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Sorge um Freiheit der Wissenschaft

Die Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre ist im Grundgesetz garantiert. Doch machen in jüngster Zeit Proteste gegen strittige Denker immer wieder Schlagzeilen, von Einschüchterungsversuchen ist die Rede. Ist die Wissenschaftsfreiheit in Gefahr?



Nikolaus Johannes Knoepffler
Nikolaus Johannes Knoepffler ist Leiter des Lehrstuhls für angewandte Ethik/Ethikzentrum an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.   Foto: Anne Günther/FSU Jena/dpa

Thüringer Wissenschaftler sorgen sich zunehmend um die Freiheit von Forschung und Lehre. Zwar haben bisher vor allem spektakuläre Fälle außerhalb des Freistaates Schlagzeilen gemacht.

Doch auch an Thüringens größter Hochschule in Jena ist das Thema präsent. «Es gibt inzwischen eine Gesinnungsethik, die die Gesinnung vor die Wissenschaft stellt», warnt der Soziologe Klaus Dörre.

Geistiger Bürgerkrieg

So berichtet er, dass ein Kollege aufgefordert worden sei, den US-Wissenschaftler Samuel Huntington («Kampf der Kulturen») nicht zu behandeln, weil der «ein Kulturrassist» sei. Auch habe es Versuche gegeben, Lehrenden sprachliche Vorschriften zu machen, welche Begriffe verwendet werden dürfen und welche nicht. «Es gibt viele Kollegen, die solche Erfahrungen machen. Das hat eindeutig zugenommen», sagt Dörre. Das komme aber nicht nur von politisch Linken, sondern in weit größerem Ausmaß auch von rechts. So sei er selbst mehrfach von Identitären im Internet angegriffen worden.

«An den deutschen Universitäten - natürlich vor allem an denen in den Metropolen - herrscht eine Art geistiger Bürgerkrieg in der Frage, welche politischen Meinungen zulässig sein sollen und welche nicht», stellt der emeritierte Philosophieprofessor Klaus-Michael Kodalle fest. Auch er und sein Kollege Nikolaus Knoepffler, Leiter des Ethik-Zentrums der Universität Jena, beklagen, dass sich Vorfälle häufen, bei denen versucht werde, Wissenschaftler an Vorträgen zu hindern oder sie einzuschüchtern. Dabei beziehen sie sich nicht nur auf die Fälle von Lucke und Münkler in Hamburg und Berlin.

Auseinandersetzung mit Kontroversen

Auch andernorts sei an Hochschulen gegen Personen mobil gemacht worden. Als Beispiele aus jüngster Zeit nennen sie den australischen Philosophen Peter Singer, den Historiker Jörg Baberowski (Berlin), die Frankfurter Ethnologin Susanne Schröter und eine Vortragsreihe in Siegen, zu der der Philosoph Dieter Schönecker auch dezidiert rechte Denker eingeladen hatte. Nur Schröter in Frankfurt habe Rückendeckung durch ihre Universitätsleitung erhalten.

«Dass man sich anfeinden lassen muss, weil man seine Studenten mit kontroversen Thesen konfrontiert, ist hoch problematisch», betont Knoepffler. «Wollen wir wirklich in einen Zustand zurück, in dem jemand in der Gesellschaft vorschreibt, was an einer Universität vertreten werden darf und was nicht?» Gerade an Hochschulen müsse es möglich sein, sich auch mit kontroversen Meinungen und Vorstellungen zu befassen, so der Philosoph und Theologe. Dabei gehe es nicht nur um die Auseinandersetzung mit den Thesen selbst, sondern auch mit ihren Vertretern - ohne dass diese «Abbitte» leisten müssten oder quasi «exkommuniziert» würden.

Schon voriges Jahr hatte der Deutsche Hochschulverband - eine Berufsvereinigung von mehr als 30 000 Wissenschaftlern - in einer Resolution angemahnt, widersprechende Meinungen an Hochschulen zu respektieren und auszuhalten. «Differenzen zu Andersdenkenden sind im argumentativen Streit auszutragen - nicht mit Boykott, Bashing, Mobbing oder gar Gewalt.» Universitäten müssten auch «unbequemen, unliebsamen Meinungen» ein Forum bieten. «Das Grundgesetz bindet die Freiheit der Lehre lediglich an die Treue zur Verfassung. Darüber hinausgehende Denk- und Sprechverbote gibt es nicht.»

Wissenschaftsfreiheit wahren

Eine zunehmende «Einengung» erkennt auch Jenas Universitätspräsident Walter Rosenthal. «Ein Auseinandersetzungsverbot mit bestimmten Wissenschaftlern, die sich zum Beispiel antisemitisch geäußert haben, darf es aus meiner Sicht nicht geben.» Purismus sei hier falsch. «Das wird dann auch zu einem Problem für die Wissenschaftsfreiheit. Mit dieser Entwicklung müssen wir uns kritisch auseinandersetzen.» Bei massiven Störungen von Lehrveranstaltungen könne auch eine Räumung notwendig werden, erklärt er auf Nachfrage. Das komme aber auf den Einzelfall an. Ein solches Problem sehe er für Jena aktuell nicht.

«Auch ein Herr Lucke muss seine Vorlesung an der Universität halten können», betont Dörre mit Blick nach Hamburg. «Ich möchte auch umgekehrt nicht, dass mir eine Vorlesung untersagt wird, weil ich Björn Höcke für einen Faschisten und Rassisten halte.» Aus seiner Sicht sei es völlig legitim, wenn zum Beispiel Studenten in einer Lehrveranstaltung zu einer Debatte über bestimmte Inhalte auffordern. Gegen eine solche einmalige Aktion sei nichts einzuwenden. «Der Versuch, Kollegen einzuschüchtern oder daran zu hindern, eine Lehrveranstaltung durchzuführen, den halte ich aber für falsch.»

Sorgen müsse man sich insbesondere um den wissenschaftlichen Nachwuchs, meint Philosoph Kodalle. In einem Klima, in dem kleine, lautstark auftretende Gruppen Druck auf Forscher ausübten und eine Meinungsführerschaft anstrebten, könnten sich junge Wissenschaftler zu einer Anpassung gezwungen fühlen statt frei zu forschen und zu lehren. Die Universitätsleitungen seien gefordert, sich in Konfliktfällen entschieden vor ihre Wissenschaftler zu stellen und gegen Störungen oder Einschüchterungsversuche vorzugehen. Auch die Kollegenschaft an den jeweiligen Fakultäten sieht er in der Pflicht, gemeinsam für die Freiheit der Wissenschaft einzustehen.

Veröffentlicht am:
19. 02. 2020
13:59 Uhr

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dpa

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19. 02. 2020
13:59 Uhr



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