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Coburg

Der Klimaretter bedarf selbst der Rettung

Wie kommen die Wälder aus der Krise? Mit mehr Personal, Beratung und Umbau, meint der Bund Deutscher Forstleute bei seiner Tagung in Coburg. Das kostet Geld.



Der Bundesvorstand des Bunds Deutscher Forstleute (BDF) tagte am Wochenende in Coburg über Wege zur Rettung des Klimaretters Wald. Bei einem Ortstermin im Bausenberg erläuterte Gastgeber Bernd Lauterbach (Hassenberg, vorne links) seinen Kollegen, wie sich die Probleme mit Käfern und Dürre vor Ort auswirken. Foto: Bettina Knauth
Der Bundesvorstand des Bunds Deutscher Forstleute (BDF) tagte am Wochenende in Coburg über Wege zur Rettung des Klimaretters Wald. Bei einem Ortstermin im Bausenberg erläuterte Gastgeber Bernd Lauterbach (Hassenberg, vorne links) seinen Kollegen, wie sich die Probleme mit Käfern und Dürre vor Ort auswirken. Foto: Bettina Knauth  

Coburg - "Der Wald kann ohne uns, aber wir nicht ohne ihn." Das sagt Bernd Lauterbach, bayerischer Landesvorsitzender des Bund Deutscher Forstleute (BDF) und derzeit freigestellter Revierleiter in Hassenberg (Gemeinde Sonnefeld). Doch was tun, wenn der Klimanotstand längst im Wald angekommen ist? Über den aus ihrer Sicht längst überflüssigen Paradigmenwechsel berieten am Wochenende auf Einladung Lauterbachs führende Forstleute aus ganz Deutschland bei der Krisensitzung des BDF-Bundesvorstands in Coburg. Ihre Kernforderungen: mehr Personal, weniger Fokus auf Wirtschaftlichkeit, verstärkter Umbau der Wälder, bessere Beratung vor Ort und eine stärkere Förderung.

Seit der Fachverband Mitte Juli den Klimanotstand für den Wald ausrief, beschäftigt dessen Krise auch die Politik. Der vom BDF geforderte nationale Waldgipfel fand auf Einladung von Bundesforstministerin Julia Klöckner Ende September in Berlin statt. Das Ergebnis: 800 Millionen Euro sollen in den nächsten vier Jahren dem Wald zugute kommen. Dass dabei auch das Fehlen von Forstpersonal anerkannt wurde, freute den ebenfalls nach Coburg gereisten Bundesvorsitzenden Ulrich Dohle: "Jahrzehntelang sind wir mit gleichlautenden Forderungen immer nur auf taube Ohren gestoßen."

Wie der BDF den Wald retten will, hatte der bayerische Landesverband vorab in einer eigenen Resolution skizziert: "Die Politik muss jetzt handeln", heißt es darin. Zuallererst gelte es "alle Anstrengungen zu unternehmen, um das Klima zu schützen und die Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad zu begrenzen". Die eindeutige Warnung der Forstleute lautet: "Sonst ist der Wald, wie wir ihn kennen und brauchen, nicht zu retten."

Notwendig seien "bewirtschaftete Klimaschutzwälder" mit stabileren Baumbeständen durch Neupflanzungen, flächigen Verjüngungen und gezielter Waldpflege. Zum Wald--erhalt brauche es aber ausreichend Mitarbeiter. Lauterbach: "Der Personalnotstand im Wald muss beendet werden, dann bewältigen wir auch den Klimanotstand." Dabei denkt der Dipl.-Forstingenieur nicht nur an die Aufforstung, sondern auch an die Aufklärung und Beratung von privaten Waldbesitzern, wie sie mit Borkenkäfer oder Pilzbefall umgehen müssen und ihren Wald richtig pflegen können.

Um ihnen die Situation in seiner Heimat vor Augen zu führen, lud der 58-Jährige seine Kollegen am Samstagmorgen zu einer Informationstour ein. Zunächst besichtigten die Fachleute eine Borkenkäfer-Schadfläche am Bausenberg und dann den Nasslagerplatz Oeslau. "Der Käfer und die Trockenheit machen uns zu schaffen", klagte Lauterbach mit Blick auf die fast kahle Fläche. Fichten und Lärchen waren befallen und mussten gefällt werden, nur einige Birken blieben stehen.

Von seinem 2100 Hektar großen Revier hat der Hassenberger schon 20 Hektor verloren, sie sind jetzt nur noch kahle Fläche. "Auch die Buche fällt jetzt aus", stellte er fest. Dabei waren die Bedingungen nicht schlecht: 90 verschiedene Baumarten zählt Lauterbach in seinem von Kiefer und Fichte dominierten Areal, "unsere Altvorderen haben gute Arbeit geleistet". Die Fichte aber werde "in 50 bis 100 Jahren" verschwunden sein.

An einem Stück Rinde zeigt die stellvertretende BDF-Bundesvorsitzende Margret Kolbeck, dass der Käfer die Wasserbahnen des Baumes mit seinen Gängen unterbricht und ihn so dauerhaft schädigt. Sie nickt, als Lauterbach fordert, die Wälder nach und nach mit angepassten zukunftsfähigen Baumarten klimastabil auszustatten. "Ein Landwirt spürt Konsequenzen seines Handels nur ein Jahr lang, wir aber müssen über Jahrzehnte denken", hebt Kolbeck hervor.

