Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

Coburg

Judenhass Bedrohung für ganze Gesellschaft

Ludwig Spaenle spricht in Coburg über zunehmenden Antisemitismus. Der Anschlag von Halle hebe ihn auf eine neue Eskalationsstufe.



Ludwig Spaenle (rechts), Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe, sprach im Coburger Rathaussaal über zunehmenden Judenhass; links neben ihm Oberbürgermeister Norbert Tessmer.
Ludwig Spaenle (rechts), Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe, sprach im Coburger Rathaussaal über zunehmenden Judenhass; links neben ihm Oberbürgermeister Norbert Tessmer.   Foto: Henning Rosenbusch » zu den Bildern

Coburg - Der Vortrag von Ludwig Spaenle (CSU), Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe, war lange geplant. "Doch an einem Tag wie heute fällt es schwer, in ein Gespräch über Antisemitismus einzusteigen", sagte Spaenle am Donnerstagnachmittag im historischen Rathaussaal in Coburg und meinte den Anschlag auf eine jüdische Synagoge in Halle am Mittwoch, bei dem ein rechtsextremistischer Täter zwei Menschen erschossen hat.

Zuvor hatte Spaenle laut einer Pressemitteilung von einer "neuen Eskalationsstufe antisemitischer Straftaten in Deutschland" gesprochen, "dieser Anschlag erschüttert die deutsche Gesellschaft fundamental." Ihn persönlich habe der bewaffnete Angriff auf betende Menschen in der Synagoge im sächsischen Halle an der Saale fassungslos und tief betroffen gemacht.

Oberbürgermeister Norbert Tessmer (SPD) ging es nicht anders. Er verwies bei der Begrüßung von Ludwig Spaenle darauf, dass 70 Prozent der in Deutschland lebenden Juden in Umfragen Angstgefühle äußerten. "Ich frage mich, was Menschen veranlasst, andere in Angst zu versetzen, zu beschimpfen, zu mobben, zu verletzen, zu töten. Das ist der Skandal, das ist Wahnsinn", sagte Tessmer.

In Coburg gebe es so etwas nicht. "Nicht, weil wir hier eine heile Welt haben, sondern weil es keine jüdische Gemeinde mehr gibt", so der Oberbürgermeister weiter. Vor genau 100 Jahren, im Oktober 1919, wurden in Coburg an zahlreiche Häuserwände erste antisemitische Flugblätter geklebt. Ab 1929 nahmen die Übergriffe auf jüdische Einwohner, deren Wohnhäuser und Geschäfte stark zu. Im März 1933 begann der offene Terror gegen jüdische Einwohner der Vestestadt. Die städtische Notpolizei nahm 39 Juden fest und folterte die meisten von ihnen.

1938 hatte die jüdische Gemeinde 133 Mitglieder. Im Herbst 1941 begannen die Nazi mit deren Deportation "und zum Schluss waren alle weg", sagte Norbert Tessmer - und war wieder bei Ludwig Spaenle und seiner Aufgabe, die laute, "jede Form des Antisemitismus zu bekämpfen und vorbeugend entgegenzuwirken sowie die Erinnerungsarbeit und die Pflege des historischen Erbes zu stärken".

Dass sich Judenhass in Deutschland breit macht und die gesamte Gesellschaft bedrohe, sei auch Mitschuld der AfD, sagte Ludwig Spaenle im Coburger Rathaus. Die rechte Partei senke mit ihrer Geschichtsklitterung ganz bewusst Toleranzschwellen und verschiebe Tabugrenzen, um anschließend zu betonen, man habe das alles ja nicht so gemeint.
Spaenle verglich diese Taktik mit der Echternacher Springprozession: "Zwei Schritte vor, einer zurück".

Im Internet sieht Ludwig Spaenle eine weitere der Hauptursachen für wachsenden Antisemitismus. Hier würden Menschen mit Judenhass konfrontiert, die ohne Digitalisierung damit nie in Berührung gekommen wären.

Offensichtlich werde vergessen, wie tief jüdisches Leben, das in Bayern erstmals im 10. Jahrhundert in Regensburg urkundlich nachgewiesen wurde, verwurzelt ist und welches wertvolle Erbe es hinterlassen hat. Diesen Nachlass will Spaenle ins Bewusstsein rücken: durch Schulunterricht und Angebote der Erwachsenenbildung, beispielsweise der Volkshochschule, aber auch mit dem "Jahr des jüdischen Lebens". Es ist für 2021 in Bayern geplant. Über 100 Organisatoren - vom Jagdverband über das Rote Kreuz und den Landessportverband bis zum Sportschützenbund und den Imkern - hat Ludwig Spaenle gewinnen können, sich mit der Definition des Antisemitismus und ihrem eigenen jüdischen Erbe zu befassen. Dabei geht es dem Beauftragten der Staatsregierung darum, mit möglichst vielen Menschen und Organisationen über jüdisches Leben und jüdische Kultur, aber auch über das Existenzrecht Israels ins Gespräch zu kommen. Aufgeworfen wird dabei die Frage, "was hat das mit uns zu tun?". Sehr viel, wie Spaenle meint. Die Antwort reiche von einer Auseinandersetzung der Verbände mit ihrer eigenen Nazi-Geschichte bis zur Diskussion über den konsequenten Umgang mit Mitgliedern, die antisemitische Ansichten äußern.

