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Coburg

Coburg und die Machtfrage

Die ARD greift den Streit zwischen Kastner und Stoschek auf. In dem Beitrag wird der frühere OB überraschend deutlich. Der Unternehmer will dazu Stellung beziehen.



Norbert Kastner im Fokus: Gegenüber einem Reporterteam der ARD warf er der Firma Brose vor, während seiner Amtszeit als OB Druck auf die Stadt ausgeübt zu haben. Foto: MDR
Norbert Kastner im Fokus: Gegenüber einem Reporterteam der ARD warf er der Firma Brose vor, während seiner Amtszeit als OB Druck auf die Stadt ausgeübt zu haben. Foto: MDR  

Coburg - "Gefühlt waren das eine Million Whats App": Am Morgen danach ist Norbert Kastner locker gelaunt. Schon früh habe das Telefon "nicht geläutet, sondern gerattert", die Reaktionen seien "größtenteils positiv" gewesen. Tenor: "Endlich sagt mal jemand die Wahrheit".

Montagabend, 20.15 Uhr: Zur besten Sendezeit läuft unter dem Titel "Wer beherrscht Deutschland?" in der ARD eine Reportage, die den freien Autor Jan Lorenzen für die Film- und Produktionsgesellschaft Hoferichter & Jacobs auch nach Coburg führt. Und exakt sechs Minuten und sieben Sekunden lang alte Wunden aufreißt: die Auseinandersetzung zwischen dem ehemaligen Oberbürgermeister Norbert Kastner und Brose-Chef Michael Stoschek, die die Stadt jahrelang in zwei Lager gespalten hat.

Lorenzen geht am Beispiel der Max-Brose-Straße der Frage nach, wer die Geschicke einer Stadt stärker bestimmt: der gewählte Oberbürgermeister oder der einflussreiche Unternehmer? Der Coburger Reportage-Teil beginnt vor dem Brose-Werkstor in der Ketschendorfer Straße. Lorenzens Team wird bei Dreharbeiten von der Brose-Unternehmenssicherheit aufgefordert, das Filmen zu unterlassen. Das Argument, die Straße sei ein öffentlicher Raum, lässt die Unternehmenssicherheit nicht gelten und informiert die Polizei.

Was der Zuschauer nicht sieht: Die Beamten rücken tatsächlich an, wie Jan Lorenzen der NP auf Anfrage gestern bestätigte. "Sie haben unsere Personalien aufgenommen", erzählt er. Mehr sei jedoch nicht passiert. Trotzdem sei das Filmteam über die heftige Reaktion vor dem Werkstor verwundert gewesen. "Denn wir hatten für diesen Tag eine Interviewanfrage an das Unternehmen gestellt und informiert, dass wir vor Ort sein werden", so Jan Lorenzen weiter.

Die nächste Szene gehört dem ehemaligen Oberbürgermeister Norbert Kastner. Er spricht von einem "prägenden Ereignis", als er nach seiner Wahl 1990 von Stoschek zu einem Termin eingeladen wurde. Dabei habe ein Flipchart im Raum gestanden, das sich im weiteren Verlauf des Gesprächs als "Wunschzettel des Unternehmens" entpuppt habe. Kastner wird überraschend deutlich und berichtet von drei Varianten: "Wenn die Stadt dieses und jenes und jenes macht, dann zahlt die Firma hausnummermäßig acht Millionen Euro Gewerbesteuer. Wenn die Stadt nur dieses und jenes macht, zahlen wir 3,8 Millionen Euro Gewerbesteuer. Wenn keines von beiden, dann wird’s halt nichts oder 1,2 Millionen Euro."

Dass Unternehmen entscheiden können, wo sie wie viel Gewerbesteuer entrichten, sei durchaus legitim. Dennoch stelle sich die Frage der Erpressbarkeit, heißt es in dem Beitrag. "Erpressbarkeit ist schwierig. Erpressbarkeit ist was Juristisches. Aber es geht durchaus in eine Richtung, wo ich sagen würde, da hat Politik schon eine weiche Stelle", antwortet Kastner.

Szenenwechsel: 2004 stellt Michael Stoschek den Antrag, die Von-Schultes-Straße nach seinem Großvater und Firmengründer Max Brose zu benennen. Weil sich im Stadtrat wegen dessen Mitgliedschaft in der NSDAP und Beschäftigung von Zwangsarbeitern Widerstand regte, nahm Kastner den Punkt von der Tagesordnung. "Als ich mich dann entschieden hatte, nach einer doch relativ intensiven Diskussion im Stadtrat, wo es auch viele gegenteilige Beiträge gab, es von der Tagesordnung abzusetzen und eben nicht zu entscheiden, hat der Inhaber des Unternehmens da relativ mit Unverständnis sehr heftig reagiert", schildert Kastner die damalige Situation.

Es gehe längst nicht mehr nur um die Straße, sondern darum, wer die Macht habe - der Unternehmer oder die gewählten Volksvertreter, kommentiert der Reportagen-Sprecher die Ereignisse. Kastners Antwort: "Wie erklären Sie einer breiten Öffentlichkeit, dass ein Unternehmen, das in Coburg 4000, 5000 Arbeitsplätze hat, im nächsten Jahrtausend 500 Arbeitsplätze in einen anderen Standort verlegt mit der offiziellen Begründung, der Standort ist nicht mehr attraktiv genug?"

Gleichwohl stellt der ehemalige Oberbürgermeister klar, dass Coburg kein Einzelfall ist: "Es gibt viele Parallelfälle. Es gibt auch viele Kollegen, die solche Konstellationen haben, und dort gibt es die gleichen Baustellen. Da muss man gar nicht weit fahren."

Gezeigt wird auch Kastners Nachfolger Norbert Tessmer bei der Verkündung der nach "reiflicher Überlegung und sachlicher Diskussion" gefallenen Stadtratsentscheidung, die Straße doch nach Max Brose zu benennen. Zum Abschluss des Beitrags erklärt der Autor, dass weder Michael Stoschek noch die Brose-Gruppe für eine Stellungnahme bereit waren.

Norbert Kastner jedenfalls sieht die Sache im Nachhinein gelassen. Natürlich seien bei den Reaktionen auch einige Stimmen dabei gewesen, die der Meinung waren, Coburg hätte bei dem Beitrag nicht gut ausgesehen. "Interessant finde ich, wer sich so alles gemeldet hat. Alte Freunde und Bekannte aus aller Welt von TVK-lern bis zu Studienfreunden."

Im Rückblick ist Autor Jan Lorenzen überrascht darüber, wie sich die Geschichte in Coburg entwickelt hat. Aufmerksam geworden durch die bundesweite Berichterstattung zur Max-Brose-Straße, "sind wir völlig unbedarft an die Recherche hier gegangen", erinnert er sich. Relativ schnell hätte sich dann jedoch eine systematische Verflechtung offenbart, sagt er. "Ich habe eine Reihe von Hintergrundgesprächen in der Stadt geführt. Sie alle haben den Kern von Norbert Kastners Aussagen bestätigt. Nur mit Namen genannt werden und vor die Kamera treten wollte niemand."

Michael Stoschek kündigte am Abend gegenüber der Neuen Presse eine umfassende Stellungnahme zu den Vorwürfen Norbert Kastners an.

Autor

Christoph Scheppe, Steffi Wolf, vol
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Veröffentlicht am:
01. 10. 2019
19:32 Uhr

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Autor

Christoph Scheppe, Steffi Wolf, vol

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Veröffentlicht am:
01. 10. 2019
19:32 Uhr



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