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Coburg

Gerhard Amend und sein Leben als Richter

Beim Redaktionstalk "Punkt 7" spricht Gerhard Amend, langjähriger Vorsitzender Richter am Landgericht Coburg, erstmals über spektakuläre Fälle, die Suche nach der Wahrheit und warum man auch von ihm nie Gerechtigkeit erwarten konnte.



Seit dem 1. Dezember offiziell im Ruhestand: Der frühere Vorsitzende Richter Gerhard Amend. Fotos: Frank Wunderatsch
Seit dem 1. Dezember offiziell im Ruhestand: Der frühere Vorsitzende Richter Gerhard Amend. Fotos: Frank Wunderatsch   » zu den Bildern

Er wünscht sich Weißwein zur Veranstaltung - Fränkischen, natürlich. Für sich und für seine Gäste. Dass man ihm diesen Wunsch erfüllt, hier, wo sonst nur Wasser und Saft ausgeschenkt wird, zeigt, wie viel Gewicht sein Wort hat. Als Richter, als Stadtrat, als Mensch. "Wer Coburg kennt, kennt Gerhard Amend." Schon die einleitenden Worte von Wolfgang Braunschmidt, dem Redaktionsleiter der Neuen Presse , sagen eigentlich alles über den Mann, der 17 Jahre lang das Gesicht des Coburger Landgerichtes war.

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Ein Gerhard Amend nimmt kein Blatt vor den Mund. Das wissen Kollegen und Freunde genauso wie Angeklagte, der politische Gegner und sogar Journalisten. Wenn er seine Stimme erhebt, kann ein Unwetter aufziehen. Ob es mit Blitz und Donner daherkommt oder im letzten Moment doch wieder abzieht, liegt ganz an seinem Gegenüber. Denn Amend kann sich auf Menschen einstellen. Er spricht so, dass er verstanden wird. "Rustikal" meinen die einen, "angemessen" findet er selbst. "Meine Sprache war in vielen Fällen auch Türöffner, dass Menschen in Kommunikation mit mir getreten sind", ist sich der 65-Jährige sicher. "Wenn man eine gehobene juristische Sprache spricht, und unten sitzt jemand aus dem sogenannten gemeinen Volk, der wird sich nicht mit dem, der auch noch höher sitzt, über seine Probleme unterhalten."

 

Amends besonderes Gespür für Menschen sei es gewesen, das verstummte Angeklagte dann doch noch dazu gebracht habe, auszusagen. Ein Lob, das man in den letzten Wochen häufig von Wegbegleitern des scheidenden Richters gehört hat.

 

Denn seit dem 1. Dezember hat er die schwarze Robe gegen Freizeitkleidung eingetauscht. Um einiges später als eigentlich geplant. "Weil ich mich noch ein wenig vor der Hilfe im Haushalt drücken wollte", sagt Amend. Weil man ihn überzeugt hat, noch einen Mammutprozess über die Bühne zu bekommen, sagen die, die es wissen müssen. Der Schlachthofprozess im Mai 2015 gehörte zu den bedeutendsten Verhandlungen in seiner Amtszeit. Auch, weil Amend erstmals nicht nur als Richter, sondern auch als Person in den Fokus der Medien rückte. "Ich fand es ungeheuerlich, was da passiert ist", sagt er noch heute entrüstet und meint jenen Leserbrief des Redaktionsleiters von Quer (Bayerischer Rundfunk ), der an die lokale Presse ging. Darin wies dieser zurück, dass die Medien - wie von Gerhard Amend bei der Urteilsverkündung kritisiert - eine Vorverurteilung der Beschuldigten vorgenommen haben. "Das war einmalig in der Rechtsgeschichte", so der Richter.

