dunkelheit nicht durch künstliches Licht gestört wird.

Noam’s Spezialgebiet sind Wandertouren. Für ein paar Stunden oder für ein paar Tage. Auch in den Fernwanderweg "Israel National Trail" – er führt 1000 Kilometer von der libanesischen Grenze bis ans Rote Meer – kann man sich hier einklinken. Am Besucherzentrum mit bester Aussicht auf den Krater starten die gut markierten Wanderwege, die hinunter in die Kraterlandschaft des Nationalpark Machtesch Ramon führen. Vorbei an fantastischen Felsformationen, die zuweilen an den Grand Canyon erinnern. Und doch hat der Wanderer diese Landschaft zumeist für sich alleine, nur ein paar nubische Steinböcke leisten Gesellschaft. Ihnen begegnet man selbst in den Straßen von Mitzpe Ramon.

Für eine solch elementare Landschaft braucht es Zeit und Muße, um sie in sich aufzunehmen. "Am besten zu Fuß", sagt Noam. Wer sich von ihm durch die Wüste führen lässt, lernt das Staunen. Sie ist reich an Fossilien und essbaren Pflanzen. Da gibt es Blüten, die nach süßem Kohl schmecken, salzige Blätter, die wie Salat gegessen oder zu Chips gebraten werden, Pflanzen, die zu Seife, und buntes Gestein, das zerrieben zu natürlichem Make-up wird.

Ein Unternehmen vor Ort macht sich diesen Schatz bereits zu Nutze. Im "Spice Route Quartier", einem ehemaligen Industriegebiet, produziert und verkauft die Firma Faran neben Make-up aus buntem Wüstensand natürliche Kosmetikprodukte und Seifen aus heimischer Kamel- und Ziegenmilch. Bei einer Führung duftet es herrlich nach Geranium und Salbei. In einem kleinen Garten hinter der Fabrik wachsen an die 30 Kräuter. Firmengründer Itay Keinan höchstpersönlich zeigt die Anlage. Die Naturkosmetik wird sogar von einer wohlbekannten deutschen Drogeriemarktkette eingekauft, erzählt er stolz.

Das "Quartier" scheint das Herz der alternativen Szene von Mitzpe Ramon zu sein. Im Secondhand-Laden sitzen die Kunden auf ausrangierten Holzkisten und trinken Cappuccino. Vor der Kneipe lümmeln sie auf einem ausgedienten Sofa im Schatten blau lackierter Baumstämme. Es gibt Planetarium, Bikehotel, Jazzclub, einen kurdischen Teppichladen und die Lasha Bakery. Für die leckeren Backwaren stehen die Kunden bis auf die Straße. Besonders lecker ist das typische Zopfbrot, das Freitagabend, wenn Sabbat gefeiert wird, auf keinem jüdischen Tisch fehlt.

Wer Glück hat, feiert mit. Die Internetplattform "Couchsurfing", auf der sich Gastgeber und Gäste finden, macht es möglich. So öffnet auch Wanderführer Noam hin und wieder sein Zuhause für Besucher. Er lebt von seiner Frau getrennt, doch den Sabbat feiern sie mit den beiden Kindern gemeinsam. Der Tisch ist reich gedeckt. Das für die Speisen verwendete Olivenöl sei vom Bürgermeister, erzählt er. Der hätte ein paar Hügel weiter eine Olivenplantage – mitten in der Wüste.

Die Wüste zum Blühen zu bringen, dafür sind israelische Landwirte weltberühmt. Sie erfanden die Tropfbewässerung und züchten Nutzpflanzen, die mit ganz wenig Wasser auskommen. Seit einigen Jahren ist auch Weinbau in Mode. Mitzpe Ramon liegt am einen Ende der Negev-Weinstraße, die sich 80 Kilometer durch die Wüste bis nach Beerscheba schlängelt. Eigentlich feiert der Weinanbau nur ein Comeback. Bereits vor über zweitausend Jahren hatten die alten Nabatäer in der Negevwüste Wein kultiviert. Die Winzer von heute setzten ihre Weinstöcke oft auf die Terrassenfelder von damals.

Wein braucht guten Ziegenkäse. Auch den gibt es entlang der Weinstraße. Die Kornmehl Farm steht auf einem Hügel. Auf den Terrassen – Überbleibsel einer Farm aus der Bronzezeit – wächst wilder Weizen. Daniel und Anat Kornmehl haben ihr Handwerk in Frankreich gelernt, ihr Käse wird in internationalen Medien hochgepriesen. Doch zu haben ist er nur im Hofcafé: ein ausrangierter Eisenbahnwaggon mit herrlichem Ausblick in die Wüste. Außerdem liefern sie die Ziegenmilch für die Seifenproduktion von Faran in Mitzpe Ramon.

Früher verkauften sie ihren Käse auch an das "Beresheet". Auf einer Klippe am Rand des Ramon-Kraters ist es sicher eines der am coolsten gelegenen Hotels der Welt. Drinnen Luxus mit fünf Sternen, der Infinity Pool (Unendlichkeitsbecken) draußen verdient jedoch für seinen Blick in den Krater tausend Sterne.

 

EMPFEHLUNGEN FÜR IHRE REISE
ANREISE: Flug mit Lufthansa oder El Al bis Ben Gurion Airport Tel Aviv, weiter mit der Bahn in etwa einer Stunde nach Beerscheba. Hier umsteigen in den Bus nach Mitzpe Ramon. Oder mit dem Mietauto vom Flughafen Tel Aviv bis Mitzpe Ramon in etwa zwei Stunden.
KLIMA: In Mitzpe Ramon herrscht Wüstenklima. Es ist zumeist trocken und sonnig. Durch die Höhenlage auf 860 Meter kann es abends und in den Wintermonaten jedoch sehr kühl werden.
ÜBERNACHTEN: In einer Bikerherberge, im Beduinenzelt oder im Hotel. Einmalig ist das Hotel Beresheet. Auf einer Klippe am Rand des Ramon-Kraters. Mit Restaurant, Sauna, Innen- und Außenpool. Luxuriöse Zimmer mit Kraterblick, mit oder ohne eigenem Pool. Ein Doppelzimmer mit Kraterblick und eigenem Pool kostet zwischen 333 und 936 Euro pro Nacht.
TOUREN: Buchung möglich über die Hotels. Wander- oder Jeeptouren privat über Noam Shalev, E-Mail: negevfrog@yahoo.com.
Gute Informationen und preisgünstige Touren innerhalb Israels über www.touristisrael.com.

 

 

Autor

Petra Jacob-Sachs
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
07. 05. 2019
15:30 Uhr

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Petra Jacob-Sachs

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07. 05. 2019
15:30 Uhr



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