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Coburg

Mutige Jungs in flotten Kisten

Vor 70 Jahren schwappte ein Trend aus den USA nach Kronach. Tausende Schaulustige verfolgten Seifenkisten-Rennen. Nahe Friedrichsburg ging es zu wie in der Formel 1.



Sehr fantasievoll waren die Rennfahrzeuge bei den Seifenkistl-Rennen konstruiert. Repros: Gerd Fleischmann
Sehr fantasievoll waren die Rennfahrzeuge bei den Seifenkistl-Rennen konstruiert. Repros: Gerd Fleischmann   » zu den Bildern

Kronach/Friedrichsburg - Wenige Jahre nach Kriegsende standen neben "König Fußball" vor allem die Seifenkistl-Rennen bei Friedrichsburg auf der Bundesstraße 85 im Kreis Kronach hoch im Kurs. Während vor 70 Jahren bereits 5000 Fans mobilisiert werden konnten, bahnte sich 1950 der Höhepunkt an: 9000 Zuschauer verfolgten das Wettkampfgeschehen.

Seifenkistenrennen in Schlettach

Ein Seifenkistenrennen wird am Samstag, 10. August, in Schlettach veranstaltet. Anlass dafür ist das zehnjährige Bestehen der Backhausfreunde Schlettach. Vorbild für das Rennen sind die Wettkämpfe in den 1990er-Jahren in der Mohrenstraße in Coburg, "auch wenn wir deren Dimensionen natürlich nicht erreichen können", sagt Rainer Schellenberger, Vorsitzender der Backhausfreunde. Gestartet wird am Schlettacher Berg, dafür wird die Ortsdurchfahrt gesperrt. Die Rennstrecke ist 200 Meter lang. Teilnehmen können Kinder im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren. Eine Startgebühr wird nicht erhoben. Die Seifenkisten müssen mindestens drei Räder haben. Eine Lenkstange in Längsrichtung ist nicht erlaubt. Dies wird bei der technischen Abnahme am 10. August ab 14 Uhr überprüft. Zum Schlettacher Bergrennen, das die Neue Presse unterstützt, sind nur selbstgebaute Seifenkisten zugelassen. Jeder Teilnehmer erhält eine Urkunde. Die Sieger werden mit Pokalen ausgezeichnet, und die schönste Seifenkiste wird prämiert. Weitere Informationen können per E-Mail angefordert werden: backhausfreunde-schlettach@gmx.de.


Dieser Jugendsport war nach dem Zweiten Weltkrieg aus den USA nach Deutschland herübergeschwappt. Erstmals war 1934 die Stadt Akron, Geburtsort von Lynn C. Keck, seinerzeit Resident-Officer von Kronach, Schauplatz dieser Wettkämpfe. Innerhalb weniger Jahre hatte sich das "Soap-Box-Derby", wie das Seifenkistenrennen auf Englisch heißt, zu einer der beliebtesten Sportarten der Jugend in den US-Staaten entwickelt. Keck förderte eifrig diesen außergewöhnlichen Wettkampf im Frankenwald, bei dem neben Mut insbesondere Kreativität gefragt war.

Der Name "Seifenkiste" leitete sich ab von einem Werbegag einer amerikanischen Seifenfabrik: Sie versah die Verpackungskisten ihrer Seifen mit dem Grundriss eines kleinen, leicht herzustellenden Automobils.

Gemeinsam sorgten die Gemeinden Friedrichsburg und Thonberg in Zusammenarbeit mit Polizei, Feuerwehr und Rotem Kreuz für ein gutes Gelingen. Landauf, landab fieberte die Jugend dem Wettkampfgeschehen entgegen. Unter geschickten Händen, vielfach mit Unterstützung der Väter, entstanden fantasievolle Gefährte. Die Bastler und Tüftler hatten wieder einmal ihre große Zeit.

