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Coburg

Düstere Aussichten

Bei Gaudlitz streiten Gewerkschaft und Arbeitgeber über einen Sozialplan. Angeblich sollen 100 Stellen wegfallen. Die Verhandlungen sind erst mal beendet.



Bei Gaudlitz sind 100 Arbeitsplätze in Gefahr. Verhandlungen über einen sozialverträglichen Abbau der Stellen sind gescheitert. Gewerkschaft und Arbeitgeber beschuldigen sich gegenseitig.	Archivbild
Bei Gaudlitz sind 100 Arbeitsplätze in Gefahr. Verhandlungen über einen sozialverträglichen Abbau der Stellen sind gescheitert. Gewerkschaft und Arbeitgeber beschuldigen sich gegenseitig. Archivbild  

Coburg - "Wir interpretieren das so, dass bei Gaudlitz alle Arbeitsplätze vorerst gerettet sind", erklärt Jürgen Apfel. Dem Geschäftsführer der IG Metall in Coburg ist allerdings ins Gesicht geschrieben, dass er selbst nicht an die Worte glaubt, die er gerade sagt. Gaudlitz, da sind sich alle, die am Freitag im Gewerkschaftsbüro Platz genommen haben einig, ist in einer erheblichen wirtschaftlichen Schieflage.

Gaudlitz-Geschäftsführer: Sozialplan nicht an uns gescheitert

"Der Sozialplan ist nicht an uns gescheitert", erklärt Gaudlitz-Geschäftsführer Niels Roelofsen auf NP -Nachfrage. Das Unternehmen habe ein "sehr gutes Paket" vorgelegt, der Situation "absolut angemessen". Man habe sich auch extern beraten lassen. Aber am Ende der Verhandlungen hätte die Arbeitnehmervertretung immer noch mehr und mehr gefordert. "Hier hat die Vernunft ausgesetzt", meint der Geschäftsführer, der persönliche Animositäten vermutet, die auf dem Rücken der Belegschaft ausgetragen würden.

Die Krise der Automobilindustrie habe auch bei Gaudlitz zu verringerten Umsätzen geführt. "Wir haben keine Wachstumssituation in Deutschland", so Niels Roelofsen, es hagele ins Geschäft. Besonders starke Einbußen habe es in China gegeben, dort habe man schon im vergangenen Jahr reagiert. Seinem Gefühl nach sei man in Auslandsgesellschaften da etwas agiler. Fakt sei: Gaudlitz müsse in erheblichem Umfang Kosten einsparen, das Unternehmen müsse an die Lage angepasst werden.

"Unser Ziel ist es, den Großteil der Arbeitsplätze in Coburg zu erhalten", betont der Geschäftsführer. Er sei immer noch optimistisch. Es sei noch Zeit bis Montagabend, um zu einem Ergebnis zu kommen. "Wir können es noch hinbekommen", so der Gaudlitz-Manager.

mar

Trotzdem habe Gaudlitz-Geschäftsführer Niels Roelofsen am Donnerstag Verhandlungen über einen Personalabbau beendet und gegenüber Betriebsrat und Gewerkschaft erklärt, dass er von der gesamten Maßnahme Abstand nehme. Damit - so sieht das die IG Metall - seien Kündigungandrohungen vom Tisch. Erstmal.

 

Wo das hinführen soll? "Wir wollen da keine Prognosen abgeben", sagt Stephan Sartoris. Er ist der Rechtsberater der IG Metall und war die ganze Woche über in die Verhandlungen mit der Gaudlitz-Geschäftsführung eingebunden. Weil die Gespräche mit Roelofsen "nicht angemessen endeten", wollen Apfel und Sartoris nun an die Öffentlichkeit gehen, um ihre Sicht der Dinge zu schildern. Fakt sei, dass der Kunststoffteile-Hersteller aus Coburg Personal abbauen wolle. Nach Gewerkschaftsangaben geht es um den Verlust von rund 100 Arbeitsplätzen. 20 bis 25 könnten durch die Beendigung von befristeten Arbeitsverträgen sowie die vorzeitige Pensionierung von Mitarbeitern abgebaut werden. Knapp 80 Personen soll wohl eine betriebsbedingte Kündigung erhalten. Üblicherweise sprechen in so einem Fall die Vertreter der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite über einen Interessensausgleich, verhandeln über Abfindungen oder vereinbaren den Wechsel von Beschäftigten in eine Transfergesellschaft. Diese Routine sei auch im Fall von Gaudlitz angelaufen. Die Gewerkschaftsseite bemängelt, dass Gaudlitz-Geschäftsführer Niels Roelofsen die Verhandlungen erheblich behindert und am Ende abgebrochen habe, weil er wohl seine Ziele nicht habe durchsetzen können.

