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Bayern

Merkel und der Märchenkönig

Ihr Ausflug an den Chiemsee ist für die Kanzlerin auch eine Reise in die eigene Vergangenheit. Im Jahr 1961 war sie schon einmal hier, kurz danach wurde die Mauer gebaut.



In Prien am Chiemsee empfangen Söder an der Schiffanlegestelle einige Fans.
In Prien am Chiemsee empfangen Söder an der Schiffanlegestelle einige Fans.  

Herrenchiemsee - Zweifellos hat auch Nordrhein-Westfalen seine schönen Ecken. Aber halt keine pittoresken Königsschlösser inmitten eines sanft wogenden Sees vor prachtvoller Alpenkulisse, auf dem es sich fotogen schippern lässt. Man kann also sagen, dass Armin Laschet einen gewissen Standortnachteil hat, zumindest was die Bildmächtigkeit angeht. Die schönsten Fotosequenzen an der Seite der amtierenden Kanzlerin Angela Merkel kann jedenfalls seit diesem Dienstag Markus Söder vorweisen - auch wenn er solche Einschätzungen für "überinterpretiert" hält. Trotzdem: Schönen Gruß nach Düsseldorf.

Kanzlerkandidat Söder ? "Immer langsam"

Will er nun Kanzlerkandidat werden oder will er nicht? Jedenfalls: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat sich am Dienstag beharrlich geweigert, auf einem Plakat eines Fans in Prien am Chiemsee zu unterschreiben. "Markus Söder Kanzlerkanditat" stand dort in nicht ganz korrekter Schreibweise. Der Bitte, seine Unterschrift auf das Plakat zu setzen, folgte der CSU-Vorsitzende aber nicht. "Das gibt nur Ärger", meinte er.

Allerdings war kurz vor der Ankunft von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zu einer Sitzung des bayerischen Kabinetts auf Herrenchiemsee noch ein anderes Schild zu sehen: Merkel solle bis 2025 im Amt bleiben. Söder hat mit Fan-Plakaten so seine Erfahrungen: Als in Bayern noch der Kampf um die Nachfolge von Horst Seehofer tobte, war Söder zu Gast bei der bayerischen Jungen Union. Die empfing ihn, während Seehofer noch amtierender Ministerpräsident war, mit Plakaten "MP Söder!" oder "Söder - unsere neue Nummer 1". Und tatsächlich stellte sich Söder damals für ein Foto neben die jungen Leute. Das bedeutete Aufregung und Ärger - aber am Ende wurde Söder ja dann die Nummer 1. dpa

 

Angela Merkel ist also zu Besuch bei Bayerns Ministerrat. Und natürlich geht es bei dieser Inszenierung rund um das Schloss Herrenchiemsee überhaupt gar nie nicht um die Kanzlerkandidatur der Union, um die sich Söder mit seinem Amtskollegen aus NRW kein Duell liefert, weil Söder stets beteuert, dass sein Platz in Bayern sei. Schon am Landungssteg in Prien am Vormittag muss Söder schon wieder abwehren. Der Rentner Thomas Voit aus dem benachbarten Grassau hat ein Plakat gepinselt, mit dem er Söder zum Kanzlerkandidaten erklärt. "Mit solchen Schildern habe ich schon Schwierigkeiten bekommen", hält er Voit nicht nur wegen Corona auf Distanz. Söders Griff nach dem CSU-Vorsitz wäre schließlich dereinst fast an einer forschen, als Unterstützung gedachten Plakataktion der Jungen Union gescheitert. Aber zurück zu Merkels Visite, die mit dem Wort Besuch nur unzureichend beschrieben ist. Söder packt das große Protokoll aus. Als Franke hätte er Merkel auf die Nürnberger Kaiserburg einladen können, das hätte auch schöne Bilder gegeben. Aber offenbar ist er dann doch den weiß-blauen Edelklischees erlegen, die sich republikweit am besten verkaufen lassen. Also Fahrt mit dem 1926 in einer Regensburger Werft gebauten Dampfer "Ludwig Fessler" vor den majestätischen Zacken der Kampenwand zur Herreninsel und dort mit der Pferdekutsche hinauf zum von König Ludwig II. erbauten Schloss, das - was vor allem Merkel thematisiert - auch die Wiege des Grundgesetzes 1949 war.