Am 30. August 1949 war es dann so weit. Bereits am Vormittag fanden die ersten Probeläufe statt, um den Fahrern Gelegenheit zu geben, die Rennstrecke kennen zu lernen. 72 Fahrer und sieben Teilnehmer außer Konkurrenz, von denen der Jüngste erst acht Jahre alt war, bestritten das Rennen. Landpolizei und Feuerwehr sorgten für Ordnung, und das Rote Kreuz Kronach übernahm den Sanitätsdienst. Zwei Reparaturwerkstätten hatten alle Hände voll zu tun, kleine Schäden, die beim Probelauf entstanden waren, zu beheben.

Die Rennstrecke bot ein fröhliches Bild, waren doch nicht nur alle Hänge besetzt, sondern sogar auf den Bäumen saßen "Zaungäste", um nichts zu versäumen. Gespannt verfolgten die Zuschauer das Rennen, und es gab immer wieder Jubelstürme, wenn einer "ihrer" Fahrer das Ziel als Erster passierte. Es war ein Glück, dass die Rennstrecke so gut mit Strohballen gepolstert war, denn die leichten Rennwagen erreichten auf der steilen Strecke ein beträchtliches Tempo, und es war nicht immer leicht, die Wagen durch die scharfen Kurven zu steuern. So wurde den Fahrern äußerste Konzentration abverlangt, um nicht in einem Strohballen zu landen. So mancher Wagen drehte sich um die eigene Achse. Der Sieger des Rennens, Ferdinand Raab aus Förtschendorf, holte sich in der Zeit von 59,6 Sekunden den ersten Preis, eine achttägige Reise nach Oberbayern sowie ein Fahrrad, gestiftet von Mr. Keck. Zweiter wurde Horst Beständig aus Pressig mit 60,1 Sekunden. Er erhielt ein Radio der Firma Opta, Kronach. Dritter wurde Max Lieb aus Pressig mit 61,8 Sekunden, der ein Fahrrad erhielt. Vierter wurde Erich Beetz, Kronach, mit 59,8 Sekunden. Sein Preis: ein Maßanzug der Firma Peterhänsel, Kronach.

Ein Jahr später, am 21. Mai 1950, war es wieder so weit. Väter gaben ihren Söhnen letzte Regieanweisungen. Die Spannung steigerte sich, bis um 13.30 Uhr der Start erfolgte, begleitet von impulsiven Zurufen der 9000 Zuschauer.

60 Jungen aus 27 Gemeinden lieferten sich auf der 500 Meter langen Strecke ein heißes Rennen, wobei der Asphalt unter der Sonnenglut immer weicher wurde. Als Erster ging Hermann Leipold aus Wallenfels mit 53 Sekunden durchs Ziel, als Zweiter Max Lieb aus Pressig mit 53,1 Sekunden und als Dritter Gerhard Güntzel aus Steinwiesen mit 53,4 Sekunden. Leipold, der 1949 Sechster geworden war, erhielt den Siegerpokal und wählte sich dazu einen Radioapparat aus, während Lieb sich als Preis ein Fahrrad aussuchte. Güntzel dagegen nahm das Kaffeeservice. Der beste Fahrer ohne Kugellager, Hermann Schwabe aus Ludwigsstadt, der eine Zeit von 59,8 Sekunden geschafft hatte, erhielt die von der Kronacher Neuen Presse gestiftete Armbanduhr.

Das Seifenkistl-Rennen im Mai 1951 stand allerdings unter einem schlechten Stern. Lediglich der erste Durchgang konnte durchgeführt werden. Einsetzender Regen machte die Strecke zu gefährlich. Zum Leidwesen der etwa 7000 Zuschauer musste die Veranstaltung abgebrochen werden.

Autor

Gerd Fleischmann
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Veröffentlicht am:
17. 06. 2019
17:02 Uhr

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Autor

Gerd Fleischmann

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Veröffentlicht am:
17. 06. 2019
17:02 Uhr



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