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Coburg

Jäger retten Rehkitze per Drohne

Die Frühjahrsmahd endet für Jungtiere oft tödlich. Das zu verhindern, setzen in Seßlach Landwirte und Jäger auf Luftaufklärung. Mit Erfolg, wie ein tragisches Ereignis zu Wochenbeginn zeigt.



Rehkitze und andere Wildtiere verstecken sich gerne in Wiesen. Per Wärmebildkamera (rechts) werden sie aufgespürt und so lange in Sicherheit gebracht, bis der Landwirt mit dem Mähen fertig ist.
Rehkitze und andere Wildtiere verstecken sich gerne in Wiesen. Per Wärmebildkamera (rechts) werden sie aufgespürt und so lange in Sicherheit gebracht, bis der Landwirt mit dem Mähen fertig ist.   » zu den Bildern

Seßlach - Wenn die Mähwerke anrücken, haben sie keine Chance: Rehkitze oder andere junge Wildtiere, die sich gern in den frischen, grünen Wiesen verstecken. Selbst bei einer Flächen-Inspektion vor dem Mähen vermag der Landwirt kaum die gut getarnten Tiere zu entdecken. Dabei ist jetzt während der Frühjahrsmahd die Gefahr besonders groß, fällt die Silage-Ernte doch mit der Setzzeit der Kitze zusammen. Besonders tragisch: Da diese so kurz nach der Geburt über keinen Fluchtinstinkt verfügen, ducken sie sich weg und verharren eingerollt am Boden, selbst beim Lärm der anrückenden Traktoren. Was den Jungen in den ersten sechs bis acht Wochen gegen natürliche Fressfeinde helfen mag, bedeutet in den Kreiselmähwerken den sicheren Tod. Rund 100 000 Kitze und andere Wildtiere verenden jährlich durch Mäharbeiten.

In Seßlach haben sich mit Jonas Grämer, Hannes Laudenbach, Markus Mildenberger, Niklas Sebald und Philipp Stark fünf junge Landwirte und Jäger zur "Rehkitz-Rettung" zusammengeschlossen, um die gefährdeten Jungtiere mit einer Drohne rechtzeitig aufzuspüren. Ausgestattet mit einer Wärmebildkamera vermag das kleine Flugobjekt aus der Vogelperspektive die Tiere zu erkennen. So können sie rechtzeitig vor der Mahd aus der Fläche getragen werden. Erst am Montag gelang es dem Eckersdorfer Laudenbach mit Jagdpächter Peter Franz dank der Drohne zwei junge Kitze zu retten.

Bei einem Autounfall nahe Heinersdorf hatte deren Mutter Sonntagnacht ihr Leben gelassen. Mitten in der Nacht rief die Polizei bei Franz an. "Es war am ausgebildeten Gesäuge deutlich zu sehen, dass die Geiß Nachwuchs hat", schildert er. Doch wo waren die Kitze? Das ließ dem Jagdpächter keine Ruhe: "Wir wollen ja das Leid minimieren." Also rief er Laudenbach an, damit er mit der Drohne kommt. Ein erster Suchversuch am Mittag schlug fehl, "wegen der schlechten Wärmesignatur".

Auch dank des Fiepens der Jungtiere, die da schon 12 bis 16 Stunden allein waren, konnte am Abend ein Kitz mit der Drohnenkamera aufgespürt und gesichert werden. Doch Laudenbach ahnte, dass es noch ein weiteres Junges gab, das 20 Minuten später auch gefunden wurde.

Bei Franz‘ Schwägerin Hildegard Eberhardt in Gleismuthhausen wurden die Geretteten erstversorgt. Sie hat Erfahrung in der Aufzucht von Jungtieren und verfügt über die Ausrüstung mit Nuckelflaschen, Einwegspritzen und Milchpulver von Schafen, das sonst für Lämmer gebraucht wird. "Das hat wunderbar geklappt, sie nehmen gut Milch auf", freut sich Laudenbach.

Offensichtlich wollten die Waisen kämpfen. Nachdem sie die erste Nacht geschafft hatten, sind beide - den Umständen entsprechend - wohlauf. Sie nähmen schon feste Stoffe wie Luzerne, Klee- oder Haselnusstriebe oder frische Weideblätter zu sich, informiert Laudenbach. Vorerst sollen sie bei Eberhardt bleiben, weil sie noch alle zwei bis drei Stunden ihre Flasche brauchen. Dort wurden sie am Mittwoch bereits von einer Tierärztin angeschaut und immunisiert. Dann sollen sie in ein Gehege nach Eckersdorf wechseln.

Die 5000 Euro teure Drohne haben Albert und Niklas Sebald angeschafft. "Eine erhebliche Investition", so Vater Albert, "aber die Kitz-Rettung war uns schon lange eine Herzensangelegenheit". Wie die Jäger sorgen sich die Sebalds um das Wohl der Tiere. Albert Sebald spricht von "Erntestress" oder auch "Ernteschock", bei den beteiligten Personen wie für die Tiere, denen plötzlich die Deckung fehlt. Da es öfter zu Disputen mit Jagdpächtern kam, machte der Senior 2019 zum besseren Verständnis von deren Sicht der Dinge selbst den Jagdschein. Dass sich in Seßlach das Verhältnis zwischen Landwirten und Jägern inzwischen stark verbessert hat, bestätigt Laudenbach.

In enger Absprache überfliegen die jungen Männer mit der Drohne die Wiesen, die zum Mähen anstehen. Dafür müssen sie früh aus den Federn: Nur in den kühlen Morgenstunden zeigt der Wärmekontrast zuverlässig die Wildtiere an. Später führen viele aufgeheizte Stellen, wie beispielsweise Maulwurfshügel, oft zu Fehlalarmen. Wird ein Tier identifiziert, fängt es die Begleitperson in Absprache mit dem "Drohnenpiloten". Mit einer Box oder einem Karton wird das Kitz am Feldrand gesichert, bis die Wiese abgemäht ist. "Maximal zwei Stunden darf es in der Box bleiben", so Sebald, außerdem dürfe es nicht mit Händen angefasst werden, damit ihm kein Geruch der Menschen anhafte.

"Die Resonanz ist gigantisch", zeigt sich Sebald begeistert. Viele Anfrage liegen seinen Angaben zufolge bereits vor. Auch die Seßlacher Jäger hätten ihre Bereitschaft zur Beteiligung signalisiert. Wurden beim ersten Einsatz bei Michael Ruppert in Seßlach noch keine Kitze gefunden, waren es bei Sebalds selbst am Sonntag schon zwei junge Rehe, die aus einer Wiese geholt wurden. Am Tag darauf kam es zu der erfolgreichen Rettungsaktion. Für Sebald gibt es "keine sichere Methode" die Kitze zu retten. Vom Drohneneinsatz verspricht er sich jedoch am meisten.

Autor

Bettina Knauth
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Veröffentlicht am:
21. 05. 2020
00:00 Uhr

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Bettina Knauth

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Veröffentlicht am:
21. 05. 2020
00:00 Uhr



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