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Interview

Kraftklub: "Politisch unkorrekt, aber authentisch"

Die Band Kraftklub aus Chemnitz ist Stimme ihrer Generation geworden. Auf dem dritten Album „Keine Nacht für Niemand“ bezieht sie politisch unkorrekt Stellung.



Kraftklub
 

„Keine Nacht für Niemand“ ist eine Anspielung auf den Ton-Steine-Scherben-Klassiker „Keine Macht für Niemand“. Sehen Sie sich in der Tradition von Musikern vergangener Generationen?
Felix Brummer: Wir wollen in niemendes Fußstapfen treten. Die ganze Platte ist gespickt mit Referenzen an Bands, die uns beeinflusst haben. Damit wollten wir auch bei dem Titel nicht aufhören. Der Texter Rio Reiser und die Band Ton Steine Scherben waren Wegbegleiter unserer eigenen musikalischen Sozialisation. Nur wenige haben in deutscher Sprache so großartige Sachen hervorgebracht wie er.

Die Musik der Scherben wurde zum Soundtrack der Rebellion. Geht es in der Rockmusik heute noch um Rebellion?
Brummer: Auf unserem Debütalbum war ein Song, der davon handelte dass man nichts mehr hätte, wogegen man rebellieren kann. Dass alle Schlachten schon geschlagen worden seien von unseren Eltern. Aber ehe man sich’s versieht... Vielleicht ist das der einzige positive Effekt, den die ganze Misere hat, die in den letzten zwei Jahren so passiert ist. Diese Entwicklung kann man nicht einfach abnicken. Wir haben jetzt etwas wiedergefunden, was vor fünf Jahren für uns noch nicht greifbar war.
Max Marschk: Ich glaube, das gegenwärtige politische Klima bereitet auch jedem anderen Sorge. Entweder man kommt damit klar oder man geht irgendwann auf die Straße.

Müssen Künstler heutzutage zwangsläufig auch politisch Stellung beziehen?
Schon am Anfang haben wir für uns festgestellt, es funktioniert nicht, eine unpolitische Band zu sein, wenn man aus fünf sehr politischen Menschen besteht. Und jetzt haben wir wieder Themen, über die man wirklich reden kann. Ich finde es spannend zu beobachten, wie manche Künstler an sich das Politische entdecken. In diesen Zeiten keine Haltung zu zeigen halte ich für entlarvend.

Wie entstehen Kraftklub-Texte?
Brummer: Ich bin derjenige, der die Geschichten aufschreibt, aber die Ideen kommen von allen Jungs in der Band. Ich bin wie ein Schwamm. Einzelne Zeilen haben sich nie geeignet als Poesiealbumsprüche, weil es bei uns immer auf den Kontext ankommt. Wenn ich im Internet sehe, wie Leute eine Zeile wie „Spring aus dem Fenster für mich“ herausheben, erschrecke ich selber. „Für immer allein“ etwa von der letzten Platte liest sich aus dem Kontext gerissen wie todtraurige Prosa. In Wirklichkeit entstammt diese Zeile aber einem positiven Lied übers Alleinesein.

„Spring aus dem Fenster für mich“ ist ein augenzwinkender Aufruf, sich zu engagieren. Wie kamen Sie auf diese Zeile?
Brummer: Die Texte auf diesem Album sind etwas drastischer als bisher. Natürlich ist diese Aussage verkürzt auf die Pointe: „Wenn du doch etwas erreichen willst für dein ach so geliebtes Vaterland, dann spring doch aus dem Fenster für mich!“ Das ist fies und gemein, aber in dem Kontext hat es für uns funktioniert. Darauf wurde uns geschrieben, wir könnten doch niemandem aktiv zum Selbstmord auffordern. Wie könnten wir nur so taktlos sein. Leider wird Kunst manchmal von Leuten anders aufgefasst als sie gemeint ist.

Wobei nicht ganz klar wird, ob dieser Song ironisch oder im Subtext auch ein bisschen ernst gemeint ist.
Brummer: Das ist immer schwierig zu erklären. Der Song ist eigentlich ein Aufruf, sich zu engagieren, aber tatsächlich ist er das Gegenteil davon. Er nimmt die groteske Perspektive des Wut- und Reichsbürgers ein, der zuhause Waffen hat und sich in den Kommentarspalten beim Spiegel auslässt: „Die Staatsmacht unternimmt ja überhaupt nichts mehr, aber irgendjemand muss doch mal etwas gegen diese ganzen Ausländer hier tun. Wie wär’s denn, wenn ich jetzt mal mit einem Molotowcocktail zum Asylbewerberheim gehe?“ Aber im Subtext ist er auch ein Aufruf, sich gegen Wutbürger zu engagieren.


Bekommen Sie auch Reaktionen von der falschen Seite?
Brummer: Ein AfD-Fritze hat sich bei Twitter bedankt für die inspirierenden Worte dieses Liedes. Ich weiß nicht, ob er es ironisch gemeint hat, aber wenn man breit Musik veröffentlicht, muss man sich bewusst machen, dass man auch von Idioten gehört wird. Wahrscheinlich gibt es nicht mal wenige Idioten, die unsere Musik konsumieren, so schlimm das auch ist. Irgendwann verliert man die Deutungshoheit über einen Song. Wir können ja nicht zu jedem Lied einen Beipackzettel mitliefern und sicher gehen, dass ihn auch jeder liest und versteht. Das bedeutet aber nicht, dass man nur noch Musik für Idioten machen kann. Die Konsequenz daraus wäre, nur noch Musik für sich selber zu machen

Wie viel können Sie aushalten?
Marschk: Wie sehr man Shitstorms oder Mordrohungen aushalten kann, ist jedem selbst überlassen.