 

1950 in Wasmuthhausen, einem Ortsteil von Maroldsweisach im Landkreis Haßberge geboren, kam er eigentlich nur über Umwege ans Coburger Landgericht. "Ich bin nicht Strafrechtler aus Leidenschaft geworden; ich bin da so reingeschlittert", gibt er zu. Anfang der 80er Jahre hätte er sich mit Demografie beschäftigt, "damit, wie der ländliche Raum entvölkert wird." Doch dann hätte man ihn, den studierten Rechtswissenschaftler, zur Staatsanwaltschaft nach Bamberg geschickt, "weil dort eine Stelle frei gewesen ist."

 

In Coburg war er später dann jener, der als erster Richter Tritte gegen den Kopf als Tötungdelikt geahndet hat. Sogar Peter Betz, einer der renommiertesten bayerischen Gerichtsmediziner, lobte ihn dafür. "Auslöser waren die U-Bahn-Verfahren", erinnert sich Amend an jene brutalen Gewalt-Attacken, unter anderem in München, die für Entsetzen gesorgt hatten. "Die Aufnahmen der Videokameras zeigten damals, dass die Hemmschwelle der Täter gesunken war. Es musste eine neue Bewertung vorgenommen werden."

 

Auch in Coburg sei es damals zu schweren Straftaten - vor allem im Steinweg - gekommen. Dass sich die Situation mittlerweile entspannt habe, sei auch auf das konsequentere Durchgreifen von Polizei und Justiz zurückzuführen. "Hier hat ein Umdenken eingesetzt."

 

Obwohl Totschläger und sogar Mörder in seinem Gerichtssaal saßen, "Angst habe ich nie gehabt." Wohl aber Gefühle, die sich bis heute nicht abschütteln ließen. Zum Beispiel die Ohnmacht, "wenn man jemanden freisprechen muss, von dem man weiß, dass er schuldig ist", sagt Amend und erinnert sich an einen Fall von sexuellem Missbrauch, bei dem die traumatisieren Opfer weder über Ort, Zeit noch Tathergang Auskunft geben konnten. Daher sei das Urteil ergangen, dass es zwar zu sexuellen Handlungen gekommen sei, eine Verurteilung jedoch nicht möglich war. Wie man gegenüber Betroffenen argumentiert, dass man als Richter die Rechtssprechung einzuhalten hat, während für das Volk die gerechte Strafe anders aussieht? "Ich sage den Menschen immer: Gerechtigkeit können Sie nicht erwarten, nur ein Urteil."

 

Gerade jene Prozesse, in denen Kinder zu Opfern wurden, sind es, die dem 65-Jährigen präsent bleiben werden. "Ich habe Bilder gesehen, die will niemand sehen", bekennt er. Und auch der Fall eines kleinen Jungen, der nur als Zeuge geladen war und während der Verhandlung unter Tränen plötzlich offenbarte, dass er selbst auch ein Opfer des wegen sexuellem Missbrauchs Angeklagten war, ließe ihn nicht los. "Als ich ihn fragte, warum er das erst jetzt hier im Saal erzählt, meinte er, ich hätte ihm doch erklärt, vor Gericht muss man die Wahrheit sagen."

 

Ob Betrugsverfahren Monika M. ("Mit 59 Verhandlungstagen das längste am Landgericht"), der Jerry-Prozess oder der Mord von Beiersdorf - 17 Jahre lang war Gerhard Amend in Coburg auf der Suche nach der Wahrheit und "kein einziger meiner Prozesse ist jemals geplatzt." Er hat Urteile gefällt, die zwar nicht immer unumstritten, dafür aber umso mehr beachtet waren. Die Fußstapfen, die er hinterlässt, sind riesig. Tipps will er jenen, die sie füllen sollen, nicht geben. Nur so viel: "Jeder muss seinen eigenen Stil finden. Mich kann man eh nicht kopieren."

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Von Steffi Wolf
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Veröffentlicht am:
08. 12. 2015
00:00 Uhr

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Von Steffi Wolf

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08. 12. 2015
00:00 Uhr



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