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Coburg

Gedenken an Tag der Erlösung

Unweit von stillen Zeitzeugen wird im Garten der kultur.werk.stadt Neustadt an das Kriegsende vor 75 Jahren erinnert. Das Jubiläum muss ohne große Feier auskommen.



Vor einem Rest der einstigen innerdeutschen Grenze erinnern Landrat Sebastian Straubel, der evangelische Dekan Stefan Kirchberger, Neustadts Oberbürgermeister Frank Rebhan und Ebersdorfs Bürgermeister Bernd Reisenweber (von rechts) an die Geschichte. Fotos: P. Tischer
Vor einem Rest der einstigen innerdeutschen Grenze erinnern Landrat Sebastian Straubel, der evangelische Dekan Stefan Kirchberger, Neustadts Oberbürgermeister Frank Rebhan und Ebersdorfs Bürgermeister Bernd Reisenweber (von rechts) an die Geschichte. Fotos: P. Tischer  

Neustadt - Am 8. Mai 1945 endet der Zweite Weltkrieg. Als die Waffen endlich schwiegen, waren mehr als 60 Millionen Menschen tot. Gefallen an der Front, ermordet in Konzentrationslagern, verbrannt in Bombennächten, gestorben an Hunger, Kälte und Gewalt auf der großen Flucht.

Seit 75 Jahren gedenkt man der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht und in diesem Jahr darf auch die Corona-Krise diesem "Tag der Befreiung" die Bedeutung nicht verwehren. So gedachte man im Garten der kultur.werk.stadt, nahe von stillen Zeitzeugen wie der ehemaligen Grenzmauer zwischen beiden deutschen Staaten diesem bedeutenden Tag. "Öffentliche Feiern zum 75-jährigen Gedenktag des Kriegsendes am 8. Mai sind nicht möglich. Dennoch will das Dekanat den Anlass nicht ohne Öffentlichkeit vorübergehen lassen", mahnte Dekan Stefan Kirchberger und rief zu einem Gottesdienst auf, der auch für das Fernsehen nectv aufgezeichnet wurde.

"Wir kommen heute, am 8. Mai 2020 in Neustadt bei Coburg im Garten der kultur.werk.stadt zusammen. Der Ort zeigt Relikte der jüngeren deutschen Geschichte, die es ohne die Katastrophe des 2. Weltkrieges nicht gegeben hätte. Wir begehen heute den 75. Jahrestag des Endes dieses 2. Weltkriegs. Wir sind dankbar für eine nie gekannte Epoche des Friedens in Deutschland und in Europa. Wir erkennen unsere bleibende Verantwortung für eine menschliche Gesellschaft, für den Rechtsstaat und Demokratie. Eine bleibende Verantwortung für die Aufklärung und Aufarbeitung von Fragen nach Verantwortung und Schuld an und in diesem Krieg. Eine bleibende Verantwortung für das Existenzrecht Israels", führte Kirchberger ein.

Es erinnerten der Landrat des Landkreises Coburg Sebastian Straubel, Oberbürgermeister Frank Rebhan, als Vertreter des Bayerischen Gemeindetages dessen Vorsitzender Bürgermeister Bernd Reisenweber (Ebersdorf), als Vertreter der Ditib, der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion als die größte islamische Organisation in Deutschland ihre Vertreter Imam Osman Harbi und Übersetzer Ramazan Kurt, für die evangelisch-lutherische Kirche in Stadt und Land Coburg Dekan Stefan Kirchberger sowie Peter Fischer, Leitender Pfarrer des katholischen Seelsorgebereich Coburg Stadt und Land.

Gedacht wurde dem Überfall auf Polen am 1. September 1939, mit dem der Zweite Weltkrieg seinen Lauf nahm, dem Artikel 25 der Haager Landkriegsordnung, der sagt: "Es ist untersagt, unverteidigte Städte, Dörfer, Wohnstätten oder Gebäude, mit welchen Mitteln es auch sei, anzugreifen oder zu beschießen". Sie gedachten der Toten wie der Überlebenden, bei denen das Erlebte bleibend eine tiefe Wunde hinterließ. Sie trugen und tragen die Wunden des Krieges ihr Leben lang. Die damals Kinder waren, sind heute um die 80 Jahre alt. 80 Jahre sind ein Menschenleben.

"Mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht, die für den 8. Mai 1945 ab 23.01 Uhr die Einstellung aller Kampfhandlungen vorsah, endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Aus deutscher Sicht damals war dieser Tag eine Niederlage. Heute erkennen wir: Der Tag war geradezu eine Erlösung von Unmenschlichkeit, Unrecht und Krieg des national-sozialistischen Regimes, mitgetragen von einem Großteil der Bevölkerung", so Dekan Kirchberger.

Fischer erzählte eine Geschichte, wie sie sich in deutschen Haushalten nach dem Krieg abgespielt haben könnte: Der Vater in Gefangenschaft, danach ein recht holpriges Miteinander. Nach dessen Tod dann die Offenbarung der Ehefrau, dass eine Tochter aus einer Liaison mit einem französischen Zwangsarbeiter entstammt.

Rebhan bringt die Geschichte der Freiheitsglocke im Rathaus Schöneberg zum Besten: "Über 16 Millionen Amerikaner spendeten für den Guss der Glocke und unterzeichneten den Freiheitsschwur: Ich glaube an die Unantastbarkeit und an die Würde des einzelnen Menschen. Ich glaube, dass allen Menschen von Gott das gleiche Recht auf Freiheit gegeben wurde. Ich schwöre, der Aggression und der Tyrannei Widerstand zu leisten, wo immer sie auf Erden auftreten werden." Die Unterschriftenlisten, verpackt in Originalpaketen mit den Losungen "crusade for freedom” und "fight communism”, werden seitdem in einer Kammer im Rathauses Schöneberg aufbewahrt.

Der Iman rezitiert eine Friedenssure und Ramazan Kurt überträgt diese: "Wir haben keine endgültigen Antworten auf die Frage nach dem Bösen im Herzen der Menschen, aber wir müssen die Fragen stellen. Leidenschaftlich und hartnäckig. Um zu lernen, dem Bösen zu widerstehen, das immer wieder auftaucht. Rassismus. Die Angst vor dem Fremden. Nationalismus. "Wir zuerst", Grenzen zu, Mauern hoch. Dagegen kommen wir zusammen. Wir brauchen einander für den Frieden. Die Gesichter der Nächsten. Die sich gemeinsam himmelwärts richten. Wir kommen zusammen, mit Trauer im Herzen, mit der Sehnsucht nach Frieden. Auch mit Dankbarkeit für den Frieden, den wir erleben dürfen."

Schließlich legen Straubel und Reisenweber eine Blumenschale vor einem Relikt der früheren deutschen Gesichte, der ehemaligen Grenzmauer, nieder. Musikalisch umrahmten Johanna Heunisch und Wolfgang Friedrich unter anderem mit der "Ode an die Freude"die Gedenkveranstaltung.

Gefördert wurde die Veranstaltung vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie leben!" durch die Koordinierungs- und Fachstelle der Partnerschaft für Demokratie im Landkreis.

Autor

Peter Tischer
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
10. 05. 2020
16:02 Uhr

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Peter Tischer

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10. 05. 2020
16:02 Uhr



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