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Coburg

Herrin der Pfeifen

Merle Roßner ist die einzige Orgelbauerin und die einzige Orgelsachverständige in Bayern. Ihren Traum hat sich die Münchbergerin hart erkämpft.



Klang-Magie: Merle Roßner spielt nicht nur gerne für Besucher, sie genießt es auch, wenn sie allein mit der Orgel ist, wie hier in der Ahornberger Kirche. Foto: cs
Klang-Magie: Merle Roßner spielt nicht nur gerne für Besucher, sie genießt es auch, wenn sie allein mit der Orgel ist, wie hier in der Ahornberger Kirche. Foto: cs  

Münchberg - "Frauen gehören nicht in diesen Beruf!" Ein Satz wie eine Keule. Merle Roßner hat ihn oft gehört und Ablehnung zu spüren bekommen. Aber sie hat sich nicht unterkriegen lassen und ist in zwei Männerdomänen vorgedrungen. Als Orgelsachverständige tourt sie durch den Freistaat.

Die Liebe zum Instrument hat sie als Schülerin in ihrer Heimat München entdeckt. Da sang sie im Kirchenchor. "Orgel zu spielen war für mich die Belohnung nach den Hausaufgaben." Durch Zufall bekommt sie damals mit, dass an der Restaurierung des Instruments, auf dem sie so gern spielt, eine Frau mitgearbeitet hat. Ein Schlüsselerlebnis. "Von da an wusste ich, dass ich das lernen will." Sie bewirbt sich bei drei Orgelbau-Betrieben und bekommt eine Lehrstelle. "Von Anfang an mitzuerleben, wie so ein Instrument entsteht, ist unheimlich spannend." Was Merle Roßner auch fasziniert: Bei einer Restaurierung arbeiten die Orgelbauer mit den Materialien und den Werkzeugen aus der Zeit, in der die Orgel entstanden ist. Zum Beispiel mit Tierknochen-Leim.

Der Beruf macht ihr riesigen Spaß - doch im Betrieb fühlt sie sich ausgeschlossen: "Einzige Frau, einzige mit Abitur, als einzige evangelisch." Auch in der Berufsschule sitzt sie nur neben Männern, die beiden Mitschülerinnen, die anfangs noch dabei sind, brechen die Lehre ab.

Obwohl Merle Roßner ihre Ausbildung als Landessiegerin abschließt, fragt sie der damalige Chef, ob sie nicht lieber Kirchenmusik studieren möchte. Sein Argument: "In den Kirchen ist es kalt und es gibt dort keine Toiletten - das ist nichts für Frauen."

Und so studiert sie Kirchenmusik in Bayreuth. Dabei lernt sie die Arbeit eines Orgelsachverständigen kennen und will ihn am liebsten auf einer Tour begleiten. Er lehnt ab, der Wunsch aber bleibt in ihr.

2003 tritt sie ihre erste Stelle als Dekanatskantorin in Dinkelsbühl an und kann nebenbei noch bei einem Orgelbauer arbeiten. Dort beschließt sie, die zweijährige Ausbildung zur Sachverständigen zu starten. Sie lernt alles über Orgel-Stile, Baugeschichte oder Pfeifensignaturen. Und wieder behauptet sie sich in einer Männerdomäne.

Heute ist die 47-Jährige hauptsächlich in oberfränkischen Kirchen unterwegs, weil sie 2006 der Liebe wegen nach Münchberg gezogen ist. Die Instrumente, die sie untersucht, eint zurzeit ein großes Problem: Schmutz und Schimmel. Der Pilz entsteht, wenn die Orgel nicht regelmäßig gereinigt wird. Dann wächst darauf Schimmel, weil Kirchen heute zwar gut zu heizen, aber nicht immer gut zu lüften sind. Zieht die Feuchtigkeit nicht ab, lässt sie sogar in den Holzpfeifen den Pilz sprießen. Das schadet der Substanz und dem Klang. Auch die Extreme des Klimawandels machen dem Instrument zu schaffen: In Wüstenselbitz ist im vergangenen Sommer die Orgel wegen Trockenheit ausgefallen, heuer hat die Sachverständige dort 90 Prozent Luftfeuchtigkeit gemessen.

Wenn die Orgel nicht mehr klingt, wie sie soll, muss die Fachfrau ran. Im Schnitt ist sie pro Monat bis zu acht Mal in Kirchen unterwegs, um Instrumente in Augenschein zu nehmen. Dann erstellt sie Gutachten, leitet die Ausschreibung, vergleicht Angebote und empfiehlt Gemeinden, wie sie vorgehen sollen. Zurzeit betreut sie 25 Projekte parallel.

Schon die kleinsten Arbeiten in einem Gotteshaus können der Königin der Instrumente Schaden zufügen - zum Beispiel Staub vom Fensterabschleifen. Weil sich jede Gemeinde einen klaren Klang im Gotteshaus wünscht, wenden sich die Pfarrer an den Landeskirchendirektor, der den Sachverständigen dorthin schickt.

Der Klang ist Merle Roßners Auftrag, und die Magie des Klangs hat sie schon als Schülerin gespürt. Sie liebt es, auch einmal ganz allein in der Kirche zu spielen. Als zweifache Mutter sind die Gelegenheiten rar. Neulich aber hatte sie Glück: "Ich kam aus Versehen eine Stunde zu früh zu einem Besichtigungstermin und hatte das Instrument ganz für mich." Ihr gefällt die Vielseitigkeit der Orgel. "Man kann mit ihr ein singendes Kind begleiten, aber auch die ganze Kirche zudröhnen."

Als Organistin in Ahornberg spielt sie bei den sonntäglichen Gottesdiensten und versucht, die Kirchgänger zum Singen zu animieren. Mit ihrer Musik will sie ein Klangbett legen. "Die Orgel muss die Gemeinde tragen, darf sie aber nicht zudecken." Ob den Besuchern gefällt, was sie hören, merkt Merle Roßner nur am Gesang.

Applaus erhalten Organisten im Gottesdienst bekanntlich selten. In der Osternacht, um 5 Uhr, in der Erkersreuther Kirche, hat ihr jedoch jemand auf die Schulter geklopft und ihr Spiel gelobt. "Das hat gutgetan."

Autor

Claudia Sebert
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
20. 05. 2019
18:46 Uhr

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Claudia Sebert

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Veröffentlicht am:
20. 05. 2019
18:46 Uhr



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