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Coburg

Cool, kurvig und voll krass privilegiert

Nicht gerade was fürs Auge, dafür für die Lachmuskeln: Faisal Kawusi bringt das ausverkaufte Kongresshaus zum Toben. Das Publikum kommt nicht unbeteiligt davon.



Faisal Kawusi Anarchischer Humor ohne Korrektheitsfilter: Der deutsch-afghanische Komiker Faisal Kawusi sorgte im Kongresshaus für Lachkrämpfe.
Anarchischer Humor ohne Korrektheitsfilter: Der deutsch-afghanische Komiker Faisal Kawusi sorgte im Kongresshaus für Lachkrämpfe.   Foto: Maja Engelhardt

Coburg - Eigentlich ist er total integriert, und zwar so gut, dass er sogar an Laktoseintoleranz leidet. Nur dumm, dass er deswegen jämmerlich und mickrig beim Joghurt das Leben aushauchen und nicht im heldenhaften Kampf sein Haupt niederlegen wird. Das ist nämlich absolut nicht cool. Aber ansonsten, oh weh, da sind die Afghanen oder die ganzen anderen "Kanaken" viel cooler als die Deutschen. Wo gibt’s denn bitteschön Völker, die "hallo" in verschiedenen Lautstärken von sich geben, wenn sie empört sind oder etwas nicht mögen und dies gleichzeitig ins Telefon rufen, wenn keiner dran ist? Oder in Wanderschuhen freiwillig durch den Wald laufen? ("Die haben wohl kein Auto?").

Viele, viele kleine und große Unterschiede zwischen östlichen und westlichen Bürgern arbeitet er im Laufe seines Programms heraus und nimmt sich dabei selbst mit auf die Schippe: Der deutsch-afghanische Komiker Faisal Kawusi gastiert im ausverkauften Kongresshaus Rosengarten und entfacht beim fast durchweg sehr jungen Publikum mit seinem Programm "Anarchie" einen Lachkrampf nach dem anderen.

Dabei gibt er weder spritzige Politsatire noch gesellschaftskritische Kabarettpointen von sich. Nein, er plaudert vielmehr und erzählt. Wie im Wohnzimmer beim Mädels- oder, aufgrund der Themen, wohl eher beim Kumpelsabend in trauter Bierrunde. In nicht einwandfreier Jugendsprache quatscht er über seine "behinderte und verfickte" Family, die sich beim gemeinsamen Schauen von Erotikszenen zu Tode schämt, seinen "richtig abgefuckten" Vater, der wollte, dass er Arzt oder Politiker wird, und seine Cousins, die in permanentem Wettstreit um das "beste Kind" mit ihm standen.

Kleine, wahre Beobachtungen bauscht er auf zur witzigen Riesengeschichte, bezeichnet die deutsche Oma mit Kissen am Fenster als beste Überwachungskamera der Welt, erläutert grinsend sein kindliches Verständnis des Fastenmonats Ramadan ("nur bei Dunkelheit essen, da dachte ich mir, ich mache mal die Rollläden im Zimmer runter") und stellt dabei eins immer wieder in den Vordergrund: Sein Gewicht. Rund 140 Kilogramm bringt der einen Meter neunzig große gebürtige Frankfurter auf die Bühne. Die Wampe schwabbelt über den Hosenbund, der Hintern ist nicht gerade ästhetisch und das Ausziehen des T-Shirts hätte er gerne unterlassen können, sein Bauchnabel, das "Loch Ness oder Nass - je nach körperlicher Ertüchtigung" ist kein Augenschmaus. Und doch wirkt er selbst dabei witzig und unglaublich sympathisch.

Höflich und superzynisch

Kawusi erweist sich auch auf der Bühne als feiner und genauer Beobachter, der zum Leidwesen mancher Anwesenden sein Publikum zum Teil des Programms macht und dem dabei nichts entgeht. Kein Name entfällt ihm, jedes Niesen wird mit "Gesundheit" kommentiert ("ich bin höflich"), die verschiedenen Lachgeräusche eingeordnet, "haben wir hier eine Eule"? Über die Franken mit ihrem Dialekt "bassd scho" und deren Affinität zu Bier witzelt er ebenso wie über die Deutschen mit so seltsamen Wörtern wie "Leichenschmaus": "Das erste Mal, dass ich kostenloses Essen abgelehnt habe. Bis ich 15 war, dachte ich, ich müsste den Toten essen."

Doch er kann auch superzynisch, so dass ab und an mal das Glucksen im Hals stecken bleibt und sich leichte Unsicherheit bei seinen Fans zeigt. Es ist eine Frage, ob man lachen soll, wenn er seinen deutschen Pass anhimmelt und sich vorstellt, ihn vor Flüchtlingen mit den Worten "ihr kriegt ihn nicht, ihr kriegt ihn nicht" zu schwenken. "It’s comedy", meint er dazu und kriegt dann doch immer wieder die Kurve. Und ganz zum Schluss, erst in der Zugabe nach zweieinhalb Stunden verbaler und körperlicher Wucht wird er mal ernst und schießt los: Gegen die Leute, die bei einem "fucking Witz" nicht lachen, aber zulassen, dass Rentner nach Pfandflaschen im Müll suchen müssen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Das kann er nicht verstehen. Ebenso wenig wie rechte Parteien in den Bundestag einziehen können oder "verfickte Kriege" zugelassen werden. "Die Geschwister Scholl sind dafür gestorben, dass so ein Spasti wie ich auf der Bühne stehen kann", ruft er und kommt auf den Titel seines Programms zurück: "Anarchie". An die appelliert er. Aber an die im Kopf. Mit freien Gedanken.

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Maja Engelhardt

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Veröffentlicht am:
20. 10. 2019
18:30 Uhr

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20. 10. 2019
18:30 Uhr



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