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Interview

Tim Bendzko: "Ich bin vor jedem Konzert sehr aufgewühlt"

Mit dem Hit „Nur noch kurz die Welt retten“ hat Tim Bendzko 2011 den Weg mitbereitet für all die anderen Deutsch-Pop-Sänger nach ihm. Bald geht er wieder auf Tour.



Tim Bendzko
  Foto: Andre Josselin

Tim, Ihre Plattenfirma schreibt, Sie hätten radikal ausgemistet. Wo genau?
In wirklich in allen Bereichen des Lebens. Angefangen habe ich tatsächlich in meinem Kleiderschrank. Ich habe alles aussortiert oder verschenkt, was ich nicht anziehe. Ich wollte meinen Besitz so sehr aufs Wesentliche reduzieren, dass ich innerhalb von einem Tag alles für einen Umzug packen könnte.

Und danach?
Habe ich versucht, mehr Struktur in mein Leben zu bringen. Ich habe angefangen, mir Routinen anzugewöhnen, zum Beispiel jeden Morgen Sport zu machen. Auch ernährungstechnisch habe ich geguckt, was mir guttut. Nicht ganz so viel Filterkaffee trinken, nicht ständig Fleisch essen, einfach nicht immer nur Quatsch in mich reinschaufeln. Ich hatte auch eine kurze vegane Phase, jetzt denke ich, dass ich ein gutes Zwischenmaß gefunden habe. Und zuhause habe ich mir einen kleinen Fitnessraum eingerichtet, da mache ich viel mit dem eigenen Körpergewicht. Planks, Liegestütze, früher sagte man „Bauch, Beine, Po“. Im Alltag bewege ich mich eindeutig zu wenig, und jünger wird man ja auch nicht.

Ist das schon alles in Sachen Aufräumen?
Umgezogen bin ich auch. Zuletzt habe ich richtig auf dem Land gewohnt, alleine am Waldrand und ohne Nachbarn. Das war total schön, nur neige ich zu Missionen. Das heißt: Ich baue ein Gewächshaus. Oder ich entkerne mit dem Vorschlaghammer den Keller – im Blaumann, um später am Tag vor 10.000 Leuten ein Konzert zu spielen. Das Haus war mir dann auf Dauer aber zu groß, und die Arbeit zu viel. Ich wollte alles eine Nummer Kleiner haben. Dann habe ich versucht, wieder nach Berlin zu ziehen, aber das ging nicht mehr, zu voll, zu laut. Jetzt lebe ich in Potsdam und liebe es.

Der Herr Popstar schuftet also Tagsüber im eigenen Keller.
Ja, klar. Um diese riesengroße Diskrepanz zwischen Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung geht es im Stück „Leise“. Die meisten Menschen sehen uns Künstler immer nur auf der Bühne oder im Fernsehen, dabei spielt sich nur der kleinste Teil meines Lebens in der Öffentlichkeit ab. Den Rest der Zeit bin ich ein ganz normaler Mensch, der wie alle anderen auch sehr viel Zeit damit verbringt, am Schreibtisch zu sitzen und Emails zu beantworten.

Haben Sie nach Tourneen Probleme, wieder runterzukommen?
Das ist bei mir zum Glück nicht so krass wie bei vielen Kollegen. Ich falle in kein tiefes Loch. Ich kann von heute auf morgen den Schalter umlegen. Trotzdem bin ich vor jedem Konzert sehr aufgewühlt.

Ihr aktuelles Album „Filter“ ist Ihr viertes. Wann wird dieser Job zur Routine?
Die Gefahr bestand dieses Mal tatsächlich. Die Arbeit an den neuen Liedern plätscherte ein bisschen vor sich hin, ohne zu wissen, was es werden soll und immer in der Hoffnung, dass irgendeine Initialzündung passiert.

Die dann auch kam?
Ja, in Form des Produzentenduos Truva Music. Als ich die beiden kennenlernte, war mir klar, dass ich die ganze Platte mit ihnen machen will. Der Sound, den wir zusammen entwickelt haben, ist moderner, und auch, wenn ich vorsichtig bin mit solchen Begriffen, urbaner. Nicht mehr so akustisch wie davor. Größer als die letzte Platte, die von der Produktion her sehr klein war. Außerdem hat sich mein Mut ausgezahlt, zum ersten Mal auch mit anderen zu schreiben.

Wozu braucht es da Mut?
Man muss selbstbewusst sein, um loszulassen, einen Teil der Kontrolle abzugeben. Ich wollte nicht noch mehr Songs über die immer gleichen Themen schreiben. Die anderen konnten ganz klar noch mehr aus mir herauskitzeln, da kam eine ganz neue Note rein.

In „Hoch“ sagen Sie: „Auch wenn wir schon weit gekommen sind/ Wir gehen immer weiter hoch hinaus.“ Hört sich an wie eine Sporthymne.
An Sport haben wir beim Schreiben gar nicht gedacht. Für mich ist das ein Motivationssong. Es geht darum, sich ein Ziel zu setzen und es auch zu erreichen. Es geht um die letzten Meter, die immer die schwersten sind. Worum es genau nicht geht, ist dieses „höher, schneller, weiter“. Dass man den Berg erklommen hat und sich gleich den nächsten, noch höheren Berg vornimmt. Ich finde es ganz schlimm, mit nichts zufrieden zu sein und sich nicht einfach mal hinsetzen und sich freuen zu können.