Als Beispiel nennen Apfel und Sartoris eine Liste mit Namen von Mitarbeitern, die angeblich auf freiwilliger Basis bei Zahlung entsprechender Abfindungen aus dem Unternehmen ausschieden sollten. Im Laufe der Verhandlungen hätte sich aber herausgestellt, dass von Freiwilligkeit nicht die Rede sein könne. Die Unternehmensleitung habe wohl die Namen der Mitarbeitern auf das Papier geschrieben, von denen sie sich besonders gern trennen würde - darunter auch zwei Betriebsratsmitglieder, die einen ganz besonderen Kündigungsschutz genießen. "Sozialplanverhandlungen sind kein Wunschkonzert des Arbeitgebers", echauffiert sich Jürgen Apfel.

Wie der IG Metall-Geschäftsführer weiter sagt, habe die Gewerkschaftsseite auch den Gang zur Einigungsstelle angestrebt, weil Gaudlitz nicht genügend Finanzmittel bereitgestellt habe, um Abfindungen zahlen zu können. Die Einigungsstelle ist ein betriebsverfassungsrechtliches Organ, das dann eingreift, wenn sich Arbeitgeber und Betriebsrat über die Höhe von Abfindungen und die Beendigung eines Arbeitsverhältnisses nicht einigen können.

Besonders schwer wiegt für Jürgen Apfel und Stephan Sartoris ferner die Tatsache, dass die Arbeitgeberseite nicht darstellen konnte, wie es nach einem Arbeitsplatzabbau für die restliche Belegschaft weitergehen solle. "Es reicht nicht über Umsatzrückgänge zu klagen", erklärt Apfel. Wichtig sei zu erfahren, welche Menge an Arbeit in der Zukunft vorhanden ist und wie sich das Unternehmen nach einer Umstrukturierung am Markt positionieren wolle. "Diese Fragen sind bis heute von der Unternehmensführung nicht beantwortet worden." Ein Unternehmensberater habe lediglich angedeutet, dass Gaudlitz in der Produktion von Kunststoffteilen einen Markt sehe. Für Stephan Satorius ist dieses Konzept fragwürdig: "Deutschland ist kein Produktionsstandort. Was fehlt ist eine Vision, wie man in Zukunft Geld verdient will." Deshalb sind sich Apfel und er einig in der Einschätzung, dass Gaudlitz allein durch einen Personalabbau nicht aus der finanziellen Schieflage herauskommen könne.

Wie es nach der Aufkündigung der Sozialplanverhandlungen nun bei dem Coburger Unternehmen weitergehen wird, ist für die beiden Gewerkschaftsvertreter unklar. Apfel: "Das wird eine Fahrt im Nebel."

Die IG Metall betrachtet die Verhandlungen mit Gaudlitz zunächst als beendet und wartet darauf, was Geschäftsführer Niels Roelofsen als nächstes tun wird. Viel Spielraum bleibe ihm nicht, meinen Apfel und Sartoris: "Betriebsbedingte Kündigungen kann er nicht aussprechen, weil dann wieder Verhandlungen über einen Sozialplan beginnen. Insolvenz kann er auch nicht anmelden, weil es einen Gewinnabführungsvertrag zum Mutterkonzern gibt, der in dem Fall finanziell einspringen muss." Als einzige Möglichkeiten blieben Geschäftsführer Roelofsen Einzelgespräche mit Beschäftigten über Aufhebungsverträge. Apfel und Sartoris warnen deshalb Gaudlitz-Mitarbeiter davor, ohne Beistand durch ein Betriebsratsmitglied in solche Verhandlungen zu gehen.

Obwohl die Aussichten für die Gaudlitz-Beschäftigten im Moment wahrlich nicht rosig sind, macht sich Betriebsratsmitglied Harald Januszewski für die Gaulitzianer stark: "Wir glauben an das Werk, an die Beschäftigten und an der Fortbestand des Unternehmen."

 
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Norbert Klüglein

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Veröffentlicht am:
27. 09. 2019
15:38 Uhr

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Norbert Klüglein

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Veröffentlicht am:
27. 09. 2019
15:38 Uhr



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