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Coburg

Ein Leben im Visier der Stasi

Markus Heckert ist in der DDR aufgewachsen. Inzwischen ist er Pfarrer und wird nicht müde zu erzählen, wie man dort versuchte, verdächtige Regimegegner wie ihn auszuschalten.



Pfarrer Markus Heckert ist eines der vielen Opfer des DDR-Regimes und erzählt in Vorträgen von dieser Zeit. Foto: Tischer
Pfarrer Markus Heckert ist eines der vielen Opfer des DDR-Regimes und erzählt in Vorträgen von dieser Zeit. Foto: Tischer  

Neustadt - Er ist Zeitzeuge und Mahner zugleich: Anlässlich des 30. Jahrestages der Grenzöffnung hatte man Markus Heckert in die kultur.werk.stadt geladen. "Insgesamt sind über mich wohl 8000 Seiten Stasi-Akten angefertigt worden", erzählt er und berichtet in Neustadt von seinem Leben in der DDR. In beeindruckender Offenheit beschreibt er die Repressalien, die er am eigenen Leib erfahren hat. Nicht anklagend, sondern auf Fakten beschränkt, nimmt er die Zuhörer dabei mit auf eine Reise, die man so nicht erlebt haben möchte.

Der Pfarrerssohn wurde 1966 in Gotha geboren und wuchs in Steinbach-Hallenberg im Thüringer Wald auf. "Mein Vater wechselte im Jahr 1964 von Westdeutschland in die DDR, um heiraten zu können", erzählt er. Bis zum Alter von 14 Jahren sei er in der Stasi-Akte des Vaters mitgeführt worden, bei dem das Regime vermutete, er sei als Nato-Agent damals aus Westdeutschland in die DDR übergesiedelt. "Es mündete in einer Totalüberwachung der gesamten Familie", weiß Heckert noch zu gut. Zunächst gab es für ihn keine Zulassung zum Abitur, dann wegen einer Intervention der Kirchenleitung doch . "Ein Mitschüler war aber als Spitzel auf mich angesetzt, dazu mehrere Lehrer. Während des Unterrichts wurde ich mehrmals festgenommen und verhört. Aber ich bin immer wieder davongekommen", berichtet er. 1984 schaffte er schließlich sein Abitur und wurde gleichzeitig mit einem absoluten Studierverbot, auch für Theologie, belegt. Es folgte die Einberufung zu den Bausoldaten (Dienst ohne Waffe). "Ein hauptamtlicher Spitzel wurde auch in der Kompanie installiert", so Heckert. 1986 folgte die Entlassung aus der Armee und Aufnahme eines Studiums an einer inoffiziellen kirchlichen Hochschule.

"Dabei gab es immer neue Zersetzungsmaßnahmen des Ministeriums für Staatssicherheit, mehrere Spitzel im allerengsten Freundeskreis waren auf mich angesetzt. 1988 habe ich die kirchliche Ausbildungsstätte verlassen müssen, und zwar nicht gerade freiwillig", prangert er an. "Es war die Strafe für das Engagement nach den Unruhen im Januar 1988 im Zusammenhang mit den Liebknecht-Luxemburg-Demos in Berlin. Ich habe damals Flugblätter gedruckt, ein Beweis hätte aber nur unter Offenbarung des Spitzels erfolgen können und da wollte man mich lieber weiter beobachten, hat aber meinen Rausschmiss an der kirchlichen Hochschule organisiert", erinnert er sich.

1989 im Sommer erfolgte der Umzug nach Jena, um im Stasi-Jargon dort gleich "Inspirator der politisch ideologischen Diversion und Exponent der politischen Untergrundarbeit" zu sein. Vom 6. bis 8. Oktober wurde er mit Hausarrest mit Bewachung belegt, am Abend des 8. Oktober organisierte er die ersten Fürbittandacht in Jena für die Inhaftierten. Bei der ersten Demo nahmen 5000 Menschen teil. Am 10. November 1989 sah er seine Eltern und seine Schwester wieder, die im Sommer ausgebürgert worden waren und in den Westen mussten. Am 4. Dezember organisierte Heckert die Besetzung der Kreisdienststelle des MfS in Jena und der Objektdienststelle der Stasi bei den Zeiss-Werken. Die Zusammenarbeit mit Roland Jahn, ehemaliger Jenenser und Journalist bei Kontraste, begann. Die Besetzung weiterer Dienststellen und Bunker folgten. "Ich wurde entsandt vom Neuen Forum in das Bürgerkomitee und ab Januar in der AG Sicherheit des Runden Tisches", so Heckert. Er arbeitete weiter in den Auflösungskomitees und studierte ab September 1990 Theologie in Jena. Seit 1997 war er Vikar und seit 2000 Pfarrer der evangelisch-lutherischen Kirche . Er ist verheiratet und hat vier erwachsene Kinder. "Ich bin heute glücklicher Dorfpfarrer in Hinternah mit den Orten Silbach, Schleusingerneundorf, Oberrod, Waldau, Steinbach, Langenbach und Wiedersbach", zeigte er seinen weiteren Werdegang auf. Seine Eltern leben immer noch in Hessen.

"Ich leide seit einigen Jahren an einer Autoimmunerkrankung, eine sogenannte Small Fibre Neuropatie", erklärte er, warum er sich bei seinem Vortrag auf einen Stock stützen muss. Bei dieser Krankheit werden die Nerven langsam zerstört. "Das bewirkt einige Einschränkungen, aber noch kann ich arbeiten", erklärt Hackert. Die Ursache der Krankheit sei unklar, es gebe aber Vermutungen und Indizien, dass sie in der DDR-Zeit begründet liege. "Nur gibt es keine Möglichkeit, irgendwas zu beweisen", erklärt er.

Autor

Peter Tischer
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Veröffentlicht am:
27. 09. 2019
15:32 Uhr

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Autor

Peter Tischer

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Veröffentlicht am:
27. 09. 2019
15:32 Uhr



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