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Interview

Deichkind - eine Band, die seit fast 25 Jahren das ironische Spiel mit den Hip-Hop- und Popkultur-Klischees auf die Spitze treibt. 2020 gehen die Hamburger auf Tour.



Deichkind hat bei der Tour im kommenden Jahr Songs des neuen Albums "Wer sagt denn das?" im Gepäck. Die beiden Vorgänger wurden mit Platin veredelt. Foto: PR
Deichkind hat bei der Tour im kommenden Jahr Songs des neuen Albums "Wer sagt denn das?" im Gepäck. Die beiden Vorgänger wurden mit Platin veredelt. Foto: PR  

Ihr außergewöhnlicher Song "Quasi" mit den Gästen Jan Böhmermann und Olli Schulz machte mich neugierig auf das neue Album "Wer sagt denn das?" Was braucht man, um den eigenen Weg zu finden?

Deichkind auf Tour

Die Hip-Hop- und Electropunk-Formation kommt auf ihrer "Tour 2020" am 22. Februar um 20.30 Uhr in die Arena nach Nürnberg. Karten für das Konzert gibt es im Ticketshop unserer Zeitung.


Kryptik Joe: Wir brauchen Reibung. Und die gibt es überall: In der Gesellschaft, in der Band, in einem selber. Reibung ist manchmal schmerzhaft. Weil man sich auseinandersetzt und verschiedene Positionen gegenüberstellt, aber das macht die Ideen aus, die wir umsetzen. Das verbildlicht die Nummer "Quasi", die wir zusammen mit Gereon Klug geschrieben haben, der auch schon an "Leider geil" beteiligt war. Gereon Klug ist innerlich zerrissen, von daher war es sehr passend.

Wie finden Sie es, oft nur als Partyband wahrgenommen zu werden?

La Perla: Wir sind mit Deichkind immer dann mit einem Song oder einer Bühnenshow auf den Punkt gekommen, wenn alles gleichzeitig passierte: Das Schreckliche und das Schöne. Das Prollige und das Intellektuelle. Das Dumme und das Schlaue. Lowtech und Hightech. Bei uns geht es immer um Kontraste. Deswegen bringen wir wahrscheinlich so viele unterschiedliche Leute an einen Ort: Wir fangen gleichzeitig den Feuilletonisten und den Späti-Kioskrumlungerer ein und lassen sie zusammen schwingen.

Was ist Ihnen bei der künstlerischen Arbeit wichtig?

Kryptik Joe: Eine Platte braucht ungefähr anderthalb Jahre bis zur Fertigstellung. Eigentlich bräuchte ein Albumcover genauso lange, um es in derselben Qualität hinzukriegen. Dieses Bewusstsein muss man einfach haben. Wir haben diesmal sehr darauf geachtet, dass wir gute Leute um uns herumscharen von Kostümbildnerinnen bis Bühnentechniker, damit wir damit nicht immer wieder von vorne anfangen müssen.

Haben Sie die ganzen Lehrbücher, die hier vor uns auf dem Tisch liegen, durchgearbeitet?

Kryptik Joe: Während des Songschreibprozesses ist zum Beispiel dieses Buch von Sheila Davis zum Einsatz gekommen. Darin geht es um Kreativität und wie Gehirnhälften funktionieren.

Schreiben Sie alle Songs ohne künstlerische Kompromisse oder längere Diskussionen?

La Perla: Mir ist es wichtig, eine gewisse künstlerische Integrität zu bewahren. Ich könnte mir denken, was ich handwerklich machen müsste, um erfolgreich zu sein, aber das ist mir zu einfach. Wenn ich weiß, dass etwas funktioniert, dann sträube ich mich dagegen und versuche, es möglichst anders zu machen.

Denken alle in der Band so?

