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Interview

Marteria: "Songs müssen Persönlichkeit haben"

Marteria geht mit seinem neuen Album „Roswell“ auf Tour. Wir haben mit ihm über sein neuestes Werk, seine Erfahrungen auf Tour und seine Hochzeit gesprochen.



Marteria
 

Marten, wo ist dein persönliches „Roswell“?
Roswell kann überall sein. Der Aufhänger sind die Leute, also quasi die Aliens, die so ein bisschen anders denken als die Masse, und die für gute Sachen einstehen. Mein Roswell ist Rostock, meine Heimatstadt. Ich hatte in Berlin immer Probleme mit meiner Herkunft, dort sagen sie gern „Ist doch eine Nazistadt“. Nein, ist es nicht. Es gibt unfassbar schöne und tolle Ecken, und auch tolle Menschen. In Rostock bin ich aufgewachsen, und ich liebe es immer noch, dort zu sein.

Kannst Du denn das Gefühl, ein Alien zu sein, nachempfinden?
Ja, natürlich. Sonst würde ich nicht darüber rappen. Über Kredibilität kann man viel reden, aber wirklich glaubwürdig zu sein, bedeutet für mich: Sich nicht zu wiederholen, sich Sachen zu trauen, mutig zu sein, auch mal anzuecken, wenn nötig. Mir ist zum Beispiel wichtig, dass jede neue Platte ihre eigene Farbe, ihren eigenen Charakter hat. Und dass sie nicht langweilt.

Was braucht Musik, damit sie spannend ist?
Musik braucht Message. Musik darf nicht seicht und so ecken- und kantenlos sein. Es muss ein bisschen knallen. Dafür stehe ich mit meinen Songs. Ich mache Tanzmusik, Unterhaltungsmusik. Musik, die Spaß macht, zu der man tanzen, schreien und durchdrehen kann. Warum soll die Musik nicht trotzdem Bedeutung, eine Botschaft haben?

Das gesamte Album hört sich an, als sei es mit Liebe und Hingabe gemacht.
Marteria: Danke. Das ist es auch! Meine Produzenten The Krauts und ich, wir nehmen uns Zeit. Ich muss immer erst sammeln, daheim und auf Reisen nach Inspirationen suchen, das geht nicht immer schnell. Du kannst nicht jedes Jahr eine große Platte machen, dieses Fabrikdenken liegt mir fern. Die Songs müssen Persönlichkeit haben.

Gibt es andere Künstler-Aliens, die dich geprägt haben?
David Bowie ist eine krasse Inspiration. Wie der es geschafft hat, über Jahrzehnte hinweg immer wieder etwas Neues zu machen. Als Kind war ich extremer Michael-Jackson-Fan, und später habe ich The Prodigy sehr bewundert, auch Björks erstes Album fand ich wahnsinnig toll. Das sind alles Typen. Oder Campino, mit dem ich zusammen Texte schreibe und der inzwischen einer meiner besten Freunde ist. Udo Lindenberg sowieso. Alles Aliens. Viele hassen solche Typen, aber viele lieben sie auch. Es ist in der Musik wie im Fußball. Echte Originale wie ein Mario Basler, die sterben langsam aus. Da muss man gegenhalten.

Von welchen Wesen handelt der Song „Aliens“ genau?
Von Menschen, die nicht mit all den anderen laufen wollen. Die sich mehr oder weniger alleingelassen vorkommen mit ihrer Meinung und denken „Hey, was ist denn los auf der Welt?“ Aber wenn man genau hinguckt, sind es eben doch viele, die deinen Weg und deine Ansichten teilen.

Du sagst in dem Stück: „Nur das ganze Ungeziefer folgt einem König oder Führer“.
Es geht gar nicht darum, die harte, politische Keule zu schwingen. Aber Haltung zu zeigen, Werte zu vermitteln, das liegt mir sehr am Herzen.

Welches sind deine Werte?
Ich bin ein Mensch, der mit offenen Augen und neugierig durchs Leben geht. Ich versuche, auch in der Musik diese Neugier zu transportieren. Ich finde, man sollte die Angst vor Neuem ablegen. Ob man jetzt in ein anderes Land fährt, andere Sprachen oder andere Kulturen kennenlernt, all das ist schön und hilft, Neugier zu befriedigen.

Du warst zwischen der letzten Tournee und der neuen Albumproduktion wie immer auf großer Reise, hast unter anderem die Seychellen, Jamaika, Curaçao, und Uganda besucht. Was ist dir unterwegs aufgefallen?
Wie geil die Welt sein kann, wenn man offen und neugierig ist und auf Menschen zugeht. Im Dezember war ich zum Beispiel in einem kleinen Dorf in Angola, das lag direkt am Fluss, alle sprachen Portugiesisch, man versteht sich nicht und dann irgendwie doch. Ich quatschte mit denen und fand es bemerkenswert, wie ähnlich sich wir Menschen doch sind, selbst wenn wir in komplett verschiedenen Umständen aufwachsen. Anstatt Angst zu haben, sollte man sich trauen, ins Gespräch zu kommen.

Was hast Du in Angola gemacht?
Marteria: Geangelt. Angola ist ein Geheimtipp in der Szene. Es gibt dort einen Fisch, den ich noch nie gefangen habe, dort auch nicht. Der Tarpun. 120 Kilo schwer, ein Wahnsinnsbrocken.

