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Coburg

Coburger Firmen befürchten Brexit-Chaos

Ende des Monats könnte die EU einen Mitgliedstaat verlieren. Großbritannien möchte austreten. Die wirtschaftlichen Folgen für hiesige Unternehmen wären mitunter drastisch.



Vor dem Eurotunnel in Großbritannien stauen sich Lastwagen. Sollte das Land zum Monatsende aus der EU austreten, müssten Coburger Firmen unter anderem länger auf ihre Waren warten als bisher.
Vor dem Eurotunnel in Großbritannien stauen sich Lastwagen. Sollte das Land zum Monatsende aus der EU austreten, müssten Coburger Firmen unter anderem länger auf ihre Waren warten als bisher.   Foto: Gareth Fuller/picture alliance

Coburg - Ob mit einem Vertrag oder ohne, das steht noch nicht fest. Dennoch plant der britische Premiereminister Boris Johnson sein Land - koste es, was es wolle - am 31. Oktober aus der Europäischen Union (EU) austreten zu lassen. Nicht nur in Großbritannien führt diese Aussicht zunehmend zu Verunsicherung. Auch Coburger Firmen würde insbesondere ein sogenannter harten Brexit - ohne Abkommen mit der EU - vor große Herausforderungen stellen. Was genau die Coburger Unternehmen im Falle eines "No Deals" zu befürchten haben und wie sie sich am besten darauf vorbereiten, darüber informierten Vertreter der Industrie- und Handelskammer zu Coburg ihre Mitgliedsfirmen am Mittwoch. Dabei war die Entscheidung für den Austritt aus der EU sehr knapp ( siehe Infokasten ).

Die Brexit-Chronik

Juni 2016: Beim Referendum sprechen sich 51,9 Prozent der Wähler für einen Austritt aus der EU aus.

 

Juli 2016: Theresa May beerbt den zurückgetretenen David Cameron als Premierministerin.

 

Oktober 2016: May verkündet bis Ende März 2017 aus der EU austreten zu wollen.

 

März 2017: Das britische Parlament verabschiedet das Brexit-Gesetz. Großbritannien übergibt den Austrittsantrag an die EU.

 

Januar 2019: Das britische Unterhaus lehnt das zwischen der EU und Großbritannien ausgehandelte Abkommen ab.

 

Mai 2019: Großbritannien und die EU einigen sich nach mehreren gescheiterten Abstimmungen über das Austrittsprozdere auf eine Verschiebung des Brexits bis spätestens zum 31. Oktober.

 

"Es steht noch nichts fest", erklärte Karl Martin Fischer, Rechtsexperte der Germany Trade and Invest GmbH, den Anwesenden. Auch nicht, ob es tatsächlich zu einem harten Brexit käme oder ob die Briten tatsächlich am Stichtag aus der EU austreten würden. Die Situation sei aus europäischer Sicht derzeit vollkommen ungewiss. "Gerade deswegen ist es für Unternehmer eine gute Idee, sich auf einen harten Brexit vorzubereiten", betont er. Dies sei aus vielerlei Hinsicht das arbeitsintensivste aller denkbaren Szenarien. "Im Sozialversicherungsrecht beispielsweise wird vermutlich ein Abkommen aus dem Jahr 1960 in Kraft treten", sagt Fischer. Und bei ihren Verträgen müssten Firmen sich mit dem Wegfall des gemeinsamen europäischen Rechts mit ihren britischen Geschäftspartnern darauf einigen, welches nationale Vertragsrecht sie künftig anwenden wollten. "Ich empfehle Ihnen, nach Möglichkeit auf deutsches Recht zu bestehen", betont der Rechtsexperte. Dies sei jedoch nicht immer möglich. Unternehmen müssten sich daher rechtzeitig und intensiv mit den Regelungen vertraut machen, die künftig für sie geltenden.

 

