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Coburg

100 neue Bewohner für Bertelsdorf

Juristischen Hürden zum Trotz: Coburg ist um eine ausgestorbene Tierart reicher. In einem Bierkeller hat der Bierschnegel ein neues Zuhause gefunden.



In einem Keller in Bertelsdorf wurde der Bierschnegel, eine Schneckenart, wieder angesiedelt.	Foto: Rebhan
In einem Keller in Bertelsdorf wurde der Bierschnegel, eine Schneckenart, wieder angesiedelt. Foto: Rebhan  

Coburg - In der Bundesrepublik steht er auf der Roten Liste und ist vom Aussterben bedroht: der Bierschnegel (Limacus flavus), eine Nacktschnecke aus der Familie der Schnegel. In Coburg gilt das Weichtier seit über 20 Jahren als ausgestorben: bis zum vergangenen Samstag.

Mitglieder des Landesbundes für Vogelschutz Coburg (LBV) setzten über 100 Exemplare dieser seltenen Tiere in einem aufgelassenen Bierkeller im Bertelsdorf aus. Dass sich der LBV auch einer Tierart widmet, die vor allem bei Gärtnern nicht gern gesehen ist, erklärt der Vorsitzende des LBV, Frank Reißenweber mit einfachen Worten: "Weichtiere bilden den weltweit größten Tierstamm und spielen im Ökosystem eine große Rolle". Die weltweite Fauna bestehe zu 95 Prozent aus wirbellosen Lebewesen. "Zu dem kleinen Rest von fünf Prozent gehört unter anderem der Mensch. Als Artenwächter kämpfen wir dafür, die Artenvielfalt aufrechtzuerhalten, damit das ökologische Gleichgewicht nicht aus dem Tritt kommt. Deshalb gibt es Wiederansiedlungsprogramme für Weichtiere."

Das Besondere am Bierschnegel ist, dass er nicht zu den Schneckenarten gehört die Grünpflanzen bevorzugen, sondern sich von Karotten, Rüben, Kartoffeln sowie Borken und anderen abgestorbenen Pflanzenteilen ernährt. Und wie der Name schon sagt von Bier. Frank Reißenweber erklärt: "Der Bierschnegel ist ein Destruenter, er zersetzt organische Substanzen und mineralisiert diese."

Nachdem sich die Schnecke nachtaktiv ist und Wärme und niedrige Luftfeuchtigkeit ihr zusetzt, sind feuchte kühle Bierkeller ihr liebstes Zuhause. "In Coburg waren die Schnecken unter anderem in den Kellern der Brauereien Scheidmantel und dem Coburger Hofbräu beheimatet", erzählt Frank Reißenweber. Mit der Aufgabe der feuchten Bierkeller waren im Coburger Land auch die Tage des Bierschnegels gezählt. Dass er hier wieder heimisch werden kann, ist Irmgard Schuster, LBV Mitglied aus Würzburg zu verdanken, die in ihrem Hof die seltene Schneckenart entdeckte. Nachdem ihr die Regierung von Unterfranken untersagte, die Tiere auszubringen, nahm sie Kontakt mit dem Coburger LBV auf. Dieser wies der oberen Naturschutzbehörde bei der Regierung von Oberfranken nach, dass der Bierschnegel einmal im Coburger Land beheimatet war und erhielt daraufhin, die Erlaubnis das Tier anzusiedeln. "Die Wiedereingliederung einer ausgestorbenen Tierart ist mit hohen juristischen Hürden behaftet", weiß Frank Reißenweber aus Erfahrung zu berichten. Nachdem die Genehmigung da war, packte Irmgard Schuster über 100 der seltenen Exemplare nebst Gelege "ausbruchssicher" ein und brachte sie nach Coburg. Gemeinsam mit Diplom-Biologen Gerhard Hübner, Frank Reißenweber und der Geschäftsführerin des LBV, Cordelia Hiller, brachte sie die Tiere dann in ihr neues Zuhause.

Natürlich wurde in dem Keller auch Bier verschüttet, damit sich der Bierschnegel von Anfang an richtig wohlfühlt. Der Keller wurde im Vorfeld mit einem breiten Spektrum an Futter von morschem Holz, Kartoffeln, über Pilze, Gurken bis hin zu frisch geschnittenem Gras und Getreidekörner ausgestattet. "Was der Bierschnegel am liebsten frisst, wird sich zeigen", meinte Gerhard Hübner. "Wir werden die Keller - die Schnecke soll auch in Ketschendorf und Bad Rodach beheimatet werden - zunächst in einem Rhythmus von ein bis zwei Monaten begehen und sehen, ob unsere Vorbereitungen den richtigen Effekt hatten". Abschließend versicherte er, dass es allein aus biologischen Gründen nicht möglich sei, dass die die Schneckenart sich aus den Kellern über den ganzen Landkreis verbreitet. "Die Schnecken brauchen einen speziellen Lebensraum, der nur in den Kellern künstlich geschaffen wurde."

Autor

Martin Rebhan
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
01. 06. 2020
16:22 Uhr

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Martin Rebhan

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01. 06. 2020
16:22 Uhr



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