Neuanpflanzungen müssten sich am heimischen Standort orientieren, also am Klima und Boden vor Ort. Und die Bedingungen hätten sich verändert. Nur rund 500 Liter pro Quadratmeter habe es in den letzten beiden Jahren in seinem Revier geregnet, berichtet Lauterbach. Flächen still liegen zu lassen, wie ein Kollege es überlegt, hält der Oberfranke für keine gute Lösung: Verwilderung und Einflüsse vom Rand wären die Folge, die Brombeere würde sich unkontrolliert ausbreiten. Lauterbach: "Ein Zukunftswald sieht anders aus."

Wie sehr der Wald auf großer Fläche stirbt, kennen alle Gäste aus ihrer Heimat. Die Situation im Coburger Land sei "sehr vergleichbar", so Dohle. 180 000 Hektar Kahlfläche weise das Bundesgebiet bereits auf, "und wir erwarten, dass die Zahl weiter ansteigt". Die Dürre wirke nach, die Grundwasserwasserspeicher seien leer. Der Peak werde erst 2021 erreicht, prophezeit der Bundesvorsitzende. Rebekka Janson vom Forstamt Herborn (Hessen) bestätigt: "Wir hatten nicht mal Wasser, um die Lager feucht zu halten."

60 000 Kubikmeter Schadholz liegen auf dem Oeslauer Nasslagerplatz. Die Bäume wurden aus dem Wald entfernt, damit sie keine Brutmöglichkeit für den Borkenkäfer mehr bieten. Stellenweise verlieren Waldbesitzer bereits den Kampf gegen die Schädlinge. In Oeslau sollen die Stämme langfristig frisch gehalten werden, um den momentan überschwemmten Holzmarkt zu entlasten.

Viermal mehr Holz als üblich seien in Hessen eingeschlagen worden, berichtet Janson, nun herrsche Stopp. Umsätze seien keine mehr zu erzielen: "Die Situation gleicht einem Börsencrash." Zur Entwertung kommen die Kosten für Transport und Lagerung, teilweise auch Entsorgung des nicht mehr verwertbaren Holzes. In Kooperation mit der Baywa sollen in Oeslau Wege gefunden werden, die Qualität des Holzes auf Dauer zu erhalten, etwa indem die Verdunstung durch Folien gesenkt wird.

Kolbeck fordert den Wald mehr aus dem Blickwinkel der Daseinsvorsorge zu sehen, als Klima- und Naturschützer sowie als Erholungsort, nicht als Mittel zur Gewinnmaximierung. "Allein über 600 Millionen Euro haben die Bayerischen Staatsforste in Bayern zuletzt als Gewinn abgeführt", sagt sie, "diese Zeiten sind vorbei". Bei ihnen handele es sich um den größten öffentlichen Forstbetrieb in Europa. Auf 80 Millionen Euro beziffert der Landesvorsitzende den Verlust durch Dürre und Käferbefall im gesamten Bestand. Doch der notwendige Kahlschlag habe nicht nur wirtschaftliche Folgen. "Jeder Kubikmeter Holz kann eine Tonne CO2 speichern", sagt Lauterbach. Mit jedem gefällten Baum fehlt nicht nur die Speicherkapazität, sondern es erwärmt sich auch der Boden und der Humus setzt das klimaschädliche Gas frei. Laura Reimers (Schleswig-Holstein) rechnet vor, dass eine Fichte erst 100 Jahre im Wald und dann 200 Jahre in einem Dachstuhl verbaut über drei Jahrhunderte CO2 zu binden vermag.

Die Wiederaufforstung brauche Geld, Personal und Knowhow. 100 Millionen Euro, so ein Ergebnis des Berliner Gipfels, fließen nach Bayern. Die Einstellung von 100 neuen Förstern fordert der Landesverband in den nächsten vier Jahren. Die bereits zugesagten 200 Stellen sollten in fünf, nicht erst in zehn Jahren kommen. Gleichzeitig müssten der Personalabbau gestoppt und neue Forstwirte eingestellt werden. Nur so könne eine naturnahe und kleinflächigere Waldbewirtschaftung erfolgen. Insbesondere die 700 000 privaten Waldbesitzer in Bayern benötigten mehr Unterstützung und Beratung. Mehr Mittel müsse die Bayerische Forstverwaltung auch in die Forschung nach neuen Baumarten stecken. Außerdem gelte es die jagdlichen Rahmenbedingungen für die Waldverjüngung zu verbessern: "Der Waldumbau braucht engagierte Jäger", heißt es in der Resolution.

Die einzigartige Öko-Bilanz des Waldes sei unumstritten. "Doch nun muss der Klimaretter Wald selbst gerettet werden", fasst Lauterbauch die Situation zusammen. Biodiversität, Daseinsfunktion und Erholung: Alle Bedürfnisse auf einer Fläche zu befriedigen, darin liegt für Kolbeck die Herausforderung. Eine gute Mischung von Bewirtschaftung und sich selbst überlassenen Flächen könne den Öko-Rohstoff Holz auf Dauer erhalten.

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Bettina Knauth
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Veröffentlicht am:
27. 10. 2019
14:44 Uhr

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Bettina Knauth

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Veröffentlicht am:
27. 10. 2019
14:44 Uhr



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