Lade Login-Box.
Topthemen: BlitzerwarnerGlobe-TheaterStromtrasseHSC 2000 Coburg

Coburg

Neustadt, Sonneberg und die AfD

In den Nachbarstädten sind die Rechtspopulisten besonders stark. Von Thüringen gehe ein "Ansteckungs-Effekt" aus, meint ein Politologe. Aber das ist höchstens ein Teil des Problems.



In Neustadt und Sonneberg ziemlich angesagt: die AfD.	Symbolbild: Sebastian Willnow (dpa Archiv)
In Neustadt und Sonneberg ziemlich angesagt: die AfD. Symbolbild: Sebastian Willnow (dpa Archiv)  

Neustadt/C - Bundesweit stimmten knapp elf Prozent aller Wähler bei der Europawahl für die AfD. Sowohl die Stadt mit 7,9 Prozent als auch der Landkreis Coburg mit 8,9 Prozent liegen deutlich unter dieser Marke. Trotzdem gibt es auch hier Gebiete in denen die AfD stärker abgeschnitten hat. Ihre Hochburg im Coburger Land ist Neustadt. Hier haben es die Rechtspopulisten geschafft, 13,89 Prozent aller Stimmen auf sich zu vereinigen. In keiner anderen Gemeinde im Landkreis ist es der AfD sonst gelungen auch nur ein zweistelliges Wahlergebnis zu erzielen.

Warum ist das so? "Ich kenne die Beweggründe der Wähler, die so gestimmt haben, im Einzelfall nicht", erklärt Neustadts Oberbürgermeister Frank Rebhan (SPD). Zwar sei das Wahlergebnis mit Blick auf den restlichen Landkreis auffällig. "Vergleichen wir es jedoch das mit dem Ergebnis der bayerischen Landtagswahl, dann ist der Zuspruch für die AfD in Neustadt rückläufig", sagt er. So habe die AfD bei den Gesamtstimmen diesmal weniger Zuspruch erhalten, als bei der Landtagswahl - damals waren es 15,8 Prozent.

"Ich möchte nicht spekulieren, was die AfD so stark macht. Ich bin aber überzeugt, dass es nicht am fehlenden Engagement in der Kommunalpolitik liegt", betont der Oberbürgermeister. Bei der Landratswahl Anfang diesen Jahres habe der AfD-Kandidat weitaus schwächer abgeschnitten als bei der Europawahl.

"Man muss zwischen kommunalen und überregionalen Wahlen unterscheiden", betont auch Christian Dressel (parteilos), der stellvertretende Bürgermeister von Sonneberg. In der thüringischen Nachbarstadt von Neustadt/C. gewann die AfD sogar 28,6 Prozent der Stimmen und wurde damit stärkste Partei. "Ich glaube, diese Europawahl zeigt, dass die beiden großen Volksparteien die Leute einfach unzureichend mit ihren Antworten erreichen", erklärt Dressel. Dies könne man auch im Westen beobachten, wo die Grünen in vielen Regionen am besten abgeschnitten haben. Dort würden Umweltthemen, vor allem der Klimawandel, den Menschen besonders am Herzen liegen. Und im Osten bediene die AfD bei den Wählern eine Sehnsucht nach mehr Gerechtigkeit. "Viele hier fühlen sich von der großen Politik heute noch immer ungerecht behandelt", meint der Kommunalpolitiker.

"Die AfD profitiert in den neuen Bundesländern von einer Mischung aus Sorge und DDR-Nostalgie", vermutet Christoph Jakobs. Er lebt mit seiner Frau in Neustadt und betreibt gemeinsam mit ihr in Sonneberg das Schirmtheater Musenkuss. Von 2003 bis 2010 lebten die beiden in Sonneberg. Heute wohnen sie in Neustadt. Mit ihrem Stück "Hallo Europa, Europa ahoi!", klären sie Vorschulkinder in Sonneberg über die Nationen Europas auf. "Ich glaube, mit dem Ende der DDR ist vielen im Osten ein Gefühl von Sicherheit verlorengegangen", erklärt Jakobs. Die Leute seien mit dem politischen System der Wahlfreiheit und der grenzenlos wirkenden Informationsvielfalt überlastet. Ihre Sorgen würden die Menschen an ihre Kinder weitergeben. Die AfD verspräche den Leuten eine Vision von Klarheit, die sie vermissen würden. "Mich verwundert lediglich, dass die Leute nicht stärker die Linkspartei wählen", meint Jakobs. Die sei früher die politische Heimat für viele Menschen in der Region gewesen.