In der Musikbranche ist es nicht anders, oder? Sie zählen Ihre Instagram-Follower. Sie gucken, ob die neue Single mehr Streams hat als die davor. Sie vergleichen Ihre Aufrufe mit denen Ihrer Kollegen.
Ja, so ist das, und ich finde das bedenklich. „Filter“ ist mein erstes Album, das so richtig in der Streaming-Welt rauskommt. Ich liebe Streaming, ich nutze das seit dem ersten Tag. Bei neuen technischen Errungenschaften bin ich sowieso immer ganz früh dabei und stehe darauf, anderen Leuten zum Beispiel Tricks am Handy zu zeigen, die sie noch nicht kannten. Zuhause habe ich gar keine CDs mehr. Auch Bücher kaufe ich jetzt digital. Letztens war ich in Bali und hatte sechs Bücher dabei. Die hätte ich nie alle in den Koffer gepackt.

Sie waren in Bali?
Ja, und es war total schön. Ich habe dort surfen gelernt, zehn Tage lang. In der Hütte neben mir wohnte der weltberühmte Surfer Kelly Slater, aber der war in ganz anderen Wellen unterwegs als ich. Ich war überrascht, wie schnell ich mich auf diesem Brett zurechtfand und Erfolgserlebnisse hatte.

In Australien sind Sie auch gewesen, oder?
Ja, Anfang des Jahres, jeweils eine Woche in Sydney und in Melbourne. Das war wirklich eine lebensverändernde Reise. Ich fand es auffällig, wie unendlich entspannt die Australier sind. In den ganzen zwei Wochen habe ich keinen einzigen gestressten Menschen gesehen. Die machen sich scheinbar über das Morgen keine Sorgen, sie haben einfach keine Angst vor der Zukunft.

Sollte man jeden Deutschen für zwei Wochen nach Australien verschicken?
Uns geht es ja überwiegend auch extrem gut. Doch die meiste Angst vor Veränderung haben ausgerechnet die, denen es am besten geht. Vielleicht liegt das bei uns am Vitamin D-Mangel. Zu wenig Sonne macht einfach schlechte Laune.

Sind Sie alleine unterwegs auf solchen Reisen?
Unterschiedlich. In Australien war teilweise ein Freund dabei, aber eine Zeit lang war ich auch allein. Ganz alleine morgens um 5 Uhr am Strand zu sitzen und die Sonne aufgehen zu sehen, ist eine krass spannende Erfahrung.

Worum geht es in „Jetzt bin ich ja hier“?
Um überspitztes Selbstbewusstsein. Um dieses Denken, dass man sich nur gut genug finden muss, und dann kann einem nichts passieren“. Trump, Johnson, das sind alles Leute, die offensichtlich vorgeben, mehr zu sein, als sie sind.

Mit Lügen und Verarschen kann man weit kommen.
Ja, vor allem spalten sie. Ganz bewusst. Hauptsache, sie provozieren. Dann rastet die eine Gruppe vor Empörung aus, und die andere jubelt, dass es endlich mal jemand ausgesprochen hat. Wenn zum Beispiel in Deutschland immer noch jemand sagt, dass er aus Protest AfD wählt, dann ist dem nicht mehr zu helfen.

Was würde Bundeskanzler Bendzko als erstes tun?
Auf deutschen Autobahnen ein Tempolimit einführen. Das würde viele Aggressionen aus unserem Land nehmen.

Wie schnell fahren Sie?
Maximal 150. Ich fahre seit anderthalb Jahren elektrisch, und seitdem ist Autofahren für mich viel entspannter geworden. Weil man ab und zu aufladen muss, macht man automatisch mehr Pausen, das ist körperlich viel weniger schlauchend als 700 Kilometer durchzubrettern.

Ihr erster und größter Hit heißt „Nur noch kurz die Welt retten“. Werden Elektro-Autos zur Rettung der Welt beitragen?
Sie sind zumindest ein Anfang.

Und werden Sie dieses Lied in fünfzig Jahren noch singen?
Wenn das so sein wird, dann werde ich mich freuen. Es gibt doch nichts Besseres, als ein Lied zu schreiben, das neun von zehn deutschsprachigen Menschen kennen. Mehr als einen oder mehrere Songs zu haben, die generationsübergreifend sind, kann man als Musiker nicht erreichen. Damit wäre ich dann n der Riege der Lindenbergs, Maffays und Grönemeyers.
    

Tim Bendzko auf Tour

Der Sänger geht auf „Jetzt bin ich ja hier“-Tour und macht am 25. Mai um 19.30 Uhr im Zenith in München Station. Karten für das Konzert gibt es im Ticketshop unserer Zeitung.

Autor

Das Gespräch führte Steffen Rüth
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
10. 02. 2020
06:00 Uhr

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Das Gespräch führte Steffen Rüth

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Veröffentlicht am:
10. 02. 2020
06:00 Uhr



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