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Der "Vater" des Grünen Bandes

Dr. Kai Frobel hat den Deutschen Umweltpreis erhalten. Damit wird das Lebenswerk des Naturschützers aus Hassenberg gewürdigt.



Kai Frobel 1979 im heutigen Grünen Band bei Schwärzdorf, einem Ortsteil der Gemeinde Mitwitz. Damals existierte noch die Grenze zur DDR.
Kai Frobel 1979 im heutigen Grünen Band bei Schwärzdorf, einem Ortsteil der Gemeinde Mitwitz. Damals existierte noch die Grenze zur DDR.  

Von seinem Zimmer aus hatte Kai Frobel in den 1970er Jahren einen direkten Blick auf die innerdeutsche Grenze. Er erkannte schnell, welcher Schatz sich im Todesstreifen, zwischen Stacheldrahtzahn, Streckmetall und Minenfeld, entwickelt hatte. Als Dreizehnjähriger begann er, die Vogelarten zu erkunden, die einen Steinwurf von seinem Elternhaus ungestört lebten, brüteten und zwitscherten. Er war von seinem naturkundlich interessierten Vater vorgeprägt, und - ganz wichtig: "Wir hatten Zuhause einen Fotoapparat."

Kai Frobel begab sich auf die Pirsch und bestimmte akribisch die Vogelarten im Grenzstreifen. Dabei richtete sich sein Interesse immer stärker auf seltene Arten, "über die ich an der Demarkationslinie regelrecht gestolpert bin", wie er heute berichtet. Er entdeckte das Braunkehlchen oder den nachtaktiven Ziegenmelker. Als 18-Jähriger schrieb er eine Arbeit über die Vogelwelt im Steinachtaler Grenzgebiet. Damit gewann er 1977 den ersten Preis im Wettbewerb "Jugend entdeckt Natur" des bayerischen Umweltministeriums. Bei der Arbeit handelte es sich um die erste systematische naturkundliche Erfassung in der Grenzregion.

Es war auch die Zeit der intensiven Flurbereinigungsmaßnahmen. Für den Naturschutz gab es nahezu kein Geld, "eine desolate Situation", wie Frobel heute meint. Einziger Rückzugsort für Flora und Fauna war ausgerechnet der Todesstreifen zwischen DDR und Bundesrepublik. "90 Prozent der seltenen Vogelarten haben dort gebrütet und kommen dort heute noch vor." Kai Frobel spricht von einem "einzigartigen ökologischen Rückgrat".

Zwischen 1979 und 1984 kartierte er die Vogelwelt im gesamten Coburger Land, im Steinach- und im Obermaintal "fast bis nach Bamberg". Dann kam 1989 völlig überraschend die Grenzöffnung. Ein Glücksfall nicht nur für die Nation, sondern auch für den Naturschutz. Sofort begannen Frobel, der mittlerweile schon für den Bund Naturschutz (BN) in Nürnberg tätig war, und seine Mitstreiter, Gleichgesinnte in der DDR zu suchen. Sie luden zu einem Treffen in Hof ein - und waren völlig überrascht, dass über 400 Naturschützer aus Ost und West kamen. Am Ende der Zusammenkunft stand eine einstimmig verabschiedete Resolution, die forderte, das "Grüne Band", wie Kai Frobel den Grenzstreifen nannte, für alle Zukunft zu sichern.

Wie es zu dem Namen kam? Kai Frobel schmunzelt: Mit 1400 Kilometer ist der ehemalige Grenzstreifen das längste Biotop Deutschlands, und es ist schmal - wie ein Band. "Und Grün ist die Farbe eines Biotops", so Frobel. Der Name war geboren.

In Hubert Weiger, dem heutigen BN-Vorsitzenden, fand der 58-Jährige, der 1997 am Lehrstuhl für Biogeografie an der Universität Bayreuth seine Doktorarbeit schrieb, einen starken Unterstützer. 2002 äußerten beide bei einer Veranstaltung im Thüringer Eichsfeld ihre Vision eines Grünen Bandes Europa. Es gelang, den ehemaligen sowjetischen Staatschef Michael Gorbatschow als Schirmherrn zu gewinnen. Damit war der Grundstein für eine einzigartige Initiative gelegt, in der sich heute 150 Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen aus 24 Staaten engagieren. Mittlerweile zieht sich das Grüne Band auf einer Länge von 12 500 Kilometern entlang des ehemaligen "Eisernen Vorhangs" durch ganz Europa. In dem Biotop leben allein in Deutschland über 1200 bedrohte Tier- und Pflanzenarten.

Dass er gemeinsam mit Hubert Weiger jetzt den Deutschen Umweltpreis - die renommierteste Auszeichnung ihrer Art in Europa - erhalten hat, nennt Kai Frobel ein "sehr starkes Signal" der Deutschen Bundesstiftung Umwelt für Menschen, die sich für Natur und Umwelt einsetzen. Bei der Preisverleihung in Braunschweig bezeichnete es Bundespräsident Walter Steinmeier als Glück, dass Kai Frobel bereits in den 1970er Jahren auf die Idee gekommen ist, aus einem "Band des Schreckens" mit Mauern, Stacheldraht und Minenfeldern ein "Grünes Band der Hoffnung" zu machen. Dank des Engagements von Hubert Weiger sei das "Band" bald nicht mehr nur eine deutsche, sondern eine europäische Idee geworden. Steinmeier: "Ich finde, unter den vielen Geschichten, die kursieren, ist das eine besonders schöne."

 
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Wolfgang Braunschmidt

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Veröffentlicht am:
03. 11. 2017
17:21 Uhr

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Wolfgang Braunschmidt

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03. 11. 2017
17:21 Uhr



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