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Interview

Johannes Oerding: "Ich bin ein relativ paradoxer Mensch"

Lässiger Pop, starke Melodien und eine unverkennbare Stimme zeichnen Johannes Oerding aus. Mit neuen und alten Liedern geht er auf seine bisher größte Tour.



Johannes Oerding
  Foto: Olaf Heine

Im Lied „Unter einen Hut“ beschreibst du dich selbst als „erwachsenes Kind“. Wie kommen der Junge und der Mann in dir miteinander zurecht?
Ich bin ein relativ paradoxer Mensch, insofern: meistens sehr gut. Als kreativ arbeitender Künstler könnte ich auf diese kindliche Energie, die in mir steckt, gar nicht verzichten. Ich bin immer irgendwo ein Junge geblieben. Wenn ich in den Spiegel gucke, denke ich „Da steht ein 15-Jähriger“. Ein 15-Jähriger mit Bart (lacht).

Und was ist anders als mit 15?
Meine Gelassenheit ist mit den Jahren gewachsen. Im Rückblick kann ich sagen, dass ich an vielen Stellen meiner letzten zehn, 15 Jahre hätte entspannter bleiben können und nicht gleich in Panik hätte verfallen brauchen. Was die Karriere angeht, kann ich einfach sehr schwer loslassen. Und als Songschreiber habe ich mir auf „Konturen“ hier und da Dinge erlaubt, die ich mir früher nicht erlaubt hätte, weil sie mir zu wenig mainstreamig waren. Um Themen wie Politik aufzugreifen, braucht man ein bisschen Lebenserfahrung. Es wäre wenig glaubwürdig gewesen, wenn ich den Leuten mit Mitte 20 schon die Welt erklärt hätte.

Auf deiner neuen Single „Alles okay“ singst du darüber, dass die Welt verrücktspielt, die Schlagzeilen voller Hass sind und wir das Lieben verlernt haben. Musikalisch ist der Song jedoch sehr flott.
Ich versuche eigentlich, in jedem Lied mindestens zwei große Gefühle unterzubringen. Auch bei „An guten Tagen“ gibt es vorne raus die Euphorie, aber dann eben auch die Wehmut, dass nicht alle Tage gut sein können. Mit „Alles okay“ wollte ich ausdrücken, dass gerade viel lost ist, was auch Wunden aufreißt, aber dass wir gemeinsam da durchgehen müssen und die Narben irgendwann hoffentlich verheilen.

Hast du dich schon immer politisch interessiert?
 Ich finde, man hat als Künstler die Verantwortung, sich auch zu positionieren und seine Haltung zum Ausdruck zu bringen. Ich habe in den letzten Jahren gemerkt, dass die Politik mehr und mehr zu einem Steckenpferd von mir wird. Künstler sollen Fragen stellen, auch mal anpieksen. Natürlich sind auch auf diesem Album Songs, die dir ein Lächeln ins Gesicht zaubern sollen. Aber es sind auch einige Lieder drauf, bei denen man eher zuhört, als gleich auf die Tanzfläche zu rennen.

 „Blinde Passagiere“ ist eine prächtige Ballade mit Orchester und dem 700-Leute-Chor „Hamburg singt“. Wie kam es dazu?
Ich bin sehr glücklich über diesen Song. „Blinde Passagiere“ ist voller Pathos, mein großer Adele-Moment quasi. Oder auch meine Version von Westernhagens „Freiheit“. Ich wollte mit der Nummer mal zeigen, dass ich singen kann (lacht).

Du singst zum ersten Mal auch ein Duett mit deiner Partnerin Ina Müller. „Ich hab‘ dich nicht mehr zu verlieren‘ ist allerdings ein melancholischer Song, der ein Paar beschreibt, das vor der Trennung steht. Muss man sich Sorgen um euch beide machen?
Nein! Da verarbeite ich Geschichten, die ich im Familien- und Freundeskreis erlebt habe. Als ich Ina das Lied in einer Rohversion vorspielte, hat sie sofort angefangen, die zweite Stimme zu singen. Wir haben uns zehn Jahre lang versteckt, was gemeinsame Musik angeht, aber auf diesem Lied harmonieren unsere Stimmen einfach so perfekt, dass uns unser Geschwätz von gestern nicht mehr interessiert.

