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Coburg

Kunst des heimischen Handwerks

Besitzer von Fachwerkgebäuden sollten aufmerken: Womöglich haben sie Kunsthistorisches an der Wand. Die Uni Bamberg macht sich im Raum Seßlach auf Spurensuche.



Im Rahmen eines frankenweiten Projekts werden Fassaden im ländlichen Raum erfasst. Unter Leitung von Dr. Thomas Wenderoth wird dazu nun an der Universität Bamberg eine Masterarbeit angefertigt, die sich auf das Gebiet um Maroldsweisach und Seßlach spezialisiert.	Foto: Kaufmann
Im Rahmen eines frankenweiten Projekts werden Fassaden im ländlichen Raum erfasst. Unter Leitung von Dr. Thomas Wenderoth wird dazu nun an der Universität Bamberg eine Masterarbeit angefertigt, die sich auf das Gebiet um Maroldsweisach und Seßlach spezialisiert. Foto: Kaufmann  

Seßlach/Maroldsweisach - Ist das Kunst, oder kann das weg? Eine Gretchenfrage, die sich so manchem Hausbesitzer bei der Renovierung seines alten Gemäuers stellt. Und die leider oft mit gnadenlosem Entfernen alter Gestaltung zugunsten moderner Optik beantwortet wird.

Kratzputz

Kratzputz ist die Bezeichnung für eine künstlerische, verzierende Verputztechnik in der ländlichen Bautradition, die bis in das 17. Jahrhundert zurückgeht. Diese handwerkliche und gestalterische Technik beschreibt die Verzierung von Fachwerkfassaden mit ornamentierten Putzen. Muster sind Figuren, Blumen, Symbole und grafische Formen. Die Putzfelder weisen eine reliefartige, flächige Struktur auf, die die Oberfläche eines Hauses lebendig erscheinen lassen. Die Darstellungen werden meist eingeritzt und durch Stempel, Nagelbretter oder Reisigbündel auf vorher geglätteten, frischen Putzgrund eingeprägt.

 

Dass sie etwas Besonderes an ihrer alten Hauswand haben, sollen die Bewohner im Raum Seßlach/Maroldsweisach erfahren, wenn es nach Dr. Thomas Wenderoth geht. Der Architekt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kompetenzzentrum für Denkmalpflegewissenschaften und -technologien der Universität Bamberg und in diesen Tagen gemeinsam mit seiner Studentin Laura Deglmann in der Gegend unterwegs. Ihre Mission: die Erfassung von Kratzputzen.

 

Es ist ein frankenweites Projekt, das das Freilandmuseum Bad Windsheim im Jahr 2008/09 angestoßen hat. Kratzputze bezeichnet die Gestaltung der Zwischenflächen im Fachwerk; verputzte Flächen also, in die der ausführende Handwerker etwas hinein "gekratzt" hat. Ist das also nun Kunst, oder gehört das zum Handwerk? Thomas Wenderoth lacht. "Das ist Kunsthandwerk im besten Sinne."

Weil das aber eben nicht jeder als solches erkennt respektive wertschätzt, ist der historische Wandschmuck stellenweise rar geworden. Im Forchheimer Raum beispielsweise, wo doch eigentlich auch das Fachwerk glänzt, gibt es ihn kaum noch. Reichlich erfasst wurde dagegen bereits im Heldburger Land, und auch für den Steigerwald liegen schon Ergebnisse vor. "Nun wollten wir uns einmal dem Zwischenbereich widmen", erklärt Thomas Wenderoth.

Für ihre Masterarbeit zu diesem Thema hat Laura Deglmann das Erfassungsgebiet eingegrenzt auf das Gemeindegebiet Maroldsweisach und den angrenzenden Raum, die Hofheimer Gegend also, die Dörfer an der thüringischen Grenze und ebenso alles rund um Seßlach. Ein Eldorado an Kratzputzen hat Thomas Wenderoth in Gemünda ausgemacht, doch auch Ditterswind, ein Ortsteil von Maroldsweisach, hat reichlich vorzuweisen.

Die Erklärung ist relativ simpel: Die meisten Kratzputze lassen sich an älteren landwirtschaftlichen Gebäuden finden. Davon gibt es in der Region zum einen noch mehr, zum anderen werden die Scheunen und Höfe schlicht seltener renoviert, was die Wahrscheinlichkeit alter Funde erhöht. "In Ditterswind befinden sich noch acht Gebäude und in Marbach fünf, an denen Kratzputz vorhanden ist", berichtet Laura Deglmann. "Alle sind Wirtschaftsgebäude, die zum jetzigen Zeitpunkt häufig als Lager dienen." Bei ihrem Gang durchs Dorf fand die Studentin offene Türen bei den Gebäude-Besitzern vor.

Dass sie etwas Besonderes an ihren Fassaden haben, wussten die meisten allerdings nicht. Dabei gibt es einiges zu entdecken, wenn man sich die Putz-Werke genauer anschaut. Der zwischen den Fachwerkbalken aufgetragene Putz ist mit einer geritzten Rahmung versehen, fast immer findet sich darin eine besondere Ausgestaltung, manchmal auch nur Punkte. "Gestupft" sind diese, wissen die Experten, mit einem Reisigbesen im Putz verewigt. Die unterschiedliche Ausgestaltung unterlag der Freiheit des Ausführenden und war somit so etwas wie das Markenzeichen der Handwerker, es zeigen sich aber auch regionale und zeitliche Unterschiede. Die ältesten Gebäude mit Zeugnissen der Kratzputz-Kunst datieren auf das 18. Jahrhundert, mehr sind es aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts - was natürlich wieder mit dem Gebäudebestand selbst zu tun hat, wie Thomas Wenderoth betont.

Am schönsten sind sicherlich die Sinnsprüche und figürlichen Gestaltungen, von denen Laura Deglmann und Thomas Wenderoth auch in Ditterswind Beispiele zeigen können. So gibt es an einem Gebäude Informationen über die Erbauung, die in den Mörtel geritzt sind: "Bauherr Heinrich Holzheid" und "5. Mai 1949 RÖser HSchmitt" heißt es da etwa. Oder anderswo: "Zum Andenken unserer Handlanger Anna u Hannchen Schneider". Manchmal finden sich aber auch liebevolle Szenen wie an einem Gebäude von 1949 in Ditterswind: Mit Sonne, Bäumchen und sogar Figuren hat sich hier jemand verewigt.

Und auch Sinnsprüche in Reimform lassen sich finden - die zweifellos auch heute noch aktuell sind und somit gerne eine Zierde bleiben dürfen: "Wer da bauet an der Straßen muss die Leute reden lassen. Ein jeder baut nach seinem Sinn, denn keiner kommt und zahlt für ihn."

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Tanja Kaufmann

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Veröffentlicht am:
21. 05. 2019
18:24 Uhr

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Tanja Kaufmann

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21. 05. 2019
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