Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: CoronavirusVideosCotubeBlitzerwarner

Bayern

Fall Maddie: Vorbestrafter Deutscher unter Mordverdacht

Seit dem spurlosen Verschwinden der kleinen Maddie wollten die Eltern nur eins: die Wahrheit über das Schicksal ihrer Tochter herausfinden. Möglicherweise sind sie ihr nun ein Stück näher gekommen. Ein Deutscher ist ins Visier der Ermittler geraten.



Pk im Jahr 2007
Gerry und Kate McCann zeigen während einer Pressekonferenz im Juni 2007 ein Bild ihrer verschwundenen Tochter Maddie.   Foto: Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dpa

Ist ein 43 Jahre alter Deutscher der Mörder der 2007 an der Algarve verschwundenen dreijährigen Madeleine «Maddie» McCann?

Staatsanwaltschaft und Bundeskriminalamt (BKA) halten das für möglich, sie ermitteln wegen Mordverdachts gegen den in Kiel hinter Gitter sitzenden Mann, der einige Vorstrafen hat. Bewiesen ist nichts. Aber an der Art der Ermittlungen wird eins klar: «Wir gehen davon aus, dass das Mädchen tot ist», sagte der Sprecher der Braunschweiger Staatsanwaltschaft, Hans Christian Wolters.

Maddie verschwand am 3. Mai 2007 aus einer Appartementanlage im portugiesischen Praia da Luz. Die Eltern waren zu der Zeit in einem nahe gelegenen Restaurant essen. Die Ermittler waren von einer Entführung ausgegangen. Zeitweise standen auch die Eltern selbst unter Verdacht. Die Nachricht über die neuen Erkenntnisse sorgte für viel Aufsehen, vor allem in Großbritannien und Portugal. Britische Zeitungen schrieben von einem «Durchbruch». Ob es das wirklich ist, bleibt abzuwarten.

Nach Angaben des BKA lebte der Beschuldigte zwischen 1995 und 2007 regelmäßig an der Algarve, darunter einige Jahre in einem Haus zwischen Lagos und Praia da Luz. «Nach hier vorliegenden Erkenntnissen ging er in dieser Zeit im Raum Lagos mehreren Gelegenheitsjobs, unter anderem in der Gastronomie, nach», teilte das BKA mit. Immer wieder pendelte er zwischen Deutschland und Portugal, wurde in beiden Länder mehrmals straffällig.

Zuletzt verurteilte ihn das Landgericht Braunschweig am 16. Dezember 2019 wegen schwerer Vergewaltigung und unter Einbeziehung früherer Strafen zu sieben Jahren Haft. Er hatte 2005, rund eineinhalb Jahre vor dem Verschwinden Maddies, in Praia da Luz eine damals 72-jährige Amerikanerin vergewaltigt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, die Revision liegt beim Bundesgerichtshof.

Das Urteil war nicht das einzige. In Deutschland und in Portugal beschäftigte er Polizei, Staatsanwälte und Gerichte mit kleinen Delikten und schweren Verbrechen. Im September 2017 wurde er wegen Besitzes von Kinderpornografie und sexuellen Missbrauchs eines Kindes vom Landgericht Braunschweig verurteilt. Der Mann habe eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten erhalten, die er bereits verbüßt habe, bestätigte Thomas Klinge, Sprecher der für Kinder- und Jugendpornografie zuständigen Staatsanwaltschaft Hannover.

Laut «Spiegel» weist das Strafregister des Mannes insgesamt 17 Einträge auf. Schon vor rund 27 Jahren, im Oktober 1993, verhängte das Amtsgerichts Würzburg eine zweijährige Jugendstrafe gegen den damals noch Minderjährigen wegen «sexuellen Missbrauches eines Kindes, versuchten sexuellen Missbrauchs eines Kindes sowie Vornahme sexueller Handlungen vor einem Kind», wie aus Gerichtsunterlagen hervorgeht.

Der Fall Maddie war am Mittwochabend - wie schon früher - Thema in der ZDF-Sendung «Aktenzeichen XY... ungelöst». Auf die Spur des nun Verdächtigen kamen die Ermittler nach eigenen Angaben durch einen Hinweis nach der ZDF-Sendung zum Fall im Oktober 2013. «Die damaligen Informationen reichten nicht für Ermittlungen aus und schon gar nicht für eine Festnahme», sagte BKA-Ermittler Christian Hoppe in der Sendung. Auch ein weiterer Hinweis auf den Tatverdächtigen im Jahr 2017 habe noch nicht gereicht.

«Und die Informationen, die wir im Rahmen unserer Ermittlungen gewinnen können, führen uns immer mehr zu der Überzeugung, dass es sich bei dem Tatverdächtigen um den Täter handeln könnte», fügte der leitende Kriminaldirektor beim BKA hinzu. Bei der Behörde wurde ein Hinweisportal BKA eingerichtet und für Hinweise zur Aufklärung der Tat eine Belohnung von 10.000 Euro ausgesetzt.

Der 43-Jährige hat eine aktuelle Haftstrafe fast zu zwei Dritteln verbüßt und stand damit kurz vor der Entscheidung über eine mögliche Freilassung auf Bewährung. Das geht aus zwei Beschlüssen des Bundesgerichtshofs (BGH) vom 21. April hervor (Az. 6 StR 41/20). Derzeit sitzt der Mann in Kiel eine alte Haftstrafe ab, die das Amtsgericht Niebüll bereits 2011 gegen ihn verhängt hatte. Dabei ging es um Handel mit Betäubungsmitteln. Parallel ist wegen der Vergewaltigungsvorwürfe gegen ihn Untersuchungshaft angeordnet.

