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Coburg

Am Anfang war das Wort

Ein Gedenkweg durch Coburg erinnert an das deutsche Schicksalsdatum 9. November. Der Oberbürgermeister warnt davor, Distanz zur Geschichte entstehen zu lassen.



Das Prügelhaus in der Ketschengasse war einer der Stationen des Gedenkweges. Matthias Eckardt vom Deutschen Gewerkschaftsbund erinnerte an die Gräueltaten der Nazis. Foto: Desombre
Das Prügelhaus in der Ketschengasse war einer der Stationen des Gedenkweges. Matthias Eckardt vom Deutschen Gewerkschaftsbund erinnerte an die Gräueltaten der Nazis. Foto: Desombre  

Coburg - Auf einem Spaziergang durch die Stadt Coburg wurde am Samstagabend der Reichspogromnacht und ihren Opfern gedacht. Der Gedenkweg ermahnte zum Nachdenken über den Umgang mit Minderheiten und über demokratische Werte.

Der 9. November sei ein besonderer Tag in unserer Geschichte, machte Pfarrer Dieter Stößlein deutlich. Mit ihm beginne 1918 die Weimarer Republik und mit dem 9. November verbinde sich der friedliche Umsturz in der ehemaligen DDR und der Fall der Mauer. Euphemistisch als "Reichskristallnacht" bezeichnet, markiert dieses Datum auch den Übergang von der Diskriminierung zur offenen Verfolgung der Juden durch das nationalsozialistische Deutschland, die in einen industriell betriebenen Völkermord mündete. An beides gelte es zu erinnern und der Opfer vom 9. November 1938 zu gedenken, sagte Stößlein.

Die Pogrome von 1938 seien nicht aus "heiterem Himmel" geschehen. Auch in Coburg hätten sie eine Vorgeschichte, die von Demütigung, Entrechtung und Vernichtung der bürgerlichen wie wirtschaftlichen Existenz der Juden geprägt war. Die ausgewählten Stationen des Gedenkweges "Stätten der Entrechtung" würden die Orte der Gewalt der Nazis gegen jene, die ihrer Ideologie nicht entsprachen, markieren, so Dieter Stößlein. "Wir stehen hier, weil wir die Deutung der Geschichte nicht denen überlassen wollen, die diese verharmlosen und den Opfern die Würde nehmen." Die Kultur des Erinnerns sei ein wichtiger Baustein in einer lebendigen Demokratie. "Wir stehen hier, weil Antisemitismus Menschen zu Mördern macht und wir das nicht hinnehmen wollen."

Auch Coburgs Oberbürgermeister Norbert Tessmer unterstrich die Bedeutung des 9. Novembers. Das Datum symbolisiere die Hoffnungen der Deutschen, aber auch den Weg in die Verbrechen des Dritten Reiches. Nie wieder Krieg, nie wieder Diktatur, so sei es überliefert von denen, die es erlebt haben. Beschäftigung und Aufarbeitung seien schon deshalb besonders wichtig, weil die historischen Erinnerungen nicht mehr ausreichten. Es gebe immer weniger Menschen, die den Krieg, die Entbehrungen, die Flucht, die Trauer um nahe Angehörige, das Morden in den Konzentrationslagern und das Drangsalieren der Geheimdienste erlebt haben. Die Distanz zu dem Geschehen bilde den Humus für das Wegsehen, das Relativieren, das Verdrängen und für nicht wenige die Lust zur Wiederholung. Die Vorstufe zum Unheil sei das Wort. Mit Worten könne zur Verrohung der politischen Kultur beigetragen werden. Worte wie Überfremdung, Lügenpresse oder Volksverräter, gab der Oberbürgermeister zu bedenken. Der Stolperstein am Eingang des Rathauses erinnere daran, dass der erste Bürgermeister Erich Unverfähr massiv durch propagandistische Kampagnen unter Druck gesetzt wurde. Er wurde 1931 in den vorzeitigen Ruhestand geschickt, nachdem die Nationalsozialisten ihn wegen seines häufigen krankheitsbedingten Fehlens bei Stadtratssitzungen zu entwürdigenden ärztlichen Untersuchungen geschickt hatten, bei denen attestiert wurde, dass er arbeitsunfähig ist. Am Anfang waren es Worte. Am Schluss - 14 Jahre später - lag das Land in Schutt und Asche. Und heute: Es seien wieder Worte. Die permanente Beschäftigung und Aufarbeitung unserer Geschichte sei essenziell, damit auch junge Menschen verstehen können, wie es zu den Schreckensherrschaften des Nationalsozialismus und der DDR kommen konnte, stellte der Oberbürgermeister heraus.

Autor

Wolfgang Desombre
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
10. 11. 2019
17:16 Uhr

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Wolfgang Desombre

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Veröffentlicht am:
10. 11. 2019
17:16 Uhr



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