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Coburg

Böhmermann geißelt den "Stoschek-Style"

Im neuen "ZDF Magazin Royale" zerpflückt der Satiriker die Mythen der Verschwörungstheoretiker. Er warnt vor antisemitischen Lügen und klagt die Macht der Superreichen an - auch in Coburg.



Die Macht der Reichen nahm Jan Böhmermann in seiner neuen Show unter die Lupe. Besonderes Augenmerk widmete er dem "Autoteile-Milliardär" Michael Stoschek und seiner Tocher Julia.	Screenshots/ZDF Magazin Royale
Die Macht der Reichen nahm Jan Böhmermann in seiner neuen Show unter die Lupe. Besonderes Augenmerk widmete er dem "Autoteile-Milliardär" Michael Stoschek und seiner Tocher Julia. Screenshots/ZDF Magazin Royale   » zu den Bildern

Coburg - "Verschwörung" liegt in der Luft. In blutroten Lettern hängt sie bedrohlich über dem Coburger Marktplatz, daneben sitzt Jan Böhmermann im Studio und spannt uns auf die Folter. "Ab Freitag werdet ihr Coburg nie wieder so sehen wie zuvor", hatte der Satiriker schon vorab auf seinem Telegram-Kanal geraunt, und seither schossen die Spekulationen ins Kraut: Würde er die Wahrheit über den Coburger Mohren ans Licht bringen - oder gar die über die oberfränkischen Verstrickungen des Kreuzundquerdenkers Xavier Naidoo?

Um 23.40 Uhr zündet Böhmermann endlich den großen Knaller seines ersten "Magazin Royale" im ZDF-Hauptprogramm, der die Vestestadt allerdings schon vor fünf Jahren erschüttert hat: Damals widmete der Coburger Stadtrat auf Betreiben des Unternehmers Michael Stoschek dessen Großvater Max Brose jene Straße, in der die Firma ihren Sitz hat. Dass ausgerechnet Coburg, die erste nationalsozialistisch regierte Stadt Deutschlands, damit posthum einen Mann ehrte, der als NSDAP-Mitglied, "Wehrwirtschaftsführer" und Präsident der IHK in das Nazi-System verstrickt war und Zwangsarbeiter beschäftigte, sorgte überregional für Empörung und Schlagzeilen.

Nun legt Jan Böhmermann nach und präsentiert den Fall als Paradebeispiel für die unverblümte Macht einflussreicher Wirtschaftskapitäne: "Wenn Reiche wie Michael Stoschek so super easy Politik und Gesellschaft gestalten können: Wozu braucht man dann eigentlich noch ausgedachte Verschwörungstheorien?", fragt der Moderator.

Im Vorfeld seiner neuen Late-Night-Show war er selbst "testweise aus der langweiligen Welt der Vernunft ausgestiegen" und hatte sich mit wirren Andeutungen im Sektierer-Stil aus dem "digitalen Mordor" zu Wort gemeldet. Seine "Arschbombe in die alternative Wirklichkeit" sorgte für Aufsehen: "In einer Woche habe ich 100 000 Querdenker eingefangen", vermeldet der Satiriker, dessen neue Strategie lautet: "Nicht über Idioten reden, sondern mit Idioten reden, auf Augenhöhe."

So gibt es in seiner neuen Sendung zwar parodistische Hiebe auf "verkannte Großintellektuelle" wie Michael Wendler und andere abgedriftete B-Promis, doch in erster Linie zerlegt Böhmermann temperamentvoll, aber weitgehend ironiefrei die Mythen der Verschwörungstheoretiker, hinter denen er "den gleichen Bullshit wie 1933" erkennt: blanken Antisemitismus. Dem Gespenst geheimnisvoller Eliten hält er entgegen: "Sieben der elf reichsten Familien in Deutschland sind unter anderem deshalb so reich, weil sie von 1933 bis 1945 mit den Nazis zusammengearbeitet haben", wie etwa die Porsches oder die Vorfahren der BMW-Eigentümer Stefan Quandt und Susanne Klatten.

"Wenn es überhaupt so etwas gibt wie eine geheime Elite, dann sind das bei uns in Deutschland nicht ,die Juden‘, sondern diejenigen, die von der mörderischen Ausbeutung jüdischen Leben profitiert haben", stellt Böhmermann mit Nachdruck klar, bevor er auf den "Autoteile-Milliardär Michael Stoschek" zu sprechen kommt und dessen Einfluss auf den Coburger Stadtrat. Nicht unerwähnt bleibt auch dessen Tochter Julia, die als prominente Galeristin den "Stoschek-Style" auch gegenüber dem Berliner Senat angewendet habe.

Mit dem Titel seiner Infotainment-Show und dem Anspruch, "schadhafte Stellen der Demokratie" aufzuzeigen, spielt Jan Böhmermann auf seinen 60 Jahre vor ihm geborenen "Kollegen" Gerhard Löwenthal an, der sich mit dem "ZDF-Magazin" als strammer Kommunistenfresser in den 70er- und 80er-Jahren Kultstatus erwarb. Wie sein Ost-Pendant Karl-Eduard von Schnitzler im "Schwarzen Kanal" des DDR-Fernsehens befeuerte er zwei Jahrzehnte lang den Kalten Krieg. 32 Jahre später rehabilitiert Böhmermann das "ZDF Magazin" und diktiert am Ende seiner 30-Minuten-Show Verschwörungstheoretikern und Neoliberalen etwas ins Stammbuch, das Löwenthal im Grabe rotieren lassen dürfte: "Die ungleiche Verteilung von Geld und Gütern ist eines der größten Menschheitsprobleme der Gegenwart. … Es gibt keine Verschwörung, es läuft auch so alles zugunsten weniger. Und für den Rest den Bach runter, ganz offen, für jeden ersichtlich."

Autor

Dieter Ungelenk
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
09. 11. 2020
11:40 Uhr

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Autor

Dieter Ungelenk

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Veröffentlicht am:
09. 11. 2020
11:40 Uhr



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