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Coburg

In der U-Haft kam die Einsicht

Ein 21-Jähriger hat eine Tankstelle überfallen. Im Gefängnis erkennt er seine Probleme. Das Urteil ist eine Chance für ihn.



Coburg - Eine Chance nannte der vorsitzende Richter Christopher Gillot das Urteil, das einen 21-Jährigen aus Ebersdorf für drei Jahre in Jugendhaft und zum Drogenentzug schickt. Der junge Mann hatte im März mit Totenkopfmaske und Waffe eine Tankstelle im Weichengereuth überfallen und dabei knapp 900 Euro erbeutet. Weil Gutachter ihm mangelnde Reife bescheinigten und er zum Zeitpunkt des Überfalls erst 20 Jahre alt war, urteilte die 1. große Jugendkammer des Landgerichts Coburg nach Jugendstrafrecht.

Der Angeklagte berichtete von einer bewegten Jugend. Nachdem sich seine Eltern früh getrennt hatten, war er mit seiner Mutter etliche Male umgezogen. Bis nach Sachsen führte ihn die Odyssé. Mit den neuen Wohnorten sei stets auch ein Schulwechsel und ein Austausch des kompletten Umfeldes verbunden gewesen. Drogen begleiteten ihn früh, mit zwölf habe er begonnen zu trinken, wenig später seien Cannabis, Crystal und Ecstasy hinzugekommen. Mit 17 lieferte er sich nach einem heftigen Drogenrausch selbst in die Kinder- und Jugendpsychiatrie ein. Trotz alledem habe er es geschafft, die Schule mit dem qualifizierenden Hauptschulabschluss abzuschließen und eine Lehrstelle bei der HUK zu ergattern. Die Ausbildung brach er allerdings ab und begab sich in einen Entzug, den er auch nicht beendete. Er sei zu seiner Mutter gezogen, allerdings sehr bald in den Raum Coburg zurückgekehrt. Die Versicherung habe ihm sogar angeboten, die Ausbildung zu beenden. Aber auch das scheiterte.

Der Angeklagte habe sich mit verschiedenen Jobs durchgeschlagen und sei mal hier und mal da untergekommen. Zum Zeitpunkt der Tat habe er bei seiner Mutter gelebt, die wieder nach Ebersdorf zurückgekehrt war. Aufgehalten habe sich der 21-Jährige bei Freunden in Coburg. Er bezog weder Arbeitslosengeld noch anderes Einkommen. Drogen habe er da schon seit längerer Zeit wieder genommen, vor allem Cannabis. Wenige Tage vor der Tat habe der junge Mann erfahren, dass er ins Gefängnis muss, weil er die Bewährung aus einem anderen Verfahren verwirkt hatte. Richter Gillot schilderte, dass sich der Angeklagte die Maske und die Soft-Air-Pistole bereits lange vor der Tat besorgt hatte. Den Entschluss zur Tat habe er schließlich an dem Nachmittag im März gefasst. Er habe auch die auffälligen Schuhe und seine Jacke ausgezogen und sei bei winterlichen Temperaturen in Strümpfen zum Tatort gegangen.

In der Tankstelle traf der Angeklagte in den späten Abendstunden auf einen 57-jährigen Angestellten, der gerade dabei war, die Kaffeemaschine zu reinigen und danach ein Brötchen verspeisen wollte. "Das war ein komisches Gefühl als er da maskiert und mit vorgehaltener Waffe in die Tankstelle kam", sagte der Zeuge. Der Täter habe von ihm das Geld aus der Kasse gefordert. Zunächst habe ihm der 57-Jährige nur einige 50-Euro-Scheine auf die Theke gelegt, damit sei der 21-Jährige aber nicht zufrieden gewesen. "Deswegen habe ich ihn schließlich in die Kasse greifen lassen", so der Angestellte weiter, der nach eigener Aussage keine psychischen Schäden davongetragen hat. Mit der Beute sei der Täter dann geflohen, Polizeibeamte fanden nach einer knapp einstündigen Fahndung 825 Euro bei ihm. Wobei der Angeklagte nicht ausschließen konnte, dass er auf seiner Flucht Geld verloren hatte. Der Polizei hatte er sich selbst gestellt. Die als Zeugen geladenen Beamten sagten aus, dass er bei der Festnahme weder Schuhe noch Jacke trug - und entsprechend fror.

Im Gerichtssaal war es dem Angeklagten wichtig, sich bei dem Tankstellen-Mitarbeiter zu entschuldigen. Er habe erst in der Untersuchungshaft realisiert, was er da getan habe. Er sehe jetzt ein, dass er süchtig ist und dringend eine Therapie nötig hat, die er auch beenden wolle, denn: "Ich möchte gerne alt werden." Im Gefängnis habe er deswegen bereits Kontakt zu einem Drogenhilfe-Verein aufgenommen, die ihm zu einer stationären Therapie riet. Die Tat hatte er bereits am ersten Verhandlungstag gestanden.

Richter Gillot war es am Montag wichtig zu klären, ob der 21-Jährige noch nach Jugendstrafrecht zu verurteilen sei. Das befürworteten sowohl der psychiatrische Gutachter als auch die Jugendgerichtshilfe. Beide bescheinigten dem jungen Mann mangelnde Reife, die auf die vielen Umzüge in seiner Jugend zurückzuführen sei. Ihm mangele es obendrein an einer realistischen Perspektive für die Zukunft. Dies könne, warf Gillot ein, auch auf den Drogenkonsum des jungen Mannes zurückzuführen sein. Letztlich sei aber nicht zu klären, wie es nun wirklich ist - und so fällte das Gericht sein Urteil nach Jugendstrafrecht.

Der Staatsanwalt forderte drei Jahre und drei Monate Jugendhaft und einen Drogenentzug. Dem schloss sich im Wesentlichen auch der Verteidiger an. Gillot verurteilte den 21-Jährigen zu drei Jahren Jugendhaft und einem Drogenentzug. Der werde 18 Monate lang dauern. Nach der Zeit in der Klinik werde der Angeklagte Schritt für Schritt in die Bewährung entlassen. In das Urteil floss auch eine bereits ausgesprochene Strafe ein, deren Bewährung der Angeklagte verwirkt hatte.

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Katja Diedler

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Veröffentlicht am:
22. 07. 2019
18:06 Uhr

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Katja Diedler

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22. 07. 2019
18:06 Uhr



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