Auch im Coburger Rathaussaal fordert Ludwig Spaenle eine "Kultur des Hinschauens". Er berichtete nicht nur von einer deutlichen Zunahme antisemitischer Vorfälle in Bayern, sondern auch von einem Jugendlichen, der mit einer Münchner
U-Bahn gefahren ist und auf dessen Smartphone ein Symbol des Staates Israel zu sehen war. Der Junge wurde angepöbelt, und kein Erwachsener sei ihm beigesprungen. "Wir bauchen eine Kultur des Hinschauens, wenn Jüdinnen und Juden abwertend oder aggressiv behandelt werden". Diese Haltung sei Grundlage für eine Kultur des Handelns.

In seinem Schlusswort sagte Oberbürgermeister Norbert Tessmer, der Senkung der Hemmschwelle gegenüber jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern "müssen wir uns ganz entschieden entgegen stellen, da können wir das eine oder andere tun", so Tessmer. 3. Bürgermeister Thomas Nowak und Stadträtin Franziska Bartl (beide SPD) verwiesen dabei auf die "Woche der Brüderlichkeit" in Coburg. Sie hat auch den jüdisch-christlichen Dialog, die Zusammenarbeit zwischen Christen und Juden sowie die Aufarbeitung des Holocaust zum Ziel. Des Weiteren findet alljährlich am 9. November in Coburg eine Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht statt.

Autor
Wolfgang Braunschmidt

Wolfgang Braunschmidt

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
10. 10. 2019
18:56 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Alternative für Deutschland Antisemitismus CSU Deportationen Holocaust Juden Judentum Ludwig Spaenle Nationalsozialisten Norbert Tessmer Rechtsradikalismus Reichspogromnacht Rotes Kreuz SPD Synagogen Terrorismus Thomas Nowak
Coburg
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Das Prügelhaus in der Ketschengasse war einer der Stationen des Gedenkweges. Matthias Eckardt vom Deutschen Gewerkschaftsbund erinnerte an die Gräueltaten der Nazis. Foto: Desombre

10.11.2019

Am Anfang war das Wort

Ein Gedenkweg durch Coburg erinnert an das deutsche Schicksalsdatum 9. November. Der Oberbürgermeister warnt davor, Distanz zur Geschichte entstehen zu lassen. » mehr

So viele Kandidaten wie noch nie

31.10.2019

Bürgermeister-Wahl in Coburg: So viele Kandidaten wie noch nie

Am 15. März 2020 läuft der erste Durchgang zur Oberbürgermeisterwahl in Coburg. Bei der Vielzahl der Kandidaten könnte zwei Wochen später eine Stichwahl notwendig sein. » mehr

Die Trinkhalle, die Harry Golandsky von seinem Vater Gilel übernommen hatte. Fotos: Peter Tischer

13.05.2019

Spurensuche wider das Vergessen

Heimatpflegerin Isolde Kalter erinnert in einem Vortrag an jüdische Schicksale in Neustadt und Sonneberg. Darunter auch an die glückliche Rettung von Gilel Golandsky. » mehr

Gerichtspräsident Anton Lohneis betrachtet ein Bild auf dem ein Anwalt aus München von SA-Schlägern gezwungen wird mit abgeschnittener Hose und einem Transparent um den Hals durch die Stadt zu laufen, weil er sich für einen Klienten eingesetzt hatte.	Foto: Henning Rosenbusch

10.07.2019

Anwälte als Opfer

Eine Ausstellung erzählt vom Schicksal jüdischer Anwälte unter den Nazis. Sie erinnert daran, dass in einem Unrechtsstaat selbst Juristen nicht sicher sind. » mehr

Schön aber teuer: Die Stadt Coburg muss das Defizit tragen, das aus dem Betrieb des Landestheaters resultiert. In diesem Jahr werden es wahrscheinlich 100 000 Euro mehr sein, die im Stadtsäckel fehlen.

24.10.2019

Coburg: Theater droht ein Defizit

Am Ende des Jahres könnten 100 000 Euro in der Kasse fehlen. Der Stadtrat stärkt den Verantwortlichen aber den Rücken. » mehr

Tobias Debudey zeigt verschiedene Gräber auf dem muslimischen Teil des Coburger Friedhofes. Bislang ist hier noch viel Platz. Foto: Diedler

31.10.2019

Integration auch im Jenseits

Die meisten Muslime lassen bislang verstorbene Angehörige in die alte Heimat überführen. Ein neues Gesetz könnte das in Zukunft ändern. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Coburger Weihnachtsbaum 2019

Anlieferung Coburger Weihnachtsbaum | 18.11.2019 Coburg
» 19 Bilder ansehen

BBC Coburg - Gießen 46ers Rackelos 101:78 (58:34) Coburg

BBC Coburg - Gießen 46ers Rackelos 101:78 (58:34) | 17.11.2019 Coburg
» 46 Bilder ansehen

Rathaussturm in Steinberg Steinberg

Rathaussturm in Steinberg | 16.11.2019 Steinberg
» 8 Bilder ansehen

Autor
Wolfgang Braunschmidt

Wolfgang Braunschmidt

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
10. 10. 2019
18:56 Uhr



^