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Interview

Annett Louisan: "Glück bedeutet, Sinn in meinem Leben zu sehen"



Annett Louisan
  Foto: Thomas Fähnrich

Annett, was ist Ihre „Kleine Liebe“ des Tages?
Die Dusche, die ich gerade noch zuhause hatte, bevor ich losgefahren bin. Heute ging nämlich bei uns die Heizung nicht, und ich war total durchgefroren (schnäuzt sich). Erkältet bin ich auch schon wieder. So ist es halt, das Leben mit einer Zweijährigen (lacht).

Ich nehme an, die „Große Liebe“…
…sind meine beiden. Mein Mann und unsere Kleine.

Emmylou Rose ist ein wirklich cooler Rockstar-Name.
Danke, ja, unsere Tochter sollte auf jeden Fall einen tollen Namen bekommen. Ich kannte die Form natürlich von Emmylou Harris. Aber Emmylou ist tatsächlich an meine Oma angelehnt, die hieß Emmy Louise. Und ein Link zu „Louisan“ ist auch mit drin.

Wie hat das Mädchen Ihr Leben verändert?
Sie hat alles auf den Kopf gestellt. In den letzten fünf Jahren war ordentlich was los bei mir. Wir sind umgezogen, leben nicht mehr mitten in St. Georg, sondern in einem Haus nahe der Alster, und selbstverständlich kommst du nicht mehr erst nachts um 2 Uhr nach Hause, wenn du dich um ein kleines Kind kümmerst. Obwohl meine Nächte heute härter als früher sind, weil sie noch häufig aufwacht, bin ich glücklicher, gelassener und ausgeglichener, als noch vor ein paar Jahren, nicht mehr so getrieben. Ich glaube, die Jahre um die 40 sind Übergangsjahre, da ist einfach viel los im Kopf. Veränderungen können auch Wachstumschmerzen hervorrufen, sie sind aber so wichtig. Ich finde es auch generell anstrengend, ein glückliches Leben zu führen. Je älter man wird, desto mehr muss man dafür tun. Der Weg dahin ist nicht einfach, aber er lohnt sich.

Kann man sich vornehmen, glücklich zu sein?
Ja, inzwischen kann ich das. Früher bin ich durchs Leben gegangen und habe auf das Glück gewartet, manchmal passierte es dann und manchmal nicht. Glück bedeutet für mich heute vor allem, dass ich einen Sinn in meinem Leben sehe. In den vergangenen Jahren gab es Phasen, in denen ich nicht richtig zufrieden war. Ich dachte, irgendwas fehlt mir. Teilweise habe ich mir selbst das Leben schwer gemacht und hatte zu große Angst davor, Fehler zu machen.

War es sinnstiftend, Mutter zu werden?
Ja, sehr. Mir gibt es sehr viel Halt und ein Gefühl von Zugehörigkeit, eine Familie zu haben. Mich macht das glücklich, mich intensiv mit den Menschen zu beschäftigen, die mir nah sind, dazu gehören auch meine Freunde. Und die zweite Sinn-Säule ist meine Musik.

Sie haben fünf Jahre kein Album mit eigenen Songs veröffentlicht, und jetzt gleich zwei auf einmal. Wieso das?
Die Lieder waren überreif, sie mussten endlich raus. Für mich gehören diese 20 Songs zusammen, auch wenn sich die „Kleine Liebe“ und die „Große Liebe“ stark unterscheiden.

Die „Große Liebe“ ist klar auf so einen 80er-Jahre-Pop-Sound produziert. Wie kam es dazu?
Ich hatte Lust zu experimentieren. Bei der Arbeit mit Peter Plate merkte ich, dass es mich in eine frankophile Pop-Richtung zog und dass die Songs mich an die Musik meiner Kindheit erinnerten, an France Gall oder auch an Madonna. Mein Herz ist richtig aufgegangen und das Musizieren hat so viel Spaß gemacht. Und ich finde, meine Stimme passt richtig gut zu diesen etwas avantgardistischen Sounds.