Kryptik Joe: Ich bin da anders. Ich hatte immer auch Lust, einen Hit zu schreiben, der im Radio läuft. Aber ich funktioniere am besten, wenn ich mich im Deichkind-Kosmos selber ausdrücke und etwas Kryptisches mache. Das passt viel besser. Deswegen habe ich bei dieser Platte bewusst davon abgesehen, Nummern wie "Porzellan und Elefanten" oder "Der Mond" zu schreiben. Das waren Versuche über einen Mainstream-Song, die nie richtig funkioniert haben.

Woran liegt das?

La Perla: Weil du das Handbuch "Der schnelle Weg zum Nr. 1 Hit" von KLF entweder nicht gelesen oder die Anleitungen nicht genau befolgt hast.

Ist die Nummer "Wer sagt denn das?" aus Ihren gesellschaftlichen Beobachtungen heraus entstanden?

La Perla: Die Nummer saugt wie ein Schwamm alles auf, was gerade so an Konflikten, Kloaken, Ängsten, Verunsicherungen, Filterblasen, Denkfaulheit und Engstirnigkeiten existiert. Das alles wurde von uns ausgewrungen und in einen Song gegossen. Die einzelnen Geschmacksrichtungen sind dabei im Schwamm dringeblieben, um sie noch rausschmecken zu können. Aber es ist ein Gericht draus geworden.

Kryptik Joe: Für mich ist es der wichtigste Song auf dem Album, weil der Inhalt relevant ist und uns am längsten beschäftigt hat. Die Zeiten sind wirklich sehr komplex und schwierig geworden, was Rechtspopulismus und gesellschaftliche Spaltung mit Klimawandel betrifft. Das sind alles Dinge, die uns beschäftigen.

Wie wollten Sie diese Themen künstlerisch verarbeiten, ohne den Zeigefinger zu erheben?

Kryptik Joe: Wir wollten Fragen stellen und damit klarstellen, dass wir dazu eine Haltung haben.

La Perla: Diese Themen müssen aufs Tablett. Man kann nicht so tun, als würden sie sich von selber regeln.

Porky: Man sieht in unserem Genre die völlige Resignation. Der absolute Flachköpper in den Konsum und die Drogen. Ich hau mir rein, der haut sich rein, das zieh ich mir, das kauf ich mir! Wir wollen uns lieber wirklich mit Problemen auseinandersetzen und das Gefühl der Ohnmacht, das viele gerade spüren, sichtbar machen. Mit der Frage "Wer sagt denn das?" erhoffe ich mir, dass eine Pause entsteht vom mentalen Lärm und mehr ist als nur Konsum.

Welche Lösungsvorschläge haben Sie?

La Perla: Wir als Gesellschaft müssen neu lernen, miteinander ins Gespräch zu kommen und Argumenten zuzuhören. Wir dürfen wissenschaftliche Fakten nicht aus Bequemlichkeit ignorieren. Wir müssen uns Gewalt in der Sprache bewusst machen und diese hinter uns lassen.

Haben Sie damit schon bei sich begonnen?

La Perla: Wir haben uns gefragt, wie wir miteinander umgehen. Aber mit solchen Songs wollen wir das Problem auch nach außen sichtbar machen. Wir haben nicht die Antwort auf all diese Probleme. Wir formulieren die Frage und lassen sie offen. Hier muss die Gesellschaft in den nächsten Monaten und Jahren ran.

Wie erreicht man ein Umdenken?

Porky: Mit einem Trojanischen Pferd. Mit Entertainment. Mit einer Party. Mit einer Show. Mit Freude. Mit Sachen, die sie nicht erwarten. Mit Farben. Mit Texten, die man sich reinziehen kann, die man aber auch mit Leichtigkeit übertanzen kann. Mit mehreren Einstiegsmöglichkeiten. Das Gespräch führte Olaf Neumann

—————

Das ganze Interview findet sich unter

www.np-coburg.de

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Veröffentlicht am:
01. 12. 2019
13:20 Uhr

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01. 12. 2019
13:20 Uhr



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