Haben Sie auch schon Mordrohungen bekommen?
Brummer: Ich habe keine Angst, von einem Reichsbürger umgebracht zu werden.

„Dein Lied“ ist eine musikalische Abrechnung mit der Ex. Welche Reaktionen bekommen Sie auf diesen bitterbösen Song?
Brummer: Viele positive und viele negative. Ich habe das Gefühl, dass manche Leute mit diesem Lied überfordert sind, weil es nicht von einem bösen Rapper stammt, sondern von einer Band, von der sie höchstens ein romantisches Liebeslied erwartet hätten. Das heißt aber nicht, dass man den Song nicht machen darf, sondern dass manche von ihm überfordert sind. In dieser Überforderung neigen sie dazu, den Song ernst zu nehmen und nicht zu dem eigentlich naheliegenden Schluss zu kommen, dass es sich hierbei um Kunst handelt. Es gibt nämlich eine Abgrenzung zwischen dem Autor und dem Protagonisten.

Ist diese Abgrenzung in Ihren Songs immer offensichtlich?
Brummer: Wir sind ja vorher noch nicht als Sexisten oder Chauvinisten aufgefallen. Hier wird einfach nur die Perspektive eingenommen von einem verzweifelten, gebrochenen Typen. Er versucht, sich weiß zu machen, dass er mit der Trennung erwachsen umgehen kann, auch wenn über ihm alles zusammenbricht. Und dann bricht sich die schlimmste Art Bahn, wie er seine Ex schmähen kann. Es gibt diese feministische Grundhaltung: Eine Frau als Hure zu bezeichnen ist per se verboten.

Wie stehen Sie dazu?
Brummer: Bei Verboten stellen sich mir wiederum die Haare auf. Es kommt eben auf den Kontext an. Ein Schimpfwort an sich hat den Zweck, jemanden zu entmenschlichen. Mir geht es mit dieser Rachefantasie darum, die Gefühlswelt von so einem Typen zu zeichnen. Natürlich ist dieses Lied politisch unkorrekt, aber authentisch.

Keine Angst, Feministinnen gegen sich aufzubringen?
Brummer: Es gab Kritik von einer Künstlerin, die sich selber als feministisch sieht. Sie hat auf ihrem Instagram-Kanal über das Lied gewettert und etwas Interessantes gesagt: Sie könne verstehen, wenn man unter Freunden so redet, aber das könne man doch nicht in einem Lied sagen. Aber wir sehen das genau anders rum. Vielleicht haben wir uns erst auf diesem Album emanzipiert von dieser vermeintlichen Authentizität, die uns zugeschrieben wurde. Wir nehmen jetzt die Sichtweiten von Lohnarbeitern oder Drogenabhängigen ein. Das sind faszinierende Figuren.

In „Fan von dir“ beschäftigen Sie sich euch mit dem Fantum. Wie hartnäckig sind Ihre Fans?
Steffen Israel: Sie kommen uns gar nicht so nahe. Wir werden nicht verfolgt, und es hat auch noch keiner bei geklingelt oder vor der Wohnung gecampt. Auf Konzerten gibt es welche, die man öfters sieht, aber die sind alle sehr nett. Unsere Fans sind nichts, über das wir uns Sorgen machen müssen.

Und was hören Sie von anderen Bands zu dem Thema?
Israel: Wir haben auch Kollegen, bei denen es schlimmer ist. Wo die Fans weitaus fanatischer sind und mehr von einem Künstler haben wollen, als sie bekommen. Aber wir geben den Leuten ausreichend, wir sind auch nicht scheu. Entweder hatten wir mit unseren Fans bisher Glück oder wir haben sie gut erzogen.
Brummer: Im Vergleich zu Kollegen ist es bei uns absolut harmlos. Andere mussten teilweise umziehen. In der Stadt, in der wir leben, sieht man uns ab und an zum Bäcker gehen. Das ist für die Leute normal.

Haben Sie überhaupt keine schlechten Erfahrungen gemacht?
Marschk: Ich war in Chemnitz mal in einer Einkaufshalle. An der Kasse war eine lange Schlange, und die Verkäuferin drehte meine Karte hin und her und sagte: „Ich weiß, wo du wohnst, ich weiß, was du machst“. Das sind Ausbrüche und nicht die Regel.
Israel: Vielleicht sind wir ja zu unattraktiv nach dem Motto: Die Musik ist ganz cool, aber die Typen stinken.

Wie weit gehen weibliche Fans, um euch so nah wie möglich zu sein?
Brummer: Groupies sind eine Legende. Ich bin davon überzeugt, dass Erfolg und Selbstbewusstsein Attraktivitätsmerkmale sowohl von Frauen als auch von Männern sind. Das ist aber nicht auf das Musikerdasein beschränkt.
Israel: Es gibt schon Fans oder Groupies, die sich einem anbieten, weil sie denken: Den muss ich haben! Aber vielleicht merken wir das auch gar nicht.

Kraftklub auf Tour

Die Indierock-Band tritt im Rahmen der „Keine Nacht für niemand“-Tour am 25. Februar um 20 Uhr in der Arena in Bamberg auf. Karten für das Konzert gibt es im Ticketshop unserer Zeitung.


  

Autor

Das Gespräch führte Olaf Neumann
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
05. 02. 2018
06:00 Uhr

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Das Gespräch führte Olaf Neumann

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05. 02. 2018
06:00 Uhr



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