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Interview

Martin Kohlstedt ist ein Star der Neo-Klassik. Er mischt klassische und moderne Elemente zu einem experimentellen Sound mit Wellnesscharakter. Bald geht er auf Tour.



Mit seinem aktuellen Album "Ströme" wagt Martin Kohlstedt Improvisation. Er lässt meditatives Klavier, Streicher und Synthesizer auf die engelsgleichen Stimmen des Leipziger Gewandhaus Chors treffen. Foto: Patrick Richter
Mit seinem aktuellen Album "Ströme" wagt Martin Kohlstedt Improvisation. Er lässt meditatives Klavier, Streicher und Synthesizer auf die engelsgleichen Stimmen des Leipziger Gewandhaus Chors treffen. Foto: Patrick Richter  

Herr Kohlstedt, Sie haben Angebote von der Musikindustrie immer abgelehnt und stattdessen das Hauslabel Edition Kohlstedt gegründet. Jetzt beginnt für Sie eine neue Ära. Welche Vision hatten Sie von Ihrem Debüt bei einem Majorlabel?

Martin Kohlstedt live

Der Pianist und Komponist gibt am 6. November um 20 Uhr ein Konzert in der Hugenottenkirche in Erlangen. Karten dafür gibt es im Ticketshop unserer Zeitung.


Das große Denken fand auch schon in meinen kleinen Platten statt. Ich sehe da keine Dimensionsunterschiede. Mir war es wichtig, über die Solopianoalben ein eigenes Vokabular zu erschaffen. Und jetzt haben wir das Glück, mit dem philharmonischen Gewandhaus-Chor zusammenarbeiten zu dürfen. Und auf einmal wird aus der einen Person auf der Bühne mit seinen sieben Label-Angestellten eine siebzigköpfige Truppe. Die Freiheit dieses Projekts muss durch eine Majorcompany gestützt werden. Ich könnte das nicht mit meinem eigenen Label schaffen. Uns ist es gelungen, unsere Attitüde in Warner Classics einzubetten. Das ist etwas anderes als übernommen zu werden.

Das Album "Ströme" baut auf dem Vorgänger "Strom" auf. Zieht sich durch Ihr gesamtes Schaffen ein roter Faden?

Ich habe eine große Symmetriesucht. "Tag", "Nacht" und "Strom" habe ich alleine zu Hause erstellt, indem ich an mir herumgebohrt habe. Jeweils durch Remixe, Reworks oder durch Gregor Meyer und seinen Gewandhaus-Chor habe ich einen Spiegel gefunden, in dem die eigenen Stücke wieder stattfinden. Wenn auf einmal 70 Stimmen auf einen Ton von mir einsetzen, hat das eine ganz andere Stärke. Durch das Improvisieren kommt man nicht umhin, das auch neue Kompositionen entstehen.

Wie hat Ihnen der Gewandhaus-Chor dabei geholfen, Ihre Musik weiterzuentwickeln?

Er hat mir dabei geholfen, meine Musik überhaupt zu sehen und zu hören. Es ist sehr schwer, sich selbst zu sehen und mit sich selbst ins Gespräch zu kommen, wenn man im Klavier versinkt. Der Chor hebt mich auf eine andere Ebene, sodass es mir selbst möglich ist, diesen Stücken zuzuhören. Ich kann sie bei den Live-Konzerten nach links und rechts lenken, verlangsamen, verstärken, die Tonart verändern. Diese Variablen an der Formel müssen offen bleiben.

Ist jedes Konzert mit dem Chor anders?

Genau. Da wir uns noch in den Anfängen befinden, gibt es viele Inseln, an denen wir uns entlanghangeln. Von einer 100-prozentigen Improvisation kann nie die Rede sein, weil man mit 60 Menschen gewissen Strukturen folgen muss. Aber wir beziehen auf der Bühne das Scheitern mit ein. Aus diesem Potenzial heraus entstehen viele neue Sachen. Nicht mal die Chormitglieder erhalten Noten, sondern sie müssen auf sich achten und konzentriert mit dem Chorleiter Gregor Meyer in Kontakt treten. Sie müssen ganz intuitiv vorgehen, damit Töne entstehen.