Stichwort Madonna: Eines der Stücke heißt „Borderline“. Eine Hommage?
Ja, aber eher unterbewusst. In dem Lied geht es um Menschen, die man trifft, und die einen solch negativen Einfluss auf einen haben, dass man regelrecht krank wird. Wenn du zu lange wartest und verharrst, merkst du, wie du in ein Muster hereingerätst, dass sich mit Ko-Abhängigkeit vergleichen lässt. Dieses Gefühl wollte ich mal beschreiben. Egal wo man hingeht, man nimmt sich überall mit hin. Jeder Mensch, jeder Ort hinterlässt etwas, im besten Fall Liebe, im schlechtesten Fall Narben.

In „Belmondo“ singen Sie die hübsche Zeile: „Im Fernsehen läuft was mit Belmondo, und ich schau auf deinen schönen Arsch“. Thema ist das abflauende sexuelle Begehren in einer langen Beziehung.
Ich bin darauf vorbereitet, dass Journalisten fragen, ob dies eine persönliche Geschichte ist. (lacht). Eine langjährige Beziehung zu führen, das ist eine gewaltige Aufgabe. Man braucht sehr viel Respekt, und es gibt auch Momente, wo man sich nicht so nah ist. Ich finde, das darf man auch mal aussprechen und das darf auch so sein. Man kann sich nicht immer auf einem Hoch befinden.

Wie lange sind Sie nochmal mit Ihrem Mann zusammen?
Seit acht Jahren. Ich kann aber sagen, ich liebe ihn heute mehr als je zuvor, und er mich hoffentlich auch. Die Beziehung hat sich durch unser Kind natürlich erstmal verändert, wir haben nicht mehr so viel Zeit füreinander wie früher. Aber hier zeigen sich die wahren Qualitäten eines Paares. Oft müssen wir selbst über uns lachen, zwei kleine Arbeiter in der Kleinfamilie, die sich durch den Schlafmangel kämpfen. Wir haben halt 40 Jahre lang ein anderes Leben gelebt, und dann kommt so ein kleiner Wirbelwind und nimmt dich total in Anspruch. Ein Kind schweißt auch zusammen, ich kann nur Positives berichten.

Teilt Ihr euch die Erziehung?
Ja, wir haben uns gut arrangiert, auch meine Mutter, die ebenfalls in Hamburg lebt, hilft mit. Im ersten Jahr habe ich noch gestillt, jetzt übernimmt mein Mann mehr und mehr Aufgaben, auch werden andere Bezugspersonen immer wichtiger. Ich bin aber immer die sichere Basis im Hintergrund.

Wollten Sie immer Kinder haben?
Ja, bei mir war der Wunsch immer da, bei meinem Mann auch. Wir haben es lange wirklich krachen lassen, haben wild gelebt und das auch genossen, sind viel gereist, und die Zeit ging sehr schnell vorbei. Dann war ich auf einmal 39 und er 43, und man hörte schon so ein bisschen die Uhr ticken.

Den Text zu „Zweites erstes Mal“ kann man so lesen, dass Sie gern ein zweites Kind möchten.
Die Zweideutigkeit ist beabsichtigt (lacht). Doch im Wesentlichen geht es um all die ersten Male im Leben. Die erste Liebe, das erste Mal auf der Bühne, der erste Schnee. Je älter man wird, desto seltener werden solche Erlebnisse und die Sehnsucht danach wächst. Durch Emmylou und ihren Blick auf die Welt kommt dieses Gefühl jetzt zurück.

„Meine Kleine“ haben Sie Ihrer Mutter gewidmet. Wie ist Ihr Verhältnis?
Seit ich selbst ein Kind habe, verstehe ich meine Mutter definitiv besser. Sie war Anfang 20, als sie mich bekam, unsere Beziehung war immer intensiv, aber nicht immer unproblematisch. Ich denke heute, dem Kind das Gefühl zu geben, dass man Dinge verpasst, ist menschlich. Man muss im Leben auch verzeihen können, das habe ich getan. Wir sind heute froh, dass wir einander haben. Meine Mutter ist toll, sie ist auch eine tolle Oma.