Das Lied ist schön, aber auch traurig.
Wir werden nicht wie Cindy und Bert zusammen durchs Land tingeln, aber für uns beide fühlt sich dieser Song sehr gut und richtig an. Allein, die Tatsache, dass er sechs Minuten lang ist. Wer macht sowas sonst schon? Und falls wir uns mal trennen sollten, gibt es den Song dafür bereits (lacht). Ist aber nicht geplant.

Musikalisch bietet „Konturen“ alles vom sehr leisen Lied bis zu Stücken, die richtig laut sind und nach vorne preschen. Sollte das so werden?
Ja, in dieser Hinsicht bin ich meiner Linie treu geblieben. Auf jedem Album gibt es pompöse Songs und auch sehr kleine, intime. Ich versuche nicht, einen roten Faden zu finden. Sondern nehme mir jedes Lied einzeln vor und suche jedes Mal nach dem passenden Gewand. Wenn ich „An guten Tagen“ singe, war zum Beispiel klar, dass das keine Ballade wird.

Wie hat es dir eigentlich im vergangenen Jahr bei „Sing meinen Song“ in Südafrika gefallen?
Sehr, sehr gut. Anfangs war ich etwas skeptisch, weil mir die Sendung beim Zugucken teilweise immer zu emotional war. Aber dann ist es nicht nur ein Riesenspaß gewesen, sondern auch ein sehr wichtiger Schritt für mich. Außerdem haben wir uns alle super verstanden.

Hast du denn dann geheult?
Ja, einmal. Als Michael Patrick Kelly meinen Song „Heimat“ sang, sind mir die Tränen gekommen. Total vertraut war mir diese Lagerfeuer-Atmosphäre. So habe ich angefangen. Bei Jugendzeltlagern mit den Pfadfindern war ich immer der Gitarren-Johnny und der Jukebox-Johnny. Ich konnte 500 Songs auswendig und habe die Leute abends am Feuer mit meiner Musik unterhalten.

Du warst bei den Pfadfindern?
Ja. Ich bin immer noch Mitglied und besuche die Kids sogar ab und zu. Jedes Jahr sind ungefähr 200 Kinder und Jugendliche aus meinem Heimatort Geldern am Niederrhein dabei. Mein Vater hat den Pfadfinderstamm damals gegründet, deshalb war ich von Anfang an dabei.

Du hast praktisch das halbe neue Peter-Maffay-Album „Jetzt!“ geschrieben. Wie hat sich das ergeben?
Ich habe mich bei Peter, zusammen mit meinem Kreativpartner Benjamin Derndorff, hauptsächlich um die Texte gekümmert. Wir haben uns über die Jahre durch „Tabaluga“ und sein „MTV Unplugged“-Album angefreundet und immer intensiver ausgetauscht. Wir sind zusammen nach St. Peter Ording gefahren, wo ich immer gerne schreibe, und haben zwei Tage erstmal nur gequatscht, und ich schrieb ein bisschen mit, daraus entstand das Stück „Jetzt!“. Peter gefiel das. Am Ende war ich an sieben Songs beteiligt.

Maffay ist fast doppelt so alt wie du. Geht das, sich ihn so jemanden hineinzuversetzen?
Das ist gerade das Tolle. Peter ist in einer anderen Lebensphase, in die ich mich hineindenken kann, ohne mir selbst meine Geschichten wegzunehmen. So konnte ich andere Themen bearbeiten, als wenn ich für Kollegen schreiben würde, die in meinem Alter sind.

Verfolgst du, was deine Kollegen so veröffentlichen?
Ja, unbedingt. Einerseits wird die Luft ohnehin dünner, weil man viele Geschichten erzählt hat und sich nicht wiederholen will. Und zudem will man sich nicht ins Gehege kommen. Da muss man die Augen aufhalten. Wenn ich eine Idee für eine Zeile habe, dann schaue ich sogar im Internet nach, ob nicht einer von den anderen Jungs die auch schon benutzt hat. Denn das wäre ja peinlich (lacht).

Johannes Oerding live

Der Sänger tritt am 27. Juni um 19 Uhr beim „Tollwood Sommerfestival“ in der Musikarena in München auf. Karten gibt es im Ticketshop unserer Zeitung.

Autor

Das Gespräch führte Steffen Rüth
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
27. 04. 2020
06:00 Uhr

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Das Gespräch führte Steffen Rüth

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Veröffentlicht am:
27. 04. 2020
06:00 Uhr



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