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Coburg

Hüter historischer Schätze

Kunstwerke, Bücher und Urkunden wurden gegen Ende des Zweiten Weltkriegs vor den Bomben in Sicherheit gebracht. Auch in der Region lagerte Wertvolles, etwa die Goldene Bulle.



Wichtiges Ausweichquartier der Frankfurter Bibliotheken während des Krieges: das untere Schloss in Mitwitz.
Wichtiges Ausweichquartier der Frankfurter Bibliotheken während des Krieges: das untere Schloss in Mitwitz.   » zu den Bildern

Neustadt/Mitwitz - Die Bilder sind bekannt aus unzähligen Fernsehdokumentationen über das Ende des Zweiten Weltkrieges: Lastwagen, Soldaten und Kisten voller Kunstgüter in Kellern, Stollen oder Scheunen. Stattgefunden hat das nicht weit weg. Auch im Raum Neustadt und Sonneberg waren während des Krieges Kunstschätze, Bücher, Urkunden und andere Dokumente vor den Bombardements der Alliierten in Sicherheit gebracht worden. Über jene "Schatzhäuser" sprach kürzlich Heinz Pfuhlmann vor einem interessierten Publikum in Neustadt. Die Bezirksgruppe Sonneberg/Neustadt des Geschichtsvereins Colloquium Historicum Wirsbergense (CHW) hatte dazu in die Neustadter kultur.werk.stadt eingeladen.

"Viele wussten mehr, als sie zugeben wollten", beschreibt der Heimatforscher die Schwierigkeiten seiner Recherchen. Seine Heimat ist der Landkreis Lichtenfels, das Kloster Banz liegt dort vor der Haustür und die Ereignisse des Kriegsendes hatten ihn eher zufällig auf die Spur der "Schatzhäuser" gebracht. Es folgten Gespräche mit Zeitzeugen, die Suche in unzähligen Archiven und verstreute Hinweise aus der Literatur.

Die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs und die Zerstörungen von Kulturdenkmälern zwischen 1914 und 1918 hatten alle europäische Staaten Vorkehrungen treffen lassen, nicht nur identitätsstiftende Kulturgüter in Sicherheit zu bringen. Oberfranken sei ein wichtiges Gebiet gewesen, weit entfernt von der Reichweite alliierter Flugzeuge, aber auch ausgestattet mit Burgen, Schlössern und anderen Liegenschaften, die ausreichend "Stauraum" boten. Freilich, der Raum wurde schon Anfang des Krieges knapp und, wie Pfuhlmann betont, die unterschiedlichsten Institutionen konkurrierten um diese "Schatzhäuser". Bei Weitem nicht nur herrschaftliche Gebäude wie die Schlösser in Mitwitz und Almerswind bargen diese "Schätze", sondern auch Bauernhöfe und Wirtshaussäle oder ganz profane Nebengebäude mussten genutzt werden. Manches lief geplant, anderes über persönliche Kontakte.

Friedrich Knorr (1904-1978), der ab 1943 die Auslagerung der Bibliotheken in Frankfurt am Main leitete, erinnerte sich an die Möglichkeiten in der Umgebung seiner Heimatstadt Neustadt bei Coburg. So ist es kein Zufall, dass Mitwitz und sein Wasserschloss für wenige Jahre Heimstatt zahlreicher Buch-Schätze wurden. Aber auch in der Umgebung kamen wertvolle Handschriften und Drucke unter, darunter im Almerswinder Schloss und einem Heubischer Wirtshaus. Verbunden war die "Außenstelle" der großen Frankfurter Bibliothek mit einer, für die Kriegs- und Nachkriegszeit, skurrilen Situation. "Der Leihverkehr ging nämlich weiter", weiß Pfuhlmann. Bibliothekarinnen wickelten die Geschäfte ab, verpackten die Bücher und brachten sie an die Entleiher.

War das von den Einheimischen wahrgenommen worden, so wussten nur ganz wenige von einem höchst prominenten Dokument. "Den Kontakten von Friedrich Knorr ist es zweifellos zu verdanken, dass das Frankfurter Exemplar der berühmten Goldenen Bulle Karls IV. unter strikter Geheimhaltung in den Tresor der Neustadter Sparkasse gebracht wurde", sagt Pfuhlmann. Mitbekommen haben dies die Einheimischen nicht und auch in den Nachkriegsjahrzehnten blieb weitgehend unbekannt, dass das Grundgesetz des spätmittelalterlichen Deutschen Reiches, abgebildet in jedem Geschichtsbuch über diese Zeit, auch einmal in Neustadt gelegen hat.

Wie hoch denn die Verluste waren, wollte einer der Besucher der Veranstaltung wissen. "Erstaunlich gering, angesichts der großen Menge an Objekten im Promillebereich", erläutert Pfuhlmann. Dabei war die gefährlichste Zeit das unmittelbare Kriegsende und die Nachkriegswochen. Während dieser "herrschaftslosen" Zeit seien die größten Verluste entstanden. Auf der Kulmbacher Plassenburg wurden die Depots geplündert, und in Unterfranken gingen aufgrund eines Missverständnisses Kulturgüter in Flammen auf.

Trotzdem kam der Großteil nach dem Kriegsende wieder an seinen Platz in Archiven, Bibliotheken und Museen. "Großen Verdienst haben daran die Kunstschutzoffiziere der Amerikaner", betont der Heimatforscher. Relativ rasch hätten sich diese Monuments Men, wie sie innerhalb der Besatzungskräfte hießen, um die Rückführung bemüht. Im Raum Neustadt entfalteten sie dabei eine besondere Geschwindigkeit. "Möglicherweise traute man auch der Zuordnung des Coburger Landes zur amerikanischen Zone nicht", bemerkt Pfuhlmann. In hastigen Aktionen seien aus Almerswind und Heubisch so Handschriften über die Demarkationslinie "geschmuggelt" worden, in Meilschnitz gab es dafür eine Art Zwischendepot.

Auf diesem Weg scheinen auch einzelne äthiopische Handschriften aus Frankfurter Bibliotheksbesitz verloren gegangen zu sein, die erst Jahre nach Kriegsende wieder auftauchten. Eine Kiste ging in Meilschnitz verloren, wie der Autor Bernhard Tönnies recherchierte. 2016 publizierte er die Recherchen zum Verbleib der wertvollen koptischen Handschriften.

1950 gab ein Mann einzelne Handschriften zurück, die er im Juli 1945 - während des Besatzungswechsels - aus einer aufgebrochenen Kiste zwischen Mitwitz und Neustadt mitgenommen hatte. Einzelne Handschriften gelten jedoch bis heute als verschollen. Und die Goldene Bulle? Diese kehrte wieder nach Frankfurt zurück. Über ihren kurzzeitigen Aufenthalt im Neustadter Sparkassen-Safe ist bis heute nur wenig bekannt.

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Thomas Schwämmlein
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Veröffentlicht am:
17. 02. 2020
17:58 Uhr

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Thomas Schwämmlein

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Veröffentlicht am:
17. 02. 2020
17:58 Uhr



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