Ist das zarte „Kleine Liebe“-Lied „Die schönsten Wege sind aus Holz“ eine Art Zwischenfazit der ersten fast 42 Jahre Annett Louisan?
Ja. „Holz“ habe ich aufgenommen, als ich im 10. Monat schwanger war, mit ganz viel Wasser in den Beinen und tiefergelegter Stimme. Frank Ramond und ich haben den Text geschrieben, die wunderschöne Melodie, die mich an Friedrich Hollaender erinnert, kommt von Martin Lingnau. Worum es in dem Lied geht? Praktisch alle wundervollen Dinge in meinem Leben sind passiert, wenn ich durch ein Tal gegangen bin, eine Angst überwunden oder auch mal Scheiße erlebt habe. Es lohnt sich einfach durchzuhalten und nicht bitter zu werden. Ich will keinen Hass empfinden. Der tut niemandem gut.

Die Botschaft ist also „Ich bereue nichts“?
Genau. Ich habe immer so sehr nach Perfektion gestrebt, war die Geisel meiner eigenen Erwartungen. Heute fällt es mir leichter, mir selbst auch zu verzeihen. Mir geht es besser damit, freundlich zu mir selbst zu sein. Und um zu dieser Selbstzuneigung zu kommen, muss es einem wohl erst richtig schlecht gehen. Ich hatte eine Art Midlife Crisis, war immer müde und auf der Suche, aber ich wusste nicht, wonach. Es musste immer alles schneller, höher, extremer werden. Der Erfolg hat mich irgendwann doch ganz schön unter Druck gesetzt,obwohl ich das nie wollte. Das tut einem natürlich nicht gut. Ich hatte sogar schon überlegt, ob ich nicht besser etwas ganz anderes mache. Auch mit dem schönsten Beruf der Welt sieht man ab und zu den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Sie sind seit 15 Jahren erfolgreich. Gucken Sie sich manchmal das Mädchen von „Das Spiel“ an und denken „Was bin ich erwachsen geworden“?
Tatsächlich, ja. Ich finde es so niedlich, wie unschuldig ich damals noch aussah und auch war. Ich hatte noch nicht so viel nachgedacht über das, was ich mache, war überhaupt nicht verkopft. Seit meine Tochter auf der Welt ist, finde ich wieder so ein bisschen zu diesem alten Gefühl zurück.

Haben Sie über die Liebe jetzt eigentlich alles gesagt, was zu sagen ist?
Nein. Über die Liebe ist niemals alles gesagt.

Wie werden Sie die beiden unterschiedlichen Alben auf der Bühne umsetzen?
Vielleicht in mehreren Akten. Ich glaube, dass sich alles musikalisch sehr gut zusammenfügt. Ich will die Show insgesamt sehr filmisch aufziehen und die älteren Stücke so inszenieren, dass sie wie neu wirken.

Wird Emmylou bei Ihrer Tournee mit von der Partie sein?
Na klar, sie ist ein Reisekind. Das war sie von Anfang an. Als sie sechs Wochen alt war, sind wir mit dem Wohnmobil nach Frankreich und Spanien gefahren. Wir waren zwei Monate unterwegs, in unserem klapprigen Skipper, Baujahr 1980 und nie schneller als 80 Stundenkilometer. Das war eine magische Zeit.
   

Annett Louisan auf Tour

Die deutsche Sängerin  tritt auf ihrer „Kleine große Liebe Tour“ am 29. Oktober um 20 Uhr in der Meistersingerhalle in Nürnberg. Karten gibt es bei uns.

Autor

Das Gespräch führte Steffen Rüth
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
22. 07. 2019
06:00 Uhr

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Das Gespräch führte Steffen Rüth

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Veröffentlicht am:
22. 07. 2019
06:00 Uhr



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