Warum aber ist Neustadt - zumindest im Coburger Land - eine Hochburg der AfD. Der Bamberger Politikwissenschaftler Professor Dr. Thomas Saalfeld hat eine bemerkenswerte Theorie: "Das liegt vermutlich an der Nähe zur thüringischen Grenze." Der Erfolg der AfD bei den Nachbarn färbe vermutlich auf Neustadt ab. "Politologen nennen das einen Ansteckungs-Effekt", erklärt der Wissenschaftler. Dafür gäbe es unterschiedliche Gründe: Einerseits seien Grenzregionen oft durch ein Gefühl der Benachteiligung miteinander verbunden und stünden vor ähnlichen Herausforderungen. Andererseits würden politische Ortsgruppen oft zusammenarbeiten. "Solche politischen Netzwerke sehen wir insbesondere bei extremen Parteien", betont der Wissenschaftler. Sei eine Ortsgruppe besonders erfolgreich, unterstütze sie benachbarte Gruppen mit Ressourcen und bei dem Aufbau eigener Strukturen. "Welcher dieser Gründe letztendlich für das Neustadter Ergebnis verantwortlich ist, kann ich ohne eine genaue Untersuchung jedoch nicht sagen", betont Saalfeld.

Dass der Zuspruch für die AFD nicht allein mit der direkten Nähe zum Osten zu erklären ist, zeigt ein Blick Coburg. Im Stadtteil Wüstenahorn stimmten 14,56 Prozent aller Wähler für die AfD. "In dieser Gegend hatten wir schon immer solche Tendenzen", erinnert sich Coburgs dritter Bürgermeister, Thomas Nowak. Früher seien es die Republikaner gewesen, die in Wüstenahorn punkteten, heute eben die AfD. "Ich bin enttäuscht, dass sich die politische Stimmung trotz des Engagements, das die Stadt Coburg in den letzten zehn Jahren gezeigt hat, dort nicht verändert", meint er. Die Schuld an dieser politischen Misere trage nicht die Kommunalpolitik. Was wohl gleichsam für Neustadt und Sonneberg gilt.

Siehe Kommentar Seite 20

Autor

Andreas Wolfger
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
31. 05. 2019
17:34 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Alternative für Deutschland Europawahlen Frank Rebhan Kommunalpolitik Landtagswahlen Landtagswahlen in Bayern Politikwissenschaftler Rechtspopulisten SPD Stadt Coburg Städte Thomas Nowak Wahlergebnisse Wähler Wüstenahorn
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Mit einem Porträt schickte das Mitarbeiterteam den Chef in den wohlverdienten Ruhestand. Im Bild (von links): Ingrid Marr, Gerhard Heinzl, Natalia Gukowa und Uli Wolf. Foto: Desombre

24.07.2019

Wüstenahorn sagt Danke

Er war eine prägende Kraft des Coburger Stadtteils. Nun tritt Gerhard Heinzl, Leiter des Kinder- und Jugendzentrums, den Ruhestand an. » mehr

3. Bürgermeister Thomas Nowak (Mitte) ist mit dem Goldenen Ehrenring der Stadt Coburg ausgezeichnet worden. Die hohe Ehrung nahm Oberbürgermeister Norbert Tessmer vor. Dazu gratulierte auch 2. Bürgermeisterin Dr. Birgit Weber. Foto: Braunschmidt

27.06.2019

Streiter für eine soziale Stadt

Thomas Nowak erhält den Goldenen Ehrenring, den Coburg vergibt. Damit wird sein Einsatz für Bürgerinnen und Bürger gewürdigt. » mehr

Interview: mit Dr. André Haller, Lehrbeauftragter für Zukunftswissenschaften an der Hochschule Coburg

22.05.2019

"Jeder kennt die Gurkennorm"

Nur für die Kandidaten interessiert sich kaum einer. André Haller lehrt Kommunikation an der Hochschule Coburg Er weiß, warum. » mehr

Katerstimmung bei Coburger Genossen

27.05.2019

Katerstimmung bei Coburger Genossen

Über das Ergebnis bei der Europawahl sind hiesige SPD-Funktionäre "tief enttäuscht. Vor der Kommunalwahl im kommenden Jahr haben sie trotzdem keine Angst. » mehr

Fortschritte beim Innenausbau: Projektbetreuerin Eva Biederer von der Wohnbau und 3. Bürgermeister Thomas Nowak in der künftigen Küche.

02.08.2019

Schmuckstück am Wolfgangsee

Die Arbeiten am Bürgerhaus im Stadtteil Wüstenahorn schreiten voran. Ziel ist es, das Objekt noch vor dem Weihnachtsfest zu eröffnen. » mehr

Roza Koch

11.07.2019

Roza Koch ist neue Managerin des Quartiers

Bürgermeister Thomas Nowak hat am Donnerstag die neue Quartiersmanagerin für Wüstenahorn vorgestellt. . » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Helge Schneider im Naturtheater Steinbach-Langenbach

Helge Schneider im Naturtheater Steinbach-Langenbach | 25.08.2019 Steinbach-Langenbach
» 12 Bilder ansehen

Festtag für Prinz Albert im Schloss Rosenau

Festtag für Prinz Albert im Schloss Rosenau | 25.08.2019 Rödental
» 24 Bilder ansehen

Festumzug zum Schützenfest Steinbach am Wald

Festumzug zum Schützenfest Steinbach am Wald | 25.08.2019 Steinbach am Wald
» 7 Bilder ansehen

Autor

Andreas Wolfger

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
31. 05. 2019
17:34 Uhr



^