Warum nehmen Sie bei all Ihrer Freiheitsliebe ein Album auf?

Wie soll intuitiv improvisierte Musik auf ein Album gelangen? Es ist extrem wichtig, ein Spiegelbild von dem, was man da gemacht hat, aufzubauen und es mit zurück in die Probe zu nehmen. Wie ein Fotoalbum. Bei der Generalprobe mit dem Gewandhaus-Chor herrschten eine seltsam selige Euphorie und extreme Müdigkeit, weil das Ganze ein Konzentrationsspektakel ist. Andere Chöre lernen alles auswendig und singen mit einem starren Blick geradeaus, aber bei uns herrscht eine nach vorn gebeugte Fixierung auf Gregors Finger. Und die Reaktion des Publikums macht die Sache dann Ernst.

Wie erklären Sie sich, dass Ihre kompromisslose Musik so ein großes Publikum erreicht?

Wir erforschen jeden Tag einmal im Tourbus, woran es liegt, dass so viele Menschen nach einem Konzert dankbar verändert an den Merchandising-Tisch kommen und von mir eine Umarmung möchten. Es geht dabei um einen Prozess des Öffnens. Im großen Musikbusiness werden die Begriffe "ehrlich" und "authentisch" schwer missbraucht. Aber wenn man da oben nackt und unsicher ist, erkennt das jeder sofort. Wenn man Stücke spielt, die zittrig beginnen, entsteht eine ganz neue Dimension. Der Typ auf der Bühne liefert kein Unterhaltungsprogramm, sondern bewegt sich auf Augenhöhe mit dem Publikum. Das Konzert wird zu einer Zeremonie. Manche Menschen machen Yoga, um diesen seligen Zustand zu erreichen.

Was braucht es, damit Ihre Musik wachsen und reifen kann?

Vertrauen. Ohne Vertrauen kann ich nicht auf den Pfad der Unsicherheit gehen, sonst wird sie sofort entwertet. Es ist wichtig, dass es am Anfang eines Konzertes Offenheit gibt und spätesten nach 15 Minuten kann die Musik irre Punkte erreichen. Auf großen elektronischen Festivals fangen manchmal 3000 Menschen an, sich zu meinen Klängen zu bewegen, weil sie sich für den Moment öffnen. Durch dieses Meditative passiert etwas im Unterbewusstsein, das jeder braucht. Die Gefahr an dem Projekt ist, dass sich durch Umwerbung ein Publikum der Weinschwenker dazugesellt, das nur darüber redet, von was diese Musik abgeleitet ist. Die linke Gehirnhälfte hat bei diesem Projekt aber nichts zu suchen.

Der Band Kraftwerk wurde in den 1970er-Jahren nachgesagt, die Musik der Zukunft zu machen. Ist das heute auch Ihr Ziel?

Ich glaube, dass meine Musik zeitlos ist. Aber wenn man sie einmal aus der Zukunft heraus rückwirkend betrachtet, wirkt sie vielleicht doch wie Musik von dieser Zeit. Ich glaube, dieses Projekt ist keine Musik für die Zukunft, sondern für den absoluten Moment. Ich hoffe, dass in der Musik wieder Dinge einfach so passieren. Die nächste Generation der Kinder muss sich auf was gefasst machen. Für meine Generation gab es noch Hierarchien. Meine Eltern haben noch die DDR-Erziehung genossen, wo es keine eigenen Entscheidungen gab. In einer offenen Gesellschaft muss aber mehr Improvisation, Kommunikation und Diskurs stattfinden. Das Gespräch führte Olaf Neumann

—————

Das ganze Interview findet sich unter

www.np-coburg.de

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Veröffentlicht am:
22. 09. 2019
14:38 Uhr

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22. 09. 2019
14:38 Uhr



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