 

Gut, die Touristenkutsche hat etwas von Holzklasse, dafür hat das ganze Ambiente aber etwas von Sissi und Franz aus den Filmschnulzen der 1950er-Jahre, wie Söder und Merkel von zwei Rössern gezogen locker plauschend dem Schloss zustreben. Die Frau, die da an der Seite des Landesfürsten - pardon: Landesvaters - vorfährt, ist dieselbe Angela Merkel, der Söders Vorgänger Horst Seehofer auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise auf einem CSU-Parteitag die größtmögliche Schmach antat, als er ihr vor aller Augen wie einem Schulmädchen die Leviten las. Spannt man den Bogen von damals zu diesem Bilderbuchtag am Chiemsee, drängt sich ein sissihafter Titel auf: "Angela und die CSU - Schicksalsjahre einer Kanzlerin".

Söder will seine Einladung an Merkel denn auch als "Signal eines neuen Miteinanders" verstanden wissen, als "Zeichen des Wiederzusammenfindens nach einigen schwierigen Jahren" im Verhältnis von CSU und Staatsregierung zur Kanzlerin. Söder verfolgt nicht nur den endgültigen Bruch mit den einst von Seehofer ausgelösten - und von ihm tolerierten - Ruppigkeiten, sondern dokumentiert den Schulterschluss mit Merkel wegen der von beiden verfolgten klaren Linie in der Corona-Krise. Beide, betont Söder, stünden für Umsicht und Vorsicht, wozu Merkel demonstrativ nickt.

Für Merkel ist der Arbeitsausflug an den Chiemsee auch eine Reise in die eigene Vergangenheit. 1961, als damals Siebenjährige, sei sie schon einmal hier gewesen, erzählt sie. Die Großmutter aus Hamburg habe sich einen Urlaub in Bayern gewünscht, und so sei die Familie in den Freistaat aufgebrochen. Ein Programmpunkt sei Herrenchiemsee gewesen. Dass sie nun im Spiegelsaal des Schlosses mit dem bayerischen Ministerrat konferieren dürfe, sei für sie aber eine Premiere. Denn seinerzeit habe sie draußen vor dem Schloss warten müssen. "Wir Kinder durften nicht mit rein", erinnert sich Merkel. Es sei ihr letzter Besuch in Bayern für lange Zeit gewesen, denn wenige Wochen später habe die DDR ihre Grenzen zum Westen abgeriegelt.

Auf der abschließenden Pressekonferenz unter weiß-blauem Himmel und Schatten spendenden Bäumen geht es dann doch noch einmal um die Kanzlerkandidatur. Ob Söder das Zeug dazu habe, wird Merkel gefragt. "Ja", antwortet sie. In das allgemeine Staunen über diese klare Ansage ergänzt sie aber, sie habe dieses Ja auf die zuerst gestellte Frage nach einer europäischen Digitalinitiative bezogen. Was die K-Frage angehe, habe sie sich "besondere Zurückhaltung" auferlegt. "Bayern hat einen guten Ministerpräsidenten, der mich heute eingeladen hat. Mehr sage ich dazu nicht." Kurz darauf fährt die Kutsche wieder vor. Ein paar letzte Fotos und ein perfekt choreografierter Tag auf der Lieblingsinsel des bayerischen Märchenkönigs geht zu Ende. Ein Stück heile Welt - trotz allem. 

Lesen Sie dazu auch den Kommentar "Ein weiß-blaues Märchen".

Autor

Jürgen Umlauft
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Veröffentlicht am:
14. 07. 2020
18:54 Uhr

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Jürgen Umlauft

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Veröffentlicht am:
14. 07. 2020
18:54 Uhr



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