Worum geht es im Song „Blue Marlin“?
Marteria: Den habe ich übrigens mal gefangen, auf Jamaica, also im selben Meer wie der tragische Held aus Hemingways „Der alte Mann und das Meer“. Im Song geht es um das Gefühl, ganz bei sich zu sein. Und es geht um die totale Fokussierung auf den Fisch. Du fährst morgens um 5 Uhr im Boot raus, hinter dir blinken die Lichter der Nachtclubs und der Kettenhotels, mit denen überall die Küsten zugebaut werden, und du denkst „Wie komisch die Welt ist“. Dann geht es nur noch um dich, das Tier, den Kampf und diese unglaubliche Intensität und Intimität.

Sind deine Reisen immer Angelreisen?
Nicht immer. Es gibt Angelländer und Länder, in denen es mir eher um das Leben der Menschen dort geht. Man kann mit diesem Hobby jedenfalls sehr schön rumkommen. Bei mir ist es so: Ich trinke seit zwei Jahren keinen Alkohol mehr, bin auch sonst total clean, und brauche einen Ersatz. Dieser Ersatz ist das Angeln. Beim Angeln sind Körper und Kopf total scharf gestellt.

Ich dachte, angeln sei eher so ein entspanntes Hobby für gelassene Typen wie Horst Hrubesch.
Das ist ein interessanter Gedanke. Horst Hrubesch ist ein typischer Oldschool-Angler, bei ihm geht es um: Sitzen und Warten. Ich bin ein Raubfischangler, da musst du sehr aktiv sein und werfen, werfen, werfen. Aber trotzdem finde ich dabei zur Ruhe. Ich bin ein ungeduldiger Mensch – außer beim Angeln. Ich merke, wie mir das körperlich richtig gut tut. Und ich halte es aus, fünf Tage lang keinen Fisch zu fangen. Denn ich weiß: Irgendwann wirst du belohnt.

Du rappst im groovigen, aber auch sehr ernsten Stück „Tauchstation“ über krasse Alkohol- und Drogenabstürze und ein Leben zwischen „Höhenflug und Tiefenrausch“, das dich mit Nierenversagen ins Krankenhaus brachte. Wie lebst Du jetzt?
Gesünder (lacht). Ich habe mit dem Nightlife und der dunklen, trotzdem wunderschönen Seite Berlins abgeschlossen. Ich bereue das alles nicht, es war geil, mit 19 nach Berlin zu kommen und die ganzen Zwanziger in dieser Wahnsinnsstadt zu erleben, Partys, Räusche und Exzesse zu genießen. Aber irgendwann fing das an, mir krass zu schaden. Ich war gefangen in meiner Sucht nach der Nacht. Da rauszukommen war schwierig, und „Tauchstation“ spiegelt diesen Prozess wider.

Warst Du nur nach der Nacht süchtig?
Mit akutem Nierenversagen im Krankenhaus zu enden, das war eine Folge von Alkohol, Drogen und Sport. Ich habe alles einfach zu sehr übertrieben und die Zeichen des Körpers lange unterschätzt. Ich war allerdings weder Junkie noch Alkoholiker, es gab halt Phasen, in denen ich extrem gefeiert und Phasen, in denen ich gefastet und Sport gemacht habe. Dass die Nieren streikten und wieder ansprangen, was nicht selbstverständlich war, habe ich als letzte Warnung meines Körpers verstanden. Es ist einfach geiler ohne Rauschmittel, aber ich werte und verurteile das auch nicht.

Lebst Du weiterhin in Berlin?
Ich pendele jetzt zwischen Berlin und meiner kleinen Insel an der See, wo ich angeln kann und eine kleine Farm habe.

Ist der Song „Das Geld muss weg“ Konsumkritik oder das Gegenteil?
Er ist doppeldeutig. Ich sage, das Geld muss ausgegeben werden. Und ich sage, dass es insgesamt weg muss, weil es die Menschen verrückt macht. Ich kenne alle Seiten. Ich habe zwei Jahre lang Hartz IV bekommen, und jetzt geht es mir total gut. Aber ob das Leben besser ist, wenn man mehr Geld hat, das weiß ich nicht. Ich kann mir mehr leisten, was befreiend ist, trotzdem sehe ich keine Verbindung zwischen „Glück“ und „Geld“. Ich hatte genauso schöne Zeiten ohne Geld.

In „Links“ sagst du: „Wenn du nicht mehr weißt, wohin, dann geh links“. Ist das eine politische Aussage?
Es ist meine Haltung auf sehr vielen Ebenen. Ich bin so erzogen worden, meine Mutter hat mich schon als kleines Kind auf Friedensdemos geschickt, wir hatten immer die Friedenstaube auf dem Auto. Die Welt ist einfach besser, wenn sie offen ist und die Menschen sich verbinden, anstatt einander auszugrenzen. Hauptsache: Nicht rechts. Insofern haben Figuren wie Donald Trump oder auch das Böse insgesamt ihr Gutes, denn sie stärken den Widerstand und ermutigen die Menschen, für positive Werte zu kämpfen.

In „Skyline mit zwei Türmen“, einem Song über deine Zeit als Model in New York, hast Du sogar eine Zeile über Trump unterbringen können.
Ja, ich habe direkt neben dem Trump Tower gewohnt, auf der Fifth Avenue. Bin ihm aber nie begegnet.

Du hast vor Jahren angekündigt, bald zu heiraten. Ist das inzwischen passiert?
Oh ja. Wir haben in Las Vegas geheiratet. In Gladiatoren-Outfits. Das war total geil.
  
Marteria auf Tour
Der Rapper kommt auf seiner „Roswell“-Tour am 12. Dezember um 20 Uhr in die Arena nach Nürnberg.  Karten gibt es im Ticketshop unserer Zeitung.

Autor

Das Gespräch führte Steffen Rüth
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
04. 12. 2017
06:00 Uhr

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Das Gespräch führte Steffen Rüth

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04. 12. 2017
06:00 Uhr



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