Laut Fischer gibt es jedoch auch zahlreiche Bereiche, in denen derzeit noch unklar sei, welche Regelungen mittel- bis langfristig gelten würden. Grund hierfür ist unter anderem, dass die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Großbritannien und dem Rest der EU weitgehend auf die allgemeinen Handelsabkommen der Welthandelsorganisation (WTO) zurückfallen würden. Zwar sichern sich die Mitgliedsstaaten in diesen Abkommen gegenseitigen Marktzugang zu, das entspreche jedoch keineswegs der Stabilität, die im Dienstleistungs- und Warenverkehr, die bisher durch die europäischen Verträge geboten würden. Eine der wohl schwerwiegendsten Folgen eines harten Brexits wären künftige Warenkontrollen und Zollgebühren. Die wären zwischen Großbritannien und der EU laut Mathias Dubbert von der Vertretung der Deutschen Industrie und Handelskammer (DIHK) in Brüssel bei einem harten Brexit unumgänglich. "Allein der Verwaltungsaufwand der durch die Einführung von Zollkontrollen entsteht, wäre für die Wirtschaft eine enorme Belastung", so Dubbert. Täglich würden allein etwa 12 000 Lkw die Grenze zwischen der EU und dem Königreich passieren. "Zwar wollen die Briten laut eigenen Angaben derzeit auf etwa 88 Prozent aller EU-Artikel keine Zölle erheben", berichtet der DIHK-Vertreter. Darauf könne man sich nicht langfristig verlassen. Hart für die deutsche Wirtschaft sei außerdem, dass Produkte aus der Automobilindustrie zu den Waren gehören, auf die künftig ein Zoll erhoben werden soll. Mit knapp 29,5 Prozent aller deutschen Exporte stammen aus dieser Branche.

Betroffen ist auch der Automobilzulieferer Brose. "Bereits seit mehr als 30 Jahren ist Brose in Großbritannien vertreten", sagt Pressesprecher Christian Hößbacher. In der Industriestadt Coventry etwa habe das Familienunternehmen 1988 eines seiner ersten Werke außerhalb Deutschlands eröffnet. Dort werden laut dem Sprecher Sitzstrukturen für die erste, zweite und dritte Sitzreihe produziert. Außerdem laufen im Werk Fensterheber und Schließsysteme von den Fertigungsstraßen. Einer der größten Kunden von Brose Coventry ist der britische Automobilhersteller Jaguar Land Rover. Das Werk liefere aber auch an andere Marken wie Nissan, Toyota, BMW und Renault. "In den vergangenen fünf Jahren hat Brose mehr als 100 Millionen Euro in Coventry investiert", berichtet der Brose-Sprecher. Erweitert wurden mit diesen Mitteln etwa die Produktion, die Laserschweißtechnik, eine Lackieranlage und ein fahrerloses Transportsystem. Deshalb könnte ein No-Deal-Brexit erhebliche Auswirkungen auf den Coburger Automobilzulieferer und seinen Standort in Großbritannien haben. "Brose verfolgt die Entwicklung der Brexit-Verhandlungen genau", erklärt er. Der Automobilzulieferer hat einige seiner Mitarbeiter damit beauftragt, Strategien für die verschiedenen Szenarien des britischen EU-Ausstiegs zu entwickeln.

"Als ordentliche Kaufleute rechnen wir natürlich mit dem Schlimmsten", sagt Klaus-Peter Hock, der Leiter des Bereichs Zoll und Außenhandel bei Brose, der zu diesem Brexit-Team gehört. Der Eu-Ausstieg betreffe zahlreiche Geschäftsbereiche des Unternehmens, ganz besonders jedoch den Bereich Logistik. "Die in Coventry gefertigten Sitzstrukturen etwa montiert der Zulieferer aus Einzelteilen von 42 Lieferanten aus halb Europa", erklärt Brose-Sprecher Hößbacher. Die Einfuhr von Zollschranken würden nicht nur die Abfertigung an der Grenze verlängern und für lange Staus sorgen, sondern auch die Produktion in Großbritannien verteuern. Um das zu verhindern braucht es aus Sicht von Klaus Peter Hock ein Freihandelsabkommen zwischen Großbritannien und der EU. Dass es dazu komme, sei jedoch sehr unwahrscheinlich. "Jeder ,der glaubt, dass nach einem harten Brexit binnen weniger Jahre ein Freihandelsabkommen steht, der glaubt auch an den Weihnachtsmann", sagt er. Dennoch sei nicht nur die Art des Brexits entscheidend für die wirtschaftliche Zukunft des Automobilzulieferers, sondern auch das Verhalten der Kunden spiele eine wichtige Rolle. "Langfristig müssen wir prüfen, ob es Sinn macht, Teile die in der EU verbaut werden, in Großbritannien zu produzieren", sagt Hock. Coventry sei jedoch ein vergleichsweise großes Werk, dessen Produktionslinien man nicht von heute auf morgen einfach an einen Standort in der EU verlegen könnte.

 
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Andreas Wolfger, Yannick Seiler
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Veröffentlicht am:
10. 10. 2019
16:48 Uhr

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Andreas Wolfger, Yannick Seiler

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Veröffentlicht am:
10. 10. 2019
16:48 Uhr



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