Die «Braunschweiger Zeitung» schrieb am Donnerstag im Rückblick auf den Gerichtsprozess, dass der in einem schlichten grauen Shirt und etwas zu großer Jeans gekleidete Mann intelligent gewirkt habe. Deutsche Zeugen aus portugiesischer Zeit hätten ihn als Glücksritter beschrieben, «der versucht hat, was auszustrahlen, aber auch nicht auf großen Zampano gemacht hat».

Eine frühere Nachbarin aus Portugal beschrieb den Verdächtigen als aggressiv. «Er war immer ein bisschen wütend, ist die Straße schnell hoch und runter gefahren und eines Tages, so um 2006, verschwand er ohne ein Wort», berichtete die Frau dem britischen Sender Sky News.

Wie Scotland Yard am Mittwochabend mitteilte, trug der Mann zur Tatzeit kurzes, blondes Haar und war etwa 1,80 Meter groß. Besonderes Augenmerk lenkten die britischen Ermittler auf zwei Fahrzeuge und zwei Telefonnummern, die der Verdächtige benutzt haben soll. Es geht um einen Caravan vom Typ VW T3 Westfalia mit portugiesischem Nummernschild, in dem der Mann zeitweise gewohnt haben soll, und einen Jaguar, Model XJR 6, mit einem deutschen Kennzeichen. Am Tag nach Maddies Verschwinden sei der Jaguar auf einen neuen Halter umgemeldet worden.

An dem Abend, als Maddie verschwand, soll der Verdächtige einen Anruf erhalten haben unter der Nummer +351 912 730 680 mit portugiesischer Ländervorwahl. Der Anruf wurde in der Region um Praia de Luz entgegengenommen. «Ermittler glauben, dass die Person, die diesen Anruf getätigt hat, ein höchst wichtiger Zeuge ist, und rufen sie dazu auf, in Kontakt zu treten», hieß es in der Scotland-Yard-Mitteilung. Die Nummer des Anrufers laute +351 916 510 683.

Madeleines Eltern hatten sich mit teils emotionalen Aufrufen immer wieder an die Öffentlichkeit gewandt, um Informationen über den Verbleib ihrer Tochter zu erhalten. «Alles, was wir je wollten, ist sie zu finden, die Wahrheit ans Licht zu bringen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen», heißt es in einem Statement der Eltern in der Scotland-Yard-Mitteilung.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
04. 06. 2020
11:14 Uhr

Aktualisiert am:
04. 06. 2020
18:04 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Aktenzeichen XY … ungelöst Britische Mädchen Bundeskriminalamt Entführung Ermittlerinnen und Ermittler Mädchen Rudi Cerne Sexualdelikte und Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung Verdächtige
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Kripo-Beamtin vor Bus

vor 18 Stunden

Messerangreifer aus Linienbus in U-Haft

Ohne Vorwarnung sticht ein Mann in einem Linienbus seine Frau mit einem Küchenmesser nieder - vor den Augen mehrerer Schüler. Während die Staatsanwaltschaft wegen Mordes ermittelt, raten Fachleute, den Kindern und Jugend... » mehr

Ein Mitarbeiter der Spurensicherung verlässt einen Linienbus

07.07.2020

Verdächtiger soll nach Bluttat in Linienbus vor Haftrichter

Die Messerattacke ihres Ehemanns in einem Linienbus überlebt eine Frau nicht. Der Mann muss nun vor einen Haftrichter. » mehr

Ein Mann wird in Handschellen abgeführt

01.07.2020

Gewaltsamer Tod von Paar: Verdächtiger in Tschechien gefasst

Nach dem Gewaltverbrechen mit zwei Toten im oberpfälzischen Schwandorf haben Ermittler den seit Tagen gesuchten Tatverdächtigen in Tschechien gefasst. Der 57-Jährige sei am Mittwochnachmittag nach einem Zeugenhinweis von... » mehr

Getränkeflaschen

25.06.2020

Polizei: Verdächtige soll schon Giftanschlag verübt haben

In Münchner Supermärkten tauchen vergiftete Getränkeflaschen auf, drei Menschen geht es elend. Unter Verdacht steht eine psychisch kranke Frau. Nun wird bekannt, dass sie wohl noch weitere Menschen vergiftet hat. Zwei Ki... » mehr

Polizei

Aktualisiert am 06.06.2020

Vergiftete Getränke: Tatverdächtige in Psychiatrie

Sie soll eine tödliche Dosis Gift in Getränkeflaschen gemischt und diese in Supermärkten platziert haben. Nun haben die Ermittler eine Frau gefasst. Sie ist für die Polizei keine Unbekannte. » mehr

Polizei Blaulicht

06.07.2020

27-Jähriger tötet Ex-Freundin im Wald

Der gewaltsame Tod einer 23-Jährigen in Mittelfranken ist nach Angaben der Polizei aufgeklärt. Die Ermittlungen und die Spurensicherung am Tatort haben danach ergeben, dass der Ex-Freund die junge Frau in einem Wald bei ... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Lagerhalle in Geiselwind brennt völlig aus Geiselwind

Lagerhalle brennt völlig aus | 23.06.2020 Geiselwind
» 31 Bilder ansehen

BMW und Motorrad stoßen auf der B 173 zusammen Redwitz an der Rodach

BMW und Motorrad stoßen auf der B 173 zusammen | 23.06.2020 Redwitz an der Rodach
» 8 Bilder ansehen

Motorradunfall bei Sonnefeld

Motorradunfall bei Sonnefeld | 23.06.2020 Sonnefeld
» 7 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
04. 06. 2020
11:14 Uhr

Aktualisiert am:
04. 06. 2020
18:04 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.