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Coburg

Lecker kochen allein reicht nicht

Früher hatte jedes Dorf seine Gaststätte. Diese Zeiten sind längst vorbei. Auch im Neustadter Umland. Die Gründe dafür sind vielfältig.



Rouladen mit Klößen: Da läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Leider gibt es immer weniger Gaststätten, wo man das klassische Sonntagsgericht bekommt. Foto: juefraphoto/Adobe Stock
Rouladen mit Klößen: Da läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Leider gibt es immer weniger Gaststätten, wo man das klassische Sonntagsgericht bekommt. Foto: juefraphoto/Adobe Stock  

Neustadt - "Gastwirtschaft zu verpachten" oder "Suche Nachfolger für gut frequentiertes Café": Solche und ähnliche Anzeigen gibt es immer häufiger zu lesen. Ein Zeichen dafür, dass sich das Gaststättengewerbe weiter auf Talfahrt befindet.

1994 hatte die Stadt rund 120 Gastronomiebetriebe. Zurzeit sind es noch gute 100. In Summe bedeutet das für die Stadtteile noch 29, für die Kernstadt 69. Doch die Zahlen trügen. In dieser Summe sind alle Lokale enthalten, die irgendetwas mit Essen und Trinken zu tun haben. Also auch Gartenkolonien, Stehimbisse und Dönerbuden. Betrachtet man nämlich die Gaststätten im herkömmlichen Sinn, dann fällt die Bilanz weit nüchterner aus. Rund ein Dutzend sind in Neustadt und seinen Stadtteilen übrig geblieben, wobei das beileibe kein Neustadt spezifisches Problem ist. Zuletzt wurde mit der Gaststube "Zum weißen Bären" ein weiteres Traditionshaus geschlossen, es wird nicht das letzte bleiben.

Das haben auch die Brauereien und anderen Verpächter längst erkannt, die zwar nach wie vor noch Interessenten für ihre zu verpachtenden Gastronomiebetriebe haben, doch es gibt zu wenige, die wirklich in Frage kommen und adäquat wirtschaften können. Da verfahren die Brauereien eher nach der Devise "Insolvenzen hatten wir schon genug." Auch renommierte Gaststätten wie der Lindenhof in Ketschenbach bekommen den beißenden Wind von rückläufigen Gästezahlen zu spüren. Hannes Muff, Lindenhofwirt: "Auch bei mir sind Stammgäste weggebrochen, dafür habe ich mich unter anderem auf den Klößverkauf oder auch auf Partyservice oder Veranstaltungen spezialisiert." Der erste große Einbruch sei bei der Euro-Umstellung zu verzeichnen gewesen, die Senkung der Promillegrenze und schließlich das Rauchverbot, benennt Muff als weitere Gründe, warum immer mehr Gaststätten aufgeben. So sind mittlerweile einige Stadtteile gänzlich ohne Gastronomiebetrieb, sieht man von Gemeindehäusern und Sportgaststätten ab.

Steffen Gunsenheimer vom gleichnamigen Landgasthaus betont: "Man muss sich immer wieder aufs Neue beweisen und durch Qualität und Service überzeugen." Man sei nun einmal hier keine Touristenregion wie Bad Staffelstein. "Wir müssen die Gäste mit gutem Essen und schönem Ambiente anlocken. Die kommen nicht einfach so mal nach Meilschnitz gefahren", erklärt er. Fechheim ist vom Gaststättensterben ebenso betroffen wie Plesten, das auch seine beiden Gasthäuser verloren hat. Von den Bergdörfern haben nur noch Rüttmannsdorf eine Gastwirtschaft.

Noch gibt es zwar genügend Ausgeh- und Essensmöglichkeiten, wobei die langjährigen Pizzerien etc. einschlossen sind. Aber: Die klassischen Speiselokale sind rar geworden. Zumal das Ausgehverhalten auch mit der Gesamtkonzeption einer Kommune zusammenhängt.

Noch ein anderes Phänomen ärgert die Wirtsleute: Auf der einen Seite wollen die Gäste, dass frisch gekocht wird, auf der anderen haben sie keine Zeit mehr, darauf zu warten. Anfragen auf Mittagessen "to go" steigen immens und der Trend zur schnellen Essenabwicklung macht auch vor Gaststätten nicht halt. Besonders beim Mittagessen. Beim Abendessen bzw. am Wochenende sei das anders.

Wirte müssen daher oft auch mehrere Standbeine haben: Saalbetrieb, Tagesmittagsgeschäft, Stammtische, Vereinssitzungen, Catering und vor allen Dingen muss man ganzjährig geöffnet haben. Allein mit Biergartenbetrieb kann man sich kaum über Wasser halten. Wobei auch die sonst so zuverlässigen Stammtische wegbrechen: "Die sterben im wahrsten Sinne des Wortes weg", so die Wirte süffisant.

Schaut man über den Tellerrand, dann erkennt man, dass dies längst kein Neustadt-typisches Problem darstellt. Auch in Coburg beispielsweise schloss ein gastronomisches Aushängeschild wie das Alte Schützenhaus, um als Pizzeria neu zu eröffnen. So fehlt mit der typischen Dorfwirtschaft schließlich auch so etwas wie "der Dorfmittelpunkt", die Kommunikationszentrale, die angesichts von facebook & Co. natürlich nicht mehr gebraucht wird.

Nicht zuletzt deshalb warnt auch der Hotel- und Gaststättenverband vor einer unbedachten Neueröffnung. "Es gehört neben einem fundierten kaufmännischen Wissen natürlich auch die fachliche Kompetenz dazu sowie ein Gespür für den Gast." Zudem fehle es an Fachkräften, die auch die gewisse Motivation mitbringen und "auch etwas bewegen wollen".

Auch für Neustadt gebe e kein Gesamtkonzept, jeder kämpfe an seiner Front, so die Wirte. Die Umgestaltung der Innenstadt könnte zumindest eine Rahmenbedingung schaffen damit mehr Menschen in die Stadt kommen. Davon könnten dann auch die Gastwirtschaften profitieren.

Autor

Peter Tischer
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Veröffentlicht am:
28. 08. 2019
16:30 Uhr

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Autor

Peter Tischer

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Veröffentlicht am:
28. 08. 2019
